13. Januar 2026, Dienstag
MadW hat in den Wochen vor Trumps Wiederantritt (Januar 2025, vor genau einem Jahr also) und natürlich noch lange danach geradezu obsessiv über den jeweils aktuellen Horror des Kandidaten geschrieben, ja, so lange gibt es diesen Blog schon (wir berichten seit Mai 2024), da ging es dieser Ein-Mann-Zeitung hier nicht anders als den anderen Medien.
Über Trump zu berichten, das war gewissermaßen ein täglicher Selbstreinigungs-Vorgang, bei dem man versuchte, die aktuellen Superscheußlichkeiten, all die Lügen, Hässlichkeiten, Verdrehungen und Perversitäten von sich abzuwaschen und in den Ausguss zu spülen, da konkret mit Wasser und Seife gegen vorzugehen, gegen all die Übertretungen der Grenzen des guten Geschmacks, des Anstand, des Rechts, des normalerweise Sagbaren zwischen Menschen, der Menschenwürde, der UN-Menschenrechtskonventionen und so weiter.
Nun nehmen wir Abschied, auch von der eigenen Obsession, es gibt zu ihm, dem orangefarbenen Schweinepriester, nichts mehr zu sagen — absolut nichts, nicht den abertausendsten Hitler-, Wilhelm-II- und Darth-Vader-Vergleich, nichts betont Sachliches, kontrolliert Kluges, genau Gedachtes, auch nichts überraschend Positives, nichts intelligent Relativierendes, das gab es vielleicht noch nie, aber jetzt ist jedes Wort, ganz gleich, in welche Richtung es ausschlägt, vollkommen obsolet und offenkundig wirkungslos geworden, seitdem er und seine Schergen im Außen- und Kriegsministerium immer deutlicher ankündigen, die Insel Grönland und ihre schutzloses Bevölkerung in den bunt gestrichenen Häuslein der Hauptstadt Nuuk mit der ganzen Schlagkraft der US Forces, der teuersten und hochgerüstetsten Armee der Geschichte, zu überfallen und zu besetzen und dem eigenen Hoheitsgebiet einzuverleiben, und man erleben muss, wie sich die gewählten Führer der Demokratien in Europa/ wie sich Macron, Starmer, Merz und Tusk vor Angst und sicherlich auch vor Scham über die eigene Hilf- und Wehrlosigkeit buchstäblich in die Hose pinkeln, so stellt man es sich zumindest vor, natürlich auch im Angesicht des nun für die nächste Zukunft sehr realen Zerstauben der Schutzmacht NATO und der plötzlich sehr konkreten und wahrhaft akuten Schutzlosigkeit der europäischen Bevölkerungen vor den Atomraketen und Eroberungsgelüsten des Schlächters und Autokraten Putin.
Trumps neueste Obszönität, seine Drohung gegen das Grönland-Inselland, das ist wie die Ankündigung eines Präsidenten, sich an einem Kind sexuell zu vergehen oder einer achtzigjährige Dame ins Gesicht zu schlagen — was soll man dazu sagen, es reicht einfach, es geht da nicht mehr weiter, nur noch Entsetzen, auch das Berichten oder öffentliche Nachdenken über so einen Mann geht einfach nicht mehr. Da hat sich der Führer der westlich Welt, wie gerne geschrieben wird, ganz offensichtlich — in full effect, so kann gesagt werden –– aus unserem Wertekanon und von unserer wertebasierten Gemeinschaft verabschiedet.
Einen Text über jemanden zu schreiben, sei er noch so kritisch, so, abwertend, so distanziert — es bedeutet im übertragenen Sinn doch immer, ihm, dem Sujet des Textes, die Hand zu reichen — das kann bei ihm, dem Demokratie-Schlächter und wirren Caligula, einfach niemand mehr über sich bringen. Trumps neueste Sadismus-Nummer ist ja offenbar das Nachäffen bei ihm vorsprechender Staatenlenker, die ihn um Gnade anflehen, in der maximal überdrehten, obszönen und übergeschnappten Art. #Angst.
Amerikaner können bei den Midterms im November mit entscheiden, ob sie sich weiter von einem kranken Baby regieren lassen wollen — bis dahin müssen wir einfach gucken, was dann noch übrig ist von der Welt. Und natürlich wünschen wir unseren gewählten Vertretern — Bundeskanzler Merz, Außenminister Wadephul, Vizekanzler Klingbeil —, bei kommenden Vorsprechen in Trumps Palästen, im Mar-a-Lago und im Weißen Haus, weiter gute Nerven und eine ruhige Hand.
Ach so, und wenn ich das hier richtig verstehe, dann sind die Proteste im Iran seit dem gestrigen Montag erneut gewaltsam beendet worden — die iranischen Revolutionsgarden haben die Menschen auf der Straße mit scharfer Munition zusammenschießen lassen, bewährte Methode, gezielt wurde auf Köpfe und Brustkörbe, alles klar, da traut sich jetzt niemand mehr vors Haus. Auch dieser Horror übersteigt natürlich bei Weitem einen Vorgang, der sich von einem Schreibtisch in Oberfranken aus in irgendeiner Art sinnvoll einschätzen oder kommentieren ließe. Es bleiben mir hier, in 95173 Schönwald, die Schallplatten der Deutschen Grammophon und eine recht vollständige Bibliothek des 19. Jahrhunderts (Mörike, Keller, Fontane, Stifter, Raabe) — ich bin natürlich trotzdem nur auf Instagram und bei den ARD-Tagesthemen, normal, was man halt so macht in einem großen Haus auf dem Land, um das sich gegen 17 Uhr praktisch vollständige Dunkelheit senkt.
„Zu viel Schmerz macht dumm“ (Zitat Rainald Goetz, wo noch mal genau, im blau-hellgelbem Textsammelband Kronos von 1994?), aber das stimmt hier ja auch nicht — der wohl hundertfache Tod iranischer Demonstranten und Demonstrantinnen erreicht einen ja genau nicht, löst eben kein Gefühl und keinen Schmerz aus, er wird effektiv abgeschnitten durch die Internet-Zensur des Regimes, keine Bilder, keine Regung, abstraktes Grauen, alles ein absoluter Skandal.
Und heute zum Mittagessen, mal wieder: Reiß mit Scheiß, „Raaß mit Schaaß“, wie das im legendären Schlagabtausch hieß, bei dem Michel Würthle und Martin Kippenberger sich kennenlernten und sofort Freundschaft fürs Leben miteinander schlossen.
Kaum Bewegung im Wald, auch keine Arbeit. Dafür auch nachts von der Autobahn: kaum ein Geräusch, nur unheimlichen Stille. Es liegt zu viel Schnee.