16. Januar 2026, Freitag
Berlin im Januar: noch mal besonders trostlos — aber irgendwie ist auch das kompletter Quatsch. Es ist schon so oft schriftlich und im Mündlichen darüber lamentiert worden, in welchen Monaten — natürlich im Januar, Februar, März — die hässliche Stadt Berlin angeblich besonders hässlich ist, also grau, braunschwarz, müllverklebt, Schneematsch-verdreckt, trostlos, besonders trostlos, Selbstmord-gefährdend und „Ich möchte nach Thailand“-Blödsinn auslösend — es funktioniert einfach nicht mehr bzw. es stimmt auch nicht mehr, es ist komischerweise einfach nicht mehr wahr. Unwahrheit entsteht auch dadurch, dass zu viele Menschen eine Offenkundigkeit über zu viele Jahre zu oft wiederholen, interessanter Fall. Fuck Berlin-Depression — es ist einfach immer hässlich in der hässlichsten Stadt Deutschland, im Januar genau so wie in allen anderen Monaten, und es ist einfach immer absolut total okay hier in unser auberginefarben gestrichenen Plattenbau-Neoklassizisten-Müll-Stadt.
Die leichte Land-Verlotterung, die man an sich feststellt beim ersten Eintritt in eine deutsche Großstadt nach drei, vier Monaten — man verliert als Landmensch einfach sehr konkret das Gefühl dafür, was man anziehen kann in der deutschen Hauptstadt im Jahr 37 von Techno und Wiedervereinigung und was nicht. Durch die von ganz früher sehr vertrauten Straßen von Berlin-Mitte laufend hat man dann plötzlich echt so einen alten grünen Strickjanker mit Hirschhorn-Knöpfen an (Erinnerung an den alten Neunziger-Jahre-Schlachtruf „Jaaaa, mehr Altötting-Style in Mitte!“, erfunden vom DJ und Labelchef Mathias Modica), eine Landadligen-Cordhose in Goldbraun, das Hemd ist ungünstig kleinkariert, eher kleinstädtisch-muffig und Tschibo-Haft billig als gut eighties-popperhaft, auch die Haare sind nicht mehr in Form, so halblang rausgewachsen, aber nicht gut und irgendwie interessant attraktiv um die Ecke zu lang, sondern doof zu lang. Lustig!
Mein Berlin-Programm für diesen von mir wie immer minutiös geplanten 20-Stunden-Aufenthalt:
Erst Paris Bar.
Dann Paris Bar.
Dann noch bissl Paris Bar.
Dann hatte ich Lust auf zwei, drei Bier in der Paris Bar.
Dann Paris-Bar.
Dann sagte man: Komm, jetzt geht noch ein Bier in der Paris Bar.
Große Freude, wie immer, über das Wiedersehen mit dem stets noch freundlicher, noch lässiger agierenden Besim und all den anderen tollen Paris-Bar-Boys (Reza, Omar, Salem, Fadi, Fehmi, Joe).
Die Paris-Bar-freien Minuten geht man übrigens ins Pinci, August- Ecke Große Hamburger Straße (wunderbares Lokal, weiß ja auch jeder, sie haben gerade Einjähriges gefeiert).
Heute Vormittag dann Besichtigung der schon im November eröffneten Ausstellung Natur und Deutsche Geschichte/ Im Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht im Deutschen Historischen Museum, wow! Die Kuratorin Julia Voss führte durch die Räume: maximale Angeregtheit. Bei jedem der durch die groben Zeitachsen Mittelalter, Neuzeit, Industrialisierung, Nationalsozialismus, Geteiltes Deutschland etc. strukturierten Aspekte und Themen — Hildegard von Bingen, die Fugger, Bergbau, Luther und Arminius, Maria Sibylla Merian, der Siegeszug der Kartoffel, Begradigung des Rheins im 19. Jahrhundert, Forstwirtschaft in Deutsch-Ostafrika, Naturdenkmal-Pflege in Preußen etc., usw. usw. — dachte man, Moment mal, allein dieser Aspekt wäre doch schon wieder eine ganze Ausstellung wert. Danke, Julia! Das war sehr schön, sein Gehirn mal wieder zu spüren.
Und, schön runtergedimmt und vom Alkohol des gestrigen Abends und von der Natur-Ausstellung noch gut durchlässig und animiert: Zugfahrt nach Bremen, die praktisch ideale Reisedauer von 2 Stunden, 45 Minuten.
Gerade wieder eins von vielen sehr klassischen Deutsche-Bahn-Erlebnissen gehabt: Die Deutschen lieben ja Cappuccino bestellen. Ist das in anderen Ländern eigentlich auch so, dass praktisch zu jeder Uhrzeit, um neun, um elf Uhr morgens, um zwei und 17 Uhr nachmittags, vor und nach dem Abendessen, also um 19, 20 und 21 Uhr, in Cafés, in Bars, in Steakhäusern, an Wurstbuden, an Tresen im Deutsche-Bahn-Restaurant, in Diskotheken — um halb zwölf nachts ist das durchaus auch möglich — Cappuccino bestellt wird, oder ist das eher ein rein deutsches Ding? Es heißt dann, exakt so muss das gesagt werden: „Einen Cappuccino hätte ich gerne.“
Man muss ja dazu wissen: Ein Cappuccino ist ein gewöhnlicher Espresso oder ein doppelter Espresso, aber mit Milchschaum, also mit GESCHÄUMTER MILCH. Es gibt ja eigentlich keinen Grund, einen Kaffee mit süßem Schaum zu bestellen, außer in den zehn, fünfzehn Minuten gleich nach dem Vor-die-Haustür treten, sagen wir, zwischen 8 und 8.15 Uhr, wenn man noch nicht ganz wach ist und noch nicht klarkommt mit Licht, Autoverkehr und Hektik, den normalen Scheußlichkeiten des Alltags und, das kann ich schon verstehen, die Härte des Lebens und der Wirklichkeit noch ein wenig abfedern möchte durch eine schöne Portion Schaum. Nach diesem einen Guten-Morgen-Cappuccino, der wie gesagt total okay ist, das möchte ich hier jetzt deutlich sagen, ist jede weitere oder spätere Cappuccino-Bestellung allerdings ein unfassbare Laschheit, Schlaffheit, Hippie-Trostlosigkeit, Spießer-Ausgeflipptheit, Turbo-Stillosigkeit und komplette Sauerei, ja, haha. Man könnte auch, sicher ein wenig zugespitzt sagen, sieht man um 16 Uhr irgend so einen German Supergenießer einen großen Milchschaum-Topf im DB-Bistro bestellen: Junge, hast du dein Leben nicht im Griff? Merkst du noch irgend etwas?
Die Steigerung von Cappuccino bestellen, so fand das gerade hier im Zug nach Bremen statt, ist übrigens den Cappuccino mit GUTSCHEIN zu bezahlen. Also, das Handy am besten gleich mit der Cappuccino-Bestellung hochhalten — die sagenhaft geduldige, vom DB-Management mit speziellen DB-Psychopharmaka eingestellte DB-Restaurant-Mitarbeiterin fragt dann: „Mit Gutschein?“. Und man sagt, Handy zum Gutschein-Abscannen hochhaltend, die rechte zieht schon mal den Pappbecher zu sich heran: „Mit Gutschein, ja, super, genau.“
Trump nervt.
Der Hannoveraner Grünen-Abgeordnete, der vor mir im Ruhebereich-Abteil („Pssst ..“) telefoniert, nervt.
Aber sonst?
Mir geht es so unfassbar gut. Ich habe so überhaupt keine Probleme. Stimmt.