29. Januar 2026, Donnerstag

Unten, auf dem Bürgersteig der Rue Saint-Antoine, saßen ab morgens um acht wieder die überhaupt nicht mehr jungen, weit über sechzigjährigen französischen Herren auf den Caféstühlen des Café Tabac, bisschen verlottert beziehungsweise schon sehr verlottert, abgerissene, alte Bohème-Darsteller, diese sehr traditionelle, aus den späten 1960er Jahren stammende Pariser Mischung aus Philosophen, Ex-Taxifahrern, Ex-Antiquariatshändlern und echten Pennern, sie trugen Schlapphut, graublau struppiges Haar und hässliche Cordanzüge und ließen die Filterlosen in ihren Händen abbrennen, ganz im Ernst, und hielten sich wahrscheinlich wieder für Serge Gainsbourgh.

Was dieser Serge Gainsbourgh, so dachte ich heute Morgen wieder, für ein Unglück über das Land der Franzosen gebracht hatte, seit den späten Sechzigerjahren, und heute immer noch bringt (neben dem Glück, das er für seine ikonische junge Frau, la Jane Birkin, einst bedeutet haben muss, und dem Glück für die Menschen, dass er für sie, La Jane, einst einen zeitlos tollen Song wie Je T’Aime Moi Non Plus schrieb), einfach weil verlotterte alte Franzosenmänner, die irgendwann mal ein Semester studiert und sich seit Jahren nicht mehr die Zähne geputzt haben, fälschlicherweise denken, das sei ein Lebensentwurf und genug für ein ganzes Leben, also einfach Tag für Tag auf Caféhaus-Stühlen abzudröhnen, sich nicht zu waschen und tiefsinnig-ironisch-abgeklärt, franzackig eben, vor sich hin zu sinnieren — wir sind doch coole alte Gammler, wir sehen doch alle aus wie das Verlotterte-alte-Männer-Sexsymbol Serge Gainsbourgh.

Lustig.
Und so weiter.

Und weiter: die Kunst.

Gestern schauten wir uns die große Retrospektive des Jean-Michel-Basquiat-Keith-Haring-und-Andy-Warhol-Weggefährten George Condo im Musée d’Àrt Moderne an, superberühmt, natürlich, aber irgendwie kannten wir ihn dann doch nicht. Und hatten Riesenfreude an den oft sagenhaft scheußlichen — wie sagt man da? — genau, postmodernen, supervergnügten und fröhlichen, mit großer technischer Könnerschaft rausgehauenen Fake-Picasso- und Fake-Magritte- und Fake-Renaissance- und Fake-Was-weiß-ich-Bildern. Das 1979-in-Manhattan-hafte, das einem aus der Kunstgeschichte so vertraut ist, die Sorte Downtown-Leben aus Punkrock, Heroin, Neonfarben, Fabriketagen und Graffiti (ach, er ist gar nicht aus New York, sondern aus New Hampshire und hat in Boston Zeichenklassen besucht? Egal). Richtig gut an dem Typen ist ja schon der Name: George Condo.

Der Begriff der Fassungslosigkeit bei Karl Schlögel im Interview mit Florian Illies in der Zeit. Seit seiner Paulskirchen-Rede im Oktober hören wir ihm doch alle so gerne zu. Genau das ist es: Fassungslos sind wir.

Paris in these late days of January: Es ist nicht kalt. Aber man denkt, es müsste schon wärmer sein, und deshalb ist es dann doch sauungemütlich. Und das macht es dann natürlich wieder sehr gemütlich.

Das noch: Wir hatten gestern später, nach dem Abendessen, noch zusammengesessen, draußen, an Cafétischen, unter Markisen, gut eingepackt, im kalten Pariser Regen, letzte Getränke, aber ein bissl was ging noch, und wir sprachen über das Allerweltsthema, was man eigentlich tun soll als ganz normale und sehr glückliche Menschen, wenn in einer Beziehung plötzlich die Lust abhanden kommt. Wir waren weit weg von diesem Problem, natürlich, aber darüber sprechen können musste man ja doch.

Ich sagte: „Interessant. Interessant.“
„Superinteressant“, sagt sie, „natürlich. Und was ist deine Antwort?“.

Ich sagte: „Das ist recht klar, was da zu tun ist, man hat ja seine Erfahrung als nicht mehr ganz junger Mensch. Also, ich würde sagen: sich wieder interessant machen. In all der konkreten Kompliziertheit, die so ein Vorgang — sich interessant machen — bedeutet. Bedeutet konkret, meiner Ansicht nach: So eine Mischung aus auf Distanz gehen und dabei gleichzeitig den anderen sehr genau in den Blick nehmen, ihm zugucken und ihm — um Himmelswillen — genau zuhören.“

Ich kam mir bissl schlau vor, bei dem was ich da sagte, ich meinte das auch exakt so, wie ich es gesagt hatte. Ich meine: Auf Distanz gehen und dabei gleichzeitig besser zuhören, ist das nicht was?

Sie guckte nun weiter auf die Straße raus, dabei natürlich vollkommen unbeeindruckt, auch genervt, weil ich es mir leicht gemacht und für ein Menschheitsproblem eine Lösung geliefert hatte, die offenkundig keine war: „Sich interessant machen?“

Für sie, das hörte ich jetzt, wie meine Worte in ihrer Wiederholung klangen, war das offenkundig der Weg in eine maximal unsexy Lowness, haha.

„Du solltest ja jetzt nicht irgend etwas Superschlaues sagen, sondern eine Lösung vorschlagen. Also, eine Lösung ist das ja nicht.“

Ich sagte: „Da gibt es dann, glaube ich, keine Lösung. Paare, die nicht mehr miteinander vögeln wollen, trennen sich, über kurz oder lang. Oder was meinst du?“

Sie steckte sich eine Zigarette an, weil sie als Raucherin die wunderbare Möglichkeit hatte, sich ab und an eine anzustecken.

„Blödsinn“, sagte sie, „es gibt immer eine Lösung.“ Und sie wiederholte: „Es gibt für alles eine Lösung.“

Ach, unsere kleine Pariser Wohnung! Wir ließen Filme laufen, brachten Wasser zum Kochen, schickten Text-Messages, ließen Bücher aufgeblättert liegen und taperten zwischen Bad und Bett hin und her — was man als Mensch halt so macht.

Paris!
Paris!

Wunderbar geschlafen.