2. Februar 2026, Montag

Das brutal bittere und traurige „Sie dürfen“ der Bäckerei-Kutzer-Bedienung — natürlich in geschäftig-freudig-aufmunterndem Ton vorgetragen, als der Display der Eletronic-Cash-Station aufleuchtet, auf den der Kunde beim Bezahlvorgang für einen halben Frankenlaib seine Debitkarte aufzulegen oder eben auch zu präsentieren hat.

Ich darf: Darin liegt, das ist ja auch klar, die ganze Turbohölle des Klein-Klein-„Der Kunde ist König“-Lohnempfänger-Lebens hier in der deutschen Provinz, wenn er, der geschätzte Kunde, als Höhepunkt seiner Teilnahme am jämmerlichsten Ende des Kapitalismus — hier im E-Center-Egert-Markt in 95100 Selb — und seines miesen, kleinen „Ich darf auch meine Tüte Tiefkühlkost ganz selbstständig aussuchen und mir abends in den Kochtopf reinmachen“-Alltags seine Bezahlkarte zum Abbuchen kleinerer Beträge unter zehn Euro präsentiert.

Fuck off. Alles vermint, alle Räume zugestellt. Die Freiheit, seine Meinung zu sagen und den Bürgermeisterkandidaten seiner Wahl zu wählen — ist alles nicht mehr möglich, alles runtergedreht, alles auf null gestellt. Wir werden gegängelt. Wir werden überall frustriert. Aber hier bei Kutzer, beim Frankenlaib-mit-Karte-Bezahlen, da sieht man mich noch, da darf mein Ich noch voll Ich sein, da lässt man mich noch machen.

Ich darf nicht nur meine Debitkarte auflegen, Baby. Wenn ich Lust habe, dann tue ich noch ganz andere Dinge, weißt du — hinfallen, rückwärts reden, meinen Brotlaib mit tschechischen Kronen bezahlen, mit Schaum vor dem Mund ein schlechtes Gedicht rezitieren, ein Mittagsschläfchen halten hier bei euch vor der gläsernen Kuchentheke, mich wie Ernst-August von Hannover am Türkischen Pavillon aufführen (eine furchtbare Aktion war das damals, stimmt), wir denken da an exakt dasselbe, Baby, so sieht es doch aus. Aber ich bin natürlich nur in meinem Kopf ein Michael-Douglas-artiger komplett asozialer Rächer und Durchdreher, in Wahrheit, das weiß ja auch jeder, bin ich die Friedlichkeit und Freundlichkeit in Person. Oh Gott.

Meine Frage an die Bäckerei-Bedienung heißt in Wahrheit natürlich immer nur: Wie geht es Ihnen? Was sagt eigentlich Ihr Herz? Wie kann ich Ihnen, jetzt gleich hier, einen Gefallen tun, der Ihnen Ihren Alltag und diese kalte Woche hier im Februar versüßt? Wollen wir, wir zwei — jetzt, für zwei Minuten — draußen auf dem Parkplatz vor Ihrer Kutzer-Filiale zusammen eine rauchen gehen? Kurz eine rauchen, das ist doch eh das Beste, das wir haben auf dieser Welt. Ihre nette Kollegin übernimmt sicher gerne für Sie!

Verzweiflung.
Großer Wutanfall.
Hysterie.

Dann habe ich, auch das ist die Wahrheit, das Kutzer-Brot natürlich ganz normal bezahlt.

Irrfahrten durch den noch immer tiefen Schnee im Wald. Und das Rutschen im Wald noch mal als etwas Schönes erlebt.

Heute trafen die neuen Revierkarten ein.
Forstgrundkarte.
Stichtag: 01.01.2025
Maßstab: 1:10.000

Distrikt
Abteilungsnummer
Unterabteilung
SF Sonstige Flächen

Abteilungsgrenze
Unterabateilungsgrenze
Hauptweg
Maschinenweg
Pfad
Graben, Bachlauf
Hochspannungsleitung
Ferngasleitung
Wiese, Grünland
Acker
Wasserfläche
Sandgrube
Gebäude, Hofraum
Sumpf
Sonstiger Nichtholzboden/ Sonstige Fläche.

Heute brachte der Briefträger Ernst Jüngers Der Waldgang, einen Essay aus dem Jahr 1951. Jünger, eine Figur aus dem anderen Jahrhundert, den ich wegen seiner Afrikanischen Spiele (eins der Bücher, die mein Onkel mir ins Internat schickte) als tollen Schriftsteller in Erinnerung habe.

Es geht gleich so super-agitatorisch und kämpferisch los. Ja nu, Essay eben! Der Arbeiter, der Unbekannte Soldat und nun der Waldgänger. Freiheit! Für ein selbstbestimmtes Leben in der Massengesellschaft! Der Waldgänger ist Einzelgänger, natürlich, zum soldatischen Kampf fehlt ihm das Talent und die Disziplin — he is having an innere Entscheidung, man. What?

Maaaann, ey.
Ich lese dann doch mal weiter. In Zeiten, in denen der AfD in Sachsen-Anhalt 40 Prozent vorhergesagt werden, rückt dieser Text wieder nahe. 

Später noch zu Christl.