16. März 2026, Montag
Ach, Habi.
Ach, Habermasi.
Ach, Jürgen Habermas.
Sehr konkret beunruhigend ist es, in einer Welt ohne ihn zu leben. Man möchte nicht: in einer Welt sein, in der alle Verbrechen, alle Darkness auf Erden nicht mehr von der Urkatastrophe des Holocausts her gedacht werden, man hat sich eben, im Gegenteil und sehr wachen Geistes, dazu entschieden, dass das bleibt (DIE Verantwortung). Ein Mensch kann enorm fehlen — das Denken eines einzelnen Menschen kann enorm fehlen: Den Schwurblern, Lügnern, Leugnern, den Revisionisten und Relativierern stehen die Türen jetzt noch weiter offen.
Ich bin als Habermas-Freund ja nie Leser seines Werks gewesen, lediglich Leser seiner Titel („der zwanglose Zwang des besseren Arguments“) und seiner Zeitungstexte, aber das reichte ja. Einer wie mein Vater, nicht exakt seine Generation (sechs Jahren nach Habermas geboren), brauchte seinen Namen nicht zu erwähnen, so sehr war er in seinem Denken: Sobald mein Vater sprach, ernsthaft sprach, hat er im Grunde genommen den Holocaust immer auch gleich mitgesprochen — es gab keinen Gedanken/ kein Nachdenken, das als Grundlage, als letzte Konsequenz nicht die Verantwortung vor der Menschheits-Urkatastrophe mit in sich trug. Man wusste, war im Gespräch mit meinem Vater eine gewisse Uhrzeit überschritten: Jetzt spricht er den Nationalsozialismus entweder direkt an, oder er spricht, wenn es um Deutung der Gegenwart oder historische Herleitungen ging, im übertragenden Sinn davon (denken hieß, das immer mitdenken, mitsprechen).
Das gab uns, den Nachgeborenen, die Freiheit, über eine Menge ganz anderes Zeug zu sprechen, auch: heavy Unsinn zu erzählen. Es gab uns die Sicherheit, dass einer — in Person und in letzter Instanz war das Habermas — die Vernunft und die Verantwortung nie aus den Augen verlor. Man wusste, mit ihm am Tisch der Öffentlichkeit blieben die letzten ekelhaften Lügen/ der tödliche Mist/ die Verschiebung des Sagbarens nicht unwidersprochen: Wir sind — moralisch — nie fein raus. Das ist jetzt weg.
Kurzkritik von Pinar Karabuluts Sommernachtstraum im Schauspielhaus Zürich: Es hat mir nicht so gut gefallen. Eine gleichermaßen spießige wie trostlos hippiesk anmutende Dauerbummsorgie (Ausdruck der Uninspiriertheit und ökohaft-muffigen Depression und Tristess, die über dem ganzen Abend hing: das gleichermaßen brav-naturalistische wie extrascheußliche Bühnenbild, die brutal downerhafte und abturnende Maske, die bescheurt-albernen Kostüme). Es kann schon sein, das muss man schon auch sagen, wenn der MadW-Kritiker hier gleich wieder so vollkommen haltlos draufhaut (sorry, sorry), dass in der im Prinzip sicher richtigen Dauer-Fiebrigkeit und Dauer-Erregung der Aufführung ein paar gute Pointen und Regie-Einfälle versteckt waren, die sich mir nicht entschlossen haben — wer soll das verstehen, ich habe nicht Shakespeare studiert —, es waren auf jeden Falle viele Pointen, es waren eher: zu viele Pointen als zu wenig (und natürlich waren die Schauspieler gut, oft eher sogar: sehr gut, die Schauspielerinnen und Schauspieler sind sowieso nie schuld).
Vielleicht taugt aber auch die Textvorlage von William Shakespeare nichts, hahaha (wir hatten erst ein paar Stunden vor Premierenbeginn gemerkt, dass wir keine Ahnung hatten, von was diese vielleicht doch bekannteste Theaterkomödie aller Zeiten/ im Grunde genommen ja DER Theatertext schlechthin eigentlich handelt, und hektisch bei Wikipedia nachgelesen. Und, wie schon oft festgestellt, sind Handlungs-Zusammenfassungen von Hochkultur-Klassikern bei Wikipedia leider komplett unverständlich, schade).
Der sympathische und irgendwie noch mal andere ostdeutsche Intellektuelle Lukas Rietzschel, der erklärte AfD-Gegner und „auf angenehme Weise aufgeregte Gesprächspartner“ (Adam Soboczynski in der Zeit) saß gestern zusammen mit Joachim „Der Riss geht durch mich selbst“ Gauck und der wie gewohnt lasch rumlabernden Ex-Verlagsmanagerin Julia Jäkel bei Caren Miosga. Und schockte die Runde mit der so einfachen wie einleuchtenden Aussage, dass das Wählen aller Parteien, auch der AfD, Ausdruck einer gelebten und starken Demokratie sei. Bravo, Rietzschel!
Gleich noch mal Adams Porträt in der Zeit gelesen: Mit Rietzschel und Soboczynski gegen die ANGSTLUST und die wahnhafte Idee, die Leute wählten die AfD im Osten vor allem deshalb, damit die Demokratie abgeschafft werde — hier kann auch ein Hysteriker und ewiger Schwarzmaler wie ich etwas lernen, und das tue ich hiermit auch (das Gegenteil, so Rietzschel von seiner Künstlerresidenz Olevano Romano aus, sei wahr: Die AfD werde aus einem demokratischen Impuls heraus gewählt).
Der schwere Atmen der Passagiere, die gerade Platz genommen haben (#FlixBus)
Im FlixBus heute wieder nur Osteuropäer und Vollblut-Intellektuelle, das ist meine Mischung.
Driving, man, on lindgrünen Bussitzen, driving, driving, I love it so much.
3 Grad in 95173 Oberfranken.