13. Februar 2026, Freitag
Ich habe keine Lust, über die scheußliche Epstein-Files zu lesen und nachzudenken, aber ja, ich verstehe schon: Man muss irgendwie.
Worin liegt die so brüllend laute Überforderung/ das genuin Böse der sogenannten Epstein-Files?
Natürlich im Systemischen, im offenbar so genau Durchorganisierten der Sexualdelikte. Dieser eben auf interessante Art ein wenig grob und brutal aussehende, so weltläufig und charmant auftretende Gentleman spann über Jahrzehnte ein Netzwerk der Abhängigkeiten, der Gefallen und Gefälligkeiten, offenbar aber auch einfach des „Schön, dass wir uns mal kennenlernen“, des beruhigenden Gefühls, dass man unter sich bleibt und mit anderen lässigen, nicht protzenden, angenehm dezent auftretenden, graue T-Shirts tragenden Milliardären verbunden ist. Zuletzt aber zeigte sich die Unfassbarkeit der Epstein-Verbrechen und des absolut Bösen in der Veröffentlichung einer praktisch von niemandem mehr zu bewältigenden Menge an Material:
Dass da nicht viel oder nur sehr viel veröffentlicht wurde, sondern eine wahre Flut von bisher 3,8 Millionen Seiten (es sollen, wenn alles draußen ist, dann sechs Millionen Seiten sein) von Unterlagen und Dokumenten, von Emails, Fotos, Gesprächsmitschriften, Videoschnipseln — es setzt nicht nur Ermittler, Journalisten, Staatsanwälte und Beamte faktisch außer Gefecht und stellt eben wegen der schieren Masse des Materials eine Implosion des Bösen/ einen Tilt jeder moralischen Kategorie dar; es lag in dieser so gewaltigen Veröffentlichungs-Aktion natürlich auch ein großer TRAUM DER KUNST (man wird zwangsläufig an Karlheinz Stockhausen erinnert und sein Bildnis des Anschlags auf die World Trade Center als „das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat“, eine Sicht, die damals so nachvollziehbar und irgendwie sympathisch impulsiv wie komplett durchgeknallt und abgehoben wirkte und für die er, der weltbekannte Komponist und Radikalavangardist, zurecht große Empörung und großen Widerstand auf sich zog).
Alles, alles liegt plötzlich offen da (stimmt das überhaupt? Ist das nicht das besonders Eklige an den Epstein-Files, dass immer noch so viel geschwärzt und im Verborgenen bleibt?), ist für jeden einsehbar, verfügbar, erhältlich, der ganze Schmutz, die ganz Wahrheit, the whole tableau of scum, alle banalen Zwischentöne, alle Gleichwertigkeit und Gleichzeitigkeit von Schönheit und Hässlichkeit, eine Abschrift aller Radikal-Menschlichkeit auf Erden — es sind ja nicht viele Bösewichte beteiligt, sondern praktisch alle Bösewichte auf Erden und der Gegenwart und der letzten dreißig Jahre, nicht fast jeder Politiker und Unternehmer-Tycoon, sondern wirklich jeder zehnte Politiker und Tech-Bro der westlichen Hemisphere (die immer schon ekligen genau so wie die sympathischen, die sehr bekannten genau so wie die weniger bekannten), nicht viele Abgründe, sondern jeder denkbare menschliche Abgrund. Und der Gipfel des Bösen, die Verschwörung aller bösen Mächte dieser Welt ist dann wirklich das — es klingt so, als träfen sich drei verblödete AfD-Onkel auf einem Kaiser-Parkplatz in Brandenburg und tauschten Verschwörungstheorien aus: Kinder-Ficken gehen auf einer privaten Luxusinsel in der Karibik. Oder wie es in einem heute sachlich opportunen Deutsch heißen muss: sexualisierte Gewalt an Minderjährigen in einem unvorstellbaren Ausmaß.
Ich sage nur: Aber Radwege in Peru bauen, das könnt ihr!
Mein Besuch Paul filmte nun den weiten Weg durchs Haus, von seinem „Theaterzimmer“ genannten Zimmer der Gästewohnung bis in mein Wohnzimmer — Gang rein, Gang raus, Treppe runter, Treppe rauf, Tür auf, Tür wieder zu — und schickte das Video an einen Kumpel in Zehdenick. Der Kumpel: Wo wohnt der da? Ist das ein Lost Place? Hahaha!
Noch mal kurz zu den sprichwörtlichen Radwegen in Peru: Um 2020 war das Verkehrsprojekt „Radwege in Peru“ (angeblich zwanzig Millionen Euro deutsche Steuergelder) bekannt und dann sehr schnell zu DEM Symbol für eine irre und fehlgeleitete grünen Verkehrspolitik geworden, eine Kurzformel für Weltfremdheit und Sinnlosigkeit deutscher Entwicklungspolitik, überhaupt Fragwürdigkeit europäischer Klimapolitik etc. pp.. Wurde seither an deutschen Stammtischen, in Zehdenick oder in Oberfranken, ein Missstand in unserer deutschen Heimat erörtert, so endete das Gespräch recht zuverlässig mit dem Ausruf: „Aber Randwege in Peru …“. Ja.
Wir schauten dann in unserer sehr schönen Besetzung — Andi Bernard und Paulchen Seehausen — das Pokalspiel des RasenBallsport Leipzig gegen den FC Bayern München. Und kamen, ganz normal, wieder in das komplett asoziale, dabei sehr vergnügliche Über-David-Raum-Schimpfen hinein — den mit hässlichen Tatoos übersäten und nach Pornodarsteller aus der mittelfränkischen Provinz aussehenden Links-Außenverteidiger des RB Leipzig und der Nationalmannschaft:
Raum, du scheußlicher Tatoo-Freak!
Paul erzählte jetzt, sehr lustig, dass er es mit seinen 1,92 Meter Körpergröße — abgesehen von der offenkundigen Tatsache, dass Frauen die großen Männer halt einfach die besseren finden — stets vergleichsweise leicht gehabt habe im Leben: „Die Leute sagen, der Lange da, der ist kompetent, der soll ditt mal machen.“
Mitten im Gespräch erklärte Paul dann auch noch, dass die Diskriminierung sexueller und ethnischer Minderheiten ab sofort vorbei sei — das sei nicht mehr cool beziehungsweise noch nie cool und immer schon ganz falsch gewesen, aber: „Ab sofort bin ich für Alters-Diskrimierungen, also das Ausgrenzen von über sechzigjährigen Mitmenschen — das ist jetzt mein On.“
Und noch mal zurück zum tätowierten, so sehr nach böser Provinz und dummen Deutschland aussehenden RB-Leipzig-Spieler: Paul behauptete jetzt, wieder superlustig, David Raum sei die allerneueste Entdeckung in den 3,8 Millionen Seiten der Epstein-Files — soeben, also praktisch vor fünf Minuten, auf Social Media und bei Bild Online gemeldet. Nein! NEIN, das konnte doch nicht wahr sein! Und noch ehe ich verstand, dass das natürlich Quatsch war und der arme Außenverteidiger in jeder und auch dieser Hinsicht jeder Schuld unverdächtig, hatte es vor dem Fernseher, in dem der FC Bayern mit 2:0 führte, schon wieder einen Lachanfall gegeben.
„Sie können täglich eine halbe Stunde Sport treiben“, so mein Arzt im Ärztehaus in 95173 Schönwald (berät mich, wenn meine Berliner Ärzte gefühlt einfach zu weit weg sind), „also eine halbe Stunde auf dem Kettler-Rad fahren, oder Sie gehen — in Gottes Namen — zur Christl und trinke dort zwei große Bier.“ Ach ja? Ist das echt wahr? „So ist das, es läuft in etwa aufs Selbe hinaus.“ Ach ja, es ist natürlich nicht wahr, kein Arzt hat je so etwas Schönes zu mir gesagt — natürlich nicht. Aber ja, man wünscht es sich natürlich.
Noch gestern hatte Christl kurz am Telefon durchgegeben: Nach einer Beerdigungsrunde mit knapp 35 Leuten müsste sie heute Abend noch zwei Teller selbstgemachte Fischsuppe übrighaben. Wir sollten halt mal bei ihr vorbeischauen, dann so gegen sieben.