14. August 2025, Donnerstag

Vergangene Woche erschien in einer Sonderausgabe der Zeit ein Textlein über mein Lieblingsschwimmbad im Landkreis — Thema, so die Anfrage des Zeit-Redakteurs Christoph Amend in einer SMS: „Eine Deutschlandreise an besondere Orte“. Okay! Es war mein, haha, erster Zeitungstext seit einem Jahr, und deshalb muss er — natürlich — auch noch mal hier in den Meldungen erscheinen:

Club 55 versus Schiedateich

Warum ein fränkisches Waldbad mehr Glück verspricht als Saint-Tropez.

VON MORITZ VON USLAR

Der silbergraue oberfränkische Himmel — und schau, da fallen ja schon die ersten Tropfen. Es sieht an diesem Sonntagnachmittag im Waldbad Schiedateich so gar nicht nach idealem Badewetter aus, und genau hier liegt der Schmäh und die leicht melancholische Note: 16 Grad Luft-, 19 Grad Wassertemperatur, das sind hier bei uns, im schönen Fichtelgebirge, auf 520 Metern Höhe, am Rand der Ortschaft Schwarzenbach an der Saale gelegen, ideale Bedingungen. Oder wie man unter Schiedateichern gerne liebevoll-spöttisch sagt: Bei schönem Wetter baden, das kann jeder.

Wer dann hier trotzdem, aus irgend einem Grund, in diesem vielleicht abgemeldetsten Winkel Deutschlands das Metalltor aufschwenkt — Eintritt umsonst, man spaziert einfach herein —, der findet die vollkommen unambitionierte Schönheit eines deutschen Wald- und Wiesenbads: dunkel spiegelndes Wasser, von fränkischen Nadelbäumen umgeben. Und schon ein wenig unruhig, guckt sich der noch tief im letzten Jahrhundert geborene Badegast um, ob er hier denn wirklich alle Details wie aus den endlosen Sommern der 1970er-Jahre vorfindet.

Findet er. Den grünen Maschendrahtzaun, die hellblauen Sprunganlagen, die abgeplatzten Betonbodenplatten (sind abgeplatzt, weil Betonbodenplatten leicht abgeplatzt zu sein haben, das war schon immer so). Schöller wünscht eine schöne Eiszeit. Über das weite Liegegrün steht, zirka alle hundert Meter, ein Metalleimer bereit. Die weißen Kiosk-Baracken stammen geschätzt aus den 1960er-Jahren, der Fraktur-Schriftzug für das „Frauen“ und „Männer“ der Duschkabinen lässt aber eine Nostalgie in Richtung später 1920er-Jahre erahnen (Strandbad-Wannsee-Vibes). Die Tischtennisplatte aus Beton, von einem rotweißen Plastikband umspannt, darf — das war auch schon immer so — aus irgendeinem Grund derzeit nicht bespielt werden. Das deutsche Verbotsschild, ebenfalls aus ganz anderen Zeitrechnungen stammend (Sechzigerjahre), fehlt hier auch nicht: „Keine Hunde, Fahrräder, Lagerfeuer, Grillen, Zelten …“. Ist doch richtig so!

Auffällig schön, fast schon ein bissl schöner als nötig: der weiße Kiesstrand, der rund um den See ins Wasser führt. Ach, es wird — gerade unter weit gereisten Großstadtmenschen — ja gerne geschwärmt vom Zauber der aus der Zeit gefallenen deutschen Provinz in einer Gegenwart, in der, zumindest auf Instagram, alles dem Vergleich mit den schicksten Badeorten auf Erden standhalten muss (Portofino, Capri, Club 55 in St. Tropez etc. etc). Wer am Schiedateich, auf seinem Badetuch liegend, dem Zug der grauen Wolken folgt, der fragt sich: Wie wollen wir eigentlich leben — was mag ich lieber, den Korb mit rohem Gemüse, serviert mit Dip (Auszug Speisekarte Club 55) oder Bum Bum, das Eis mit Kaugummistiel, einen Klassiker der Schöller-Eiskarte? Schockierend gut aussehende, auftrainierte Blogger Kids oder die fränkische, Entschuldigung, auch nicht mehr ganz schlecht aussehende Kleinfamilie? Und siehe da, die Antwort fällt leicht.

Echte Schiedateicher, das sind übrigens die, die zum Essen und ausführlichem Auf-der-Terrasse-Residieren kommen (Frische Weißwürschtl und Brezn am Sonntag), das Baden, bei dem der ganze Körper im Wasser verschwindet, muss nicht unbedingt sein. Natürlich, an diesem Waldbad kann der feinsinnige Besucher — gerade, weil das Lebensgefühl German Trostlosigkeit in Wahrheit natürlich totschick ist — plötzlich in Instagram-Stress geratet. Fotoobjekt: Mann mittleren Alters steht bis zum Bauch im Wasser, ein Fläschlein Scherdel-Bier in der Hand, und sieht dabei weder besonders glücklich, noch besonders unglücklich aus. Bildunterschrift: „Passt.“