19. August 2025, Montag
Waldman Johnny Joe — das bin ich, sorry, sorry, werde mich in Zukunft jetzt immer so nennen — bei der morgendlichen Kontrollfahrt, die Kirchallee rauf, dann rechts den Saubrunnenweg runter, bis zur Alten Rehauer Straße.
Herr Randolph, Mann mit der orangefarbenen Kox-Waldarbeiter-Jacke — er hat gestern bis halb zwölf nachts das Trump-Theater auf Welt-TV gesehen, seit sieben Uhr steht er schon wieder im Wald und zeichnet aus.
Randolph: Der Russe wird überschätzt, der kriegt nichts hin, der schafft ja nicht mal den Donbas. Der wird niemals die NATO angreifen.
Ach ja?
Ich gleich verunsichert, wie immer, wenn Randolph seine irgendwie so kristallklar und wunderbar entschiedenen politischen Analysen vorträgt. Dann sagte ich: „Aber Sie haben den CCCP-Pullover von Lawrow gesehen? Das sind stramme Sowjet-Krieger. Sind sie nicht?“
„Ach ja“, so Randolph weiter. Er kennt den Russen aus seinen Junge-Mann-Jahren als NVA-Soldat und Forstarbeiter in der DDR. „Das ist ein Clown, der Lawrow. Der will uns zittern sehen, der lacht sich doch kaputt über uns kleine ängstlichen Europäer.“
Jetzt bin ich ganz durcheinander — ich mag das jedenfalls nicht, wenn das Nussknacker-Gebiss Lawrow sich über uns arme, aufgeweichte Waschlappen-Bioladen-McFit-Europäer kaputtlacht!
Ulf Poschardt fragt auf Instagram: „Wie würdet ihr mit einer bekannten Buchhandlung umgehen in Berlin, in der die Buchhändler:innen offensiv vom Kauf von SHITBÜRGERTUM abraten?“
Haha. Das ist, zugegebenermaßen, wieder ziemlich gut und unterhaltsam formuliert. Er sucht die EINE Buchhandlung raus, die sein Buch nicht verkauft. Die fasziniert ihn. Er will gehasst werden. Er genießt es einfach so (der :innen-Gag ist super, auch im bewegten Bild, bei seinen Welt-TV-Clips, kommt der gut — der wird auch komischerweise immer besser, je öfter er ihn bringt).
Derweil meine Megapartei, die SPD: Unser braver Vorsitzender Lars Klingbeil denkt laut über Steuererhöhungen nach, wie da gerne gesagt wird. Weiter: gutes, fruchtbares Nachdenken. Da will einer, auf Biegen und Brechen, eine Regierungspartei unter zehn, besser unter sieben Prozent bringen, oder wie? Für mich ist das, hier aus dem RegionalExpress heraus, nur ganz schwer zu verstehen.
Armin Nassehi im SZ-Feuilleton über Fundamentalkritik à la Poschardt („… eine Haltung, die exakt das vorführt, was sie kritisiert: Eine gefühlige, kaum konsistente, allzu subjektive, auf rhetorische Effekte setzende und die eigene epische Unkenntnis durch starke Urteile verschleiernde Form“). Das ist exakt das, was ich denke, und exakt das, was man denken muss, wenn man nicht vollkommen verhetzt und bescheuert ist und in der Kindheit nur gehänselt wurde. Und exakt deshalb denke ich beim Lesen: Das Prinzip, immer wieder das zu lesen, was man eh schon von alleine denkt — quasi seit Geburt —, haut einfach nicht hin. Ich brauche eine neue Tageszeitung. Aber welche?
RB 96 von Schönwald nach Hof. Weiter über Leipzig nach Berlin. Im Zug nach Leipzig, es füllt sich rasch bis auf den letzten Platz:
Fuselbarträger, Strohhutträger, Skater, Unterschenkel-Tätowierte, Augenbrauen-Rasierte, Designer-Schamhaar-Fetischisten. Und alle sind irgendwie Nationalsozialisten oder zumindest halbe Nationalsozialisten, Bargeld-Fans, Kampfhund-Halter, Neo-Christen, Social-Media-Verweigerer, Walpurgisnacht-Esoteriker, Naturbrot-Bäcker, Extrem-Camper, Eisbader, Baumhaus-Bewohner, Umvolkungs-Paranoiker, Putin-Fans, Turbo-Salafisten, sonstige scheußliche Nonkonformisten.
Sehr lustige Szene eben mit sechs Ostgoten (sorry, ich kann die Nationalität nicht erraten, Bewohner eines Auslands in östlicher Richtung jedenfalls, Tschetschenen, Russen, Slowaken, Albaner, Montenegrer), abgeschnittene Jeans und Ringel-T-Shirts tragend, sie sitzen auf den nur acht Plätzen der 1. Klasse, die 2. Klasse ist voll. Eine ostdeutsche Kontrolleurin, am Bahnhof Gera zugestiegen („Personalwechsel, die Fahrkarten, bitte!“), oh Gott, sie muss sich neben der Rente noch was dazuverdienen (über 67), durch ihre Kassenbrille schielend, mit beinhartem Kurzhaarschnitt und wegen ihres sächsischen Dialekts eindeutig zuzuordnen, scheucht sie das osteuropäische Ausland von den Plätzen („Raus aus der Ersten Klasse, ich diskutiere nicht“) und hält danach einen astrein ausländerfeindlichen Vortrag („Vorhin war ein Bahn-Gehilfe da, nicht wahr? Das sind Aushilfskräfte, selbst Ausländer, ich kenne das schon, die sind immer locker mit ihren Kollegen“). Und ich dachte noch — das muss ich auch sagen — als der Kollege aus dem arabischen Ausland kontrollierte: Warum sagt der den Ostgoten nicht, dass sie in der falschen Klasse sitzen, verdammt?
Ich blieb nach der effizienten Sächsinnen-Aktion auf den nun freigeräumten Plätzen in der Farbe Grün sitzen (die Zweite Klasse hat blaue Sitze), zwei mal vier Plätze ganz für mich, während es sich eine Sitzreihe weiter, bei den Zweiten, nun noch heftiger knubbelte. Düstere Blicke, natürlich.
Hier war es jetzt okay, eine gedruckte Zeitung vor sein Gesichtsfeld zu halten, Shitbürgertum würde Ulf Poschardt sagen, ja, Interview mit Dennis Scheck über Kafkas Vegetarismus (Marie Schmidt), mit dem er, Kafka, natürlich, auch schon wieder Avantgarde war, du liebes Bisschen.
Poor Waldman Joe, gerade mal wieder traurig. Es ist alles scheußlich, ich blicke nicht mehr durch — falsch, das waren gerade, im Gegenteil, einige fast schon erschütternde klare Momente, auch nicht nur angenehm. Keine Larmoyanz, no Klagen, no mercy.