19. Februar 2026, Donnerstag

Und hier weiter: Bayrischzell.

Mich hatte gerührt, das geht ja gar nicht anders, wie die Burschen, alle um die fünfzig, sechzig, in guter, also streng altmodischer Tracht — die Hüte: die Tegernseer Form mit gerader, langer Krempe — vor dem Klosterhof zur Post gestanden hatten, alle schon gut einen im Tee, Faschingsmontag war es, traditionell offenbar ein Stammtisch-Saufabend, kurz nach neun Uhr abends, also für Bayrischzell-Verhältnisse schon nach Mitternacht. Und der mir aus dem Salomon-Ski-Verleih bekannte Franzl, mega-fröhlich, unsympathischer Typ, hatte mir den Sepp, der schwankend neben ihm stand, vorgestellt.

Sepp, auch ganz normal superfröhlich, mich begeistert anstierend, er machte könnerhaft einen Taumelschritt in meine Richtung:

„Du, wo kommst denn du jetzt hier?“

Dann noch mal, mindestens drei-, viermal, immer wieder von vorne, den selben Satz:

„Du. Wo kimmst denn du jetzt her?“

Abgesehen davon, dass jeder weiß, dass selbst die unlustigsten Sätze durch brachiale Wiederholung irgendwann superlustig werden — das war jetzt schon besonders lustig hier.

Sepp mit dem wunderschönen Hut in Tegernseer Form sagte jetzt, und da verstand auch ich, dass dieser feine Freund des Salomon-Franzl gerade die immer gute bayerische Mischung aus Servus sagen und mich a bissl blöd anmachen anwandte:

„Du, du fährst aber Langlauf, oder? Oder fährst du Ski?“.

Franzl, mir freundlich zur Hilfe eilend: „Spinn ned, Sepp, des ist der Moritz, der fahrt Ski. Des is a Stammkunde, der kimmt seit Jahren zu mir.“
„Guter Hut, Sepp“, so ich jetzt zum Sepp.
Sepp: „Moritz, weiß du scho‘, dass ich in diesem Jahr als Tourismus-Botschafter von Bayrischzell kandidiere?“

Große Freude, Gelächter, ich ging dann wieder an meinen Familientisch nach drinnen.      

Nach dem Skifahren dann: Hängen mit den AfD-Wählern, eventuell auch mit den AfD-Funktionären aus Sachsen-Anhalt und aus Thüringen in der Bio-Sauna im anders brutalen, erst vor wenigen Jahren eröffneten (Juli 2020, siehe Website) Sport- und Kinder-Hotel „Das Bayrischzell“.

Wie würde man einer Zürcherin (Anna) erklären, warum Deutschland für immer, wirklich immer — sagen wir, 155 Jahre nach Reichsgründung, gut 35 Jahre nach der Wiedervereinigung und 31 Jahre nach Christian Krachts Faserland — das hassenswerteste Höllenspießerland auf Gottes weiter Erde bleiben wird? Das überlegte ich, während ich mit den AfD-Schinken in der Bio-Sauna schwitzte. In etwa so:

Sie haben gutes Geld, aber Sparen ist trotzdem ihr absolutes Lieblingsthema.
Sie geben sich Tipps, wo sie für einen Euro einen Schlitten leihen können und wo es noch größere Portionen für noch weniger Euros gibt („Da kannste nicht meckern“).
Sie sprechen die ganze Zeit nur von ihren unbegabten Kindern.
Sie sagen „Kids“.
Sie wollen Chicken Wings und Pommes, für sich und ihre Kinder.
Sie wollen Bio (ja, auch Bio Chicken Wings).
Sie trinken noch nicht mal mehr Bier (und wenn doch, dann alkoholfreies Weizen).
Sie tragen ekelhafte Funktionskleidung.
Sie tragen ihre ekelhaften Fitness-Puschen beim Frühstück, draußen im Schnee vor der Hoteltür, wo sie eine rauchen gehen, sogar abends im Hotelrestaurant.
Sie haben schinkengroße Tatoos auf der Brust.
Sie sind gepierct.
Sie sprechen schnelles, hektisches, hanovranisch klingendes Hochdeutsch, damit man nicht hört, dass sie aus den noch immer neuen Bundesländern kommen.
Sie zahlen bar.
Sie wählen AfD.
Sie rechnen mit.
Sie sind für die Kultur.
Sie lesen schon lange keine Zeitung mehr.
Sie wollen ihre Schamhaare immer ganz sauber wegrasiert haben (igitt).
Sie wollen keinen Geruch.
Sie wollen keinen Sex.
Sie wollen den Wunder-Baum „Tannenduft“ fürs Auto.
Sie wollen sich ihre hässliche Meinung nicht verbieten lassen.
Sie wollen sich überhaupt nichts mehr verbieten lassen.
Sie gehen in Swingerclubs.

Haha.

Meine Freundin Anna weiß das ja alles sowieso.

Ihr Lieben.
Süßen.
Meine Freunde.
MEINE Meinung.
Meine NSDAP.
Meine garantiert nicht mehr gesichert rechtsradikale Jugendorganisation der AfD.
Meine Heidi Reichinnek (derzeit in der Kritik wegen eines Audi A8).
Meine Bio Iced Caramel Macchiato Frappuccino (fuck off).

Habe ich — ganz persönlich: ich — verstanden, dass sich Deutschland, wie immer wieder gesagt wird, „in einer Art Kriegszustand“ befindet, oder „noch nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden“, wie die Politiker in fast schon verzweifelter Deutlichkeit immer wieder beteuern, weil die Russen seit Jahren — was in uns begriffsstutzige Deutsche auch immer wieder und oft wohl ergebnislos gesagt wird — einen hybriden Krieg gegen uns führen?

Echt: noch nicht.
Also: nein. Noch nicht verstanden.

MadW fordert eine Generalmobilmachung des Geistes. Und, daraus folgend, wie heißt das: des Bewusstseins.

(Und ey, natürlich liebe ich Deutschland.) 😘😘