24. Februar 2026, Dienstag
Und heute, bäääääm: die Sonne. Noch nicht stark, aber eben doch: das runde Helle oben am Himmel, das das Blau hinter den schnell ziehenden, weißen Wolkenfetzen anstrahlt.
Und die Bäume standen nackt, und das Schlammgrün des Parks mit den aufgewühlten Rillen, die der Schnee hinterlassen hatte, glitzerte und dampfte nass zum Himmel.
Blick nach draußen, ein paar, ja, natürlich nicht ganz neue, trotzdem absolut notwendige Gedanken zum Unberührten der Natur.
FRAGE: Was sah man denn tatsächlich, guckte man nach draußen — ins Braun, Grau, nasse Grün und in die Bäume hinein? Das war ja offenkundig nicht das Unberührte, das es nicht mehr gibt und eher noch nie gegeben hatte (spätestens seit dem Spätmittelalter oder so nicht mehr).
Man sah:
Den in ein Halbrund eingefassten Park
Die vor langen Zeit — beim Bau des Barockschlosses oder doch nach dem ersten großen Anbau, um 1870? — in ein Halbrund gepflanzten Parkbäume
Zäune
Die Streuobstwiese
Die Terrasse
Die bis Mitte April oder Anfang Mai in ihrer Holzverkleidung eingepackte Diana-Statue
Der heute von kleinen Buchen eingefasste ehemalige Reitplatz (wird fälschlicherweise oft als ehemaliger Tennisplatz bezeichnet, aber es gibt nicht ein Foto, das dort einen Tennisplatz zeigt, wohl aber Fotos von an Longierleinen geführten Pferden)
Die Insel im heute zum Wald hinunter vergrasten Schlossteich
Zäune zwischen großer Wiese und Teich zum Abhalten des Schwarzwilds.
Und weiter:
Die Allee
Die lange Wiese an der Lindenallee, zur anderen Seite hin: das Feld
Die Bahngleise
Am Alten Forsthaus dann die krasse, böse Autobahn, dahinter der Eingang in den Wald.
Im Wald:
Die mit Split und Schotter belegten Waldwege, auch Wald-Autobahnen genannt
Entwässerungsgraben entlang der Wege
Rückegassen, alle 25 Meter in den Wald hinein
Die vor zirka sechzig Jahren (1969?) gelegte Ferngasleitung
Die Schilder des Wasserschutzgebiets
Die zwei, mit Jägerzaun eingefassten Brunnen der Stadtwerke Rehau
Die Wegweiser des Fichtelgebirgsvereins
Die Kameras der Universität Bayreuth, die den Besucherstrom der Spaziergänger und Fahrradfahrer im Wald aufzeichnen
Die Waldteiche, mit dem für Waldteiche üblichen Gerät davor (Bänke, Bottiche, Eimer, Rohre, Netze)
Die Kultur der Pflanzungen, in letzten Resten noch in jener Reihe und Glied erkennbar, wie sie mein Großvater, Urgroßvater und dessen Schwiegervater vor siebzig, hundert und vor 120 Jahren dort gepflanzt haben.
Der heute von allen nicht Doofen im Wald-Business angestrebte Plenterwald: ein Produkt von Schäden durch Naturereignisse (Sturm, Windbruch, Käfer, Trockenheit), vor allem aber Ergebnis eines sehr ausgeklügelten Systems von Durchforstungen, Pflege, Läuterungen, Neupflanzungen und überhaupt das Produkt einer hochtechnisierten Waldwirtschaft mit Harvestern, Rückezügen und den Holz-Transportern der Sägewerke.
Das sieht man. Was ich nicht sehe — das gibt es bei uns logischerweise nicht, das ist in ganz Deutschland nirgends mehr zu sehen: eine in irgendeine Art wild aussehende, sich wild benehmende oder an Wildnis oder an Urwald gemahnende Natur.
Sorry.
Meine These wäre ja, dass das Unberührte gar nicht gemeint ist, wenn der Mensch von der Erholung redet — sondern ganz das Gegenteil: das Kultivierte, Gestaltete, Gefasste, Gebaute, von Menschen und ihren Maschinen Gemachte, eben das, was mit KULTUR immer gemeint ist. #normal
Ich sehe einen Wildacker auf einer Rückegasse und denke: Aaaaaaah.
Ich sehe das im Sommer hoch stehende Gras auf der Ferngasleitung und denke: Tut das gut, mal wieder draußen zu sein!
Ich sehe das große Feld an der Allee nach dem Setzen der Zwischenfrucht im Herbst und denke: Ein Vögel müsste man sein!
Und tatsächlich, nächste These des Waldmenschen: Es ist eine Erholung ja nur dann machbar, ist der Mensch in dem vom Mensch gemachten Kulturraum Wald unterwegs und geht er dort spazieren. Ich etwa, der in Urwäldern selten oder, glaube ich, überhaupt noch nicht unterwegs war und wohl nur erschreckt davon wäre und nichts damit anzufangen wüsste (Buchen-Urwälder in den rumänische Karpaten, Regenwälder im Kongo, in Brasilien und Papua-Neuguinea), kenne ja kaum einen anderen Wald als unseren guten alten mitteleuropäischen, oberfränkischen Wirtschaftswald.
I love hochtechnisierter Wirtschaftswald, I need it für meine Erholung. Alles klar.
Und heute dann noch: Heizungs-Totalausfall, der Keller steht unter Wasser. Die Profis vom Notdienst der Sanitärfirma Münster/ Schauenstein sind schon da und tun ihre Arbeit, schnell, effektiv, mit dieser ganz eigenen, sehr schönen Handwerker-Gelassenheit.
Christl sprach gestern — schon im Moment des Aussprechens war es ganz unvergesslich und ein instant Klassiker — von einem in der Region bekannten Feigling, das ist bis heute sein Spitzname, mittlerweile ist er (geschätzt) 92 Jahre alt. Zu seinem Namen kam er, der heute noch in der Region Prominente, weil er mit dem Trinken, Rauchen, Fleisch-Essen stets zurückhaltend umging: zu feige zum Rauchen, zu feige zum Trinken, zu feige zum Schäufele-Essen, ein Feigling eben. Dafür ist der Feigling heute schon älter als viele andere und hat das ewige Leben.
Am Abend Podiumsdiskussion der Bürgermeister-Kandidaten in 95100 Selb im Rosenthal-Theater. Die AfD hat offenbar keinen Kleinkriminellen, verwirrten Ex-Händyverkäufer oder sonstigen Schwachkopf gefunden, den sie ins Rennen schicken konnte — auch keine abgedriftete Heilpflanzenkundlerin, Anti-Pharmaindustrie-Aktivistin, Großer-Austausch-Spinnerin oder Ex-SED-Funktionärin, die sich dann, wie üblich, doch jeder öffentlichen Diskussion verweigert hätte.
In Selb, so sagen das alle Straßenumfragen und gefühlten Prognosen, wird noch mal der Ulrich Pötzsch gewählt, Ex-Fahrlehrer und Aktiver Bürger (seine Partei) — auch er scheiterte daran, einen ominösen Investor aus dem Saarland auf seine Zusagen zum Neuaufbau der Innenstadt zu verpflichten. Im blauen Anzug aber sieht Uli Pötzsch absolut passabel aus — dem Kleinklein der Lokalpolitik tritt er mit einer noch auf der guten Seite der Resignation stehenden Ruhe und Gelassenheit entgegen und, das wird im Ort honoriert, mit einem Kompass des Anstands und der guten Manieren.