3. Februar 2026, Dienstag
Währenddessen, im Gastraum des schönen Gasthauses zur Goldenen Sonne am gestrigen Montagabend gegen 18 Uhr:
Auf der Speisekarte stehen, neben den üblichen Christl-Klassikern (Krenfleisch, gepökelte Rinderzunge, Schnitzel, Cordon Bleu, Pfannensülze, gebackener Camembert, Hausmacherpreßsack) gleich zwei „Aktionen“, also:
Aktion Leberklößsuppe 3 Euro.
Aktion Rinderrouloude mit Klöß‘ und Salat 16,80 Euro.
Wir werden von der Chefin erst gar nicht gefragt, was wir bestellen möchten, sondern sind ganz automatisch für beide Aktionsgerichte eingeplant, wobei die erste Aktion — die Suppe — gleich auf dem Tisch steht.
„Moritzla, ein Bier vom Fass dazu?“
Sehr gerne, Christl.
Im Folgenden Gespräche über die drei Brenner des Fichtelgebirges:
Kriminalität (Was geschieht oben am Pilgramsreuther Sportplatz? Wird da wirklich mit Drogen gedealt? Das kann ja wohl nicht wahr sein).
Windenergie. Wie geht das jetzt weiter mit den durch die Regionalplanung ausgewiesenen Rädern in Martinlamitz? Steigt die Firma Sandler ein oder nicht?
Der seit Jahren geplante, in irgend welchen Gerichten festhängende Bike-Park am Kornberg. Sind wir dafür? Schon auch. Sind wir dagegen? Schon eher noch mehr.
Man versteht, dass so ein Bike-Park die Invasion der Mountain- und Querfeldein-Biker auf ein vorher abgestecktes Areal bindet. Andererseits: Hat man sie einmal im Wald, suchen sie sich natürlich ihre Wege auch außerhalb des Bike-Areals. Schwierig, schwierig. Weiterer Diskussionsbedarf.
Und im Weiteren geraten my man Peter Pretsch from 95100 Selb und die anderen Gäste am Tisch (unter anderem my man Rehwagen, Michael) in Gespräche und ERINNERUNGEN, zwischenzeitlich dann in eine regelrechte Erinnerungs-Ekstase, was in den Jahren 1982 bis 1992 (so etwa) in der Region los war und welche Lokale es in Hof gebracht haben.
Die Christl steht vom Tisch auf und schaut von hintern Tresen zu, während das Aufnahmegerät läuft, mit dokumentierten Gesprächen möchte sie nichts zu tun haben (nachvollziehbar), sie mag das nicht.
Gesprächsausschnitte:
La Schokolada, ehemals Movie in der Altstadt (bitte fränkisch aussprechen: das Schogolada, das k wie ein g, das d wird zum ganz weichem d).
Galeriehaus.
Rotes Ross.
Das Collage.
Das Hemingway.
Kronenbar.
Tante Fredda.
Das Jean-Paul-Café, da konntest du noch ein Kännchen bestellen, das war schön, das haben sie abgerissen.
Die Lisa mit dem Kronenkeller in der Ludwigstraße.
Der Alte Bahnhof.
Das Rockofant.
Das Anadom, weil: am Dom.
Café Marie.
Das Roxy. „Da hat mal einer meine Collegejacke geklaut, während ich geflippert habe. Da bin ich hinterher, und er musste einsehen, dass das meine Collegejacke ist. Danach wurde weitergeflippert.“
Das Finale, unverändert seit Jahrzehnten.
Die Kaminbar, im Keller, gegenüber vom Schokolada, in einer Passage.
Und, oh Gott, ganz wichtig: das Café Atemnot. Da hat die Anke bedient, rothaarig, eigentlich supersüß. „Immer, wenn sie gekocht hat, in den Achtzigern, irgend einen frühveganen Wahnsinn, habe ich das Schinken-Käse-Baguette genommen. Dann hat sie sich neben mich gesetzt, und ich musste das erklären.“ (Pretsch)
Das Schnürsenkel, Gay Bar, Fabrikzeile, Richtung Media-Markt, Eisteich.
Sir Otto. Wie heißt der Besitzer? Der Rau-Rudi. Der hatte seine Frisur mit Klebeband an der Stirn festgepappt, Megastyle.
Er hat sich in einen Porsche 911er einen scheiß Käfer-Motor eingebaut, weil der weniger Sprit braucht. Fasst man das? Wo ist der bitte gelandet?
Micky. Zirka 1,55 Meter groß. Der hatte das Schokolada. Später wohnhaft in Spanien. Halb Hof ist damals, in den Achtzigerjahren, nach Spanien ausgewandert, weil es da so schön warm war. Der hatte sich seine Kniescheiben orthopädisch in Stand setzen lassen — die mussten wieder rausgenommen werden, das hat irgend was nicht geklappt.
Edgar Klinger, das war der mit dem goldenen Mercedes mit den roten Ledersitzen. Die Klinger Brothers, die waren bekannt in Hof, man hielt besser Abstand.
Zum Schwan.
Die Quelle, der Rundbau in der Pfarr.
Hinten am Moritzpark … war nichts eigentlich.
Gott, die Fischküchen! „Wunderbarer Laden, ein herrliches Lokal.“ Da war die Marga drin, als Bedienung, das hatte bis um vier Uhr früh offen, locker. Da ist jetzt ein Döner drin, wie heute überall in Hof.
Das Hotel Enden, die hatten immer nur zu den Filmtagen offen. Fürs Separée hat der Chef immer Personal aus dem Gefängnis geholt.
Waaßt des nimmer?
Man muss sehr gerne haben an der Christl (neben den anderen Dingen, die man an ihr ganz automatisch gern hat), dass sie den Bierkonsum ihrer Gäste auf ganz unaufdringliche Art und Weise mit im Blick hat und lenkt. Nach zwei Bier heißt es zuverlässig: „Du nimmst ein Alkoholfreies, Moritz? Bring ich dir.“
Vom Pretsch-Peter macht jetzt ein Foto von 1984 die Runde — es zeigt ihn als very good looking young man mit James-Dean-Haaren und grün-weißer Collegejacke, zu einer Nachtstunde in Hof.
Und my man Peter Liebscher vom Schwarzen Peter in Selb schickt, während das Gespräch bei Christl läuft, ein Handyvideo vom Bauerndom, gleich gegenüber vom Gasthaus gelegen, soeben bei einer Zigarettenpause aufgenommen. Die alte Friedhofsmauer (Feldsteine). Schnee auf Dächern, auf dem großen Holzstadel, auf der Gasthofterrasse. Die Turmuhr schlägt neun.
Fast schon irreale brillante, kleine Überraschung — zum Abschluss dieses so gleichermaßen ganz durchschnittlichen und denkwürdigen Abends: Wir standen schon zwischen den Tischen, die Mäntel und Schals in den Händen, als Christl ein Gästebuch auf den Tisch legte: grüner Ledereinband, goldene Schrift. Und das Buch nach einigem Herumblättern geöffnet liegen ließ. Sie zeigte auf die linke Buchseite, kein Wort, nur Christls Finger auf dem schweren, gelben Papier.
Vier Zeilen, mit Kugelschreiber geschrieben, darunter ein mit Tesafilm eingeklebter Ausriss einer Leute von heute-Meldung aus Bunte. Der handschriftliche Eintrag in der so vertrauten, sehr gut leserlichen Schrift:
5. März 1995
Ein leckeres Wochenende in der Goldenen Sonne
Danke für alles, liebe Familie Luding.
Euer Christian Kracht & Stefanie
Das Bunte-Foto zeigte Krachti in sehr klassischer, der fast schon sprichwörtlichen Neunzigerjahre-Faserland-Montur (hellblaues Brooks-Brothers-Hemd, heller Trenchcoat) mit einem herrlich überdrehten, natürlich auch prophetischen Bunte-Hysterie-Text — es war wohl der erste Text, der je über den späteren Welt-Schriftsteller Krach publiziert wurde: „(…) Ein Hauch von Genialität weht durch ihn (…).“
Staunen.
Ein Lichtpfeil und Schlagschatten trafen mich mitten ins Herz, direkt von 1995, einem Sternstunden-Jahr der deutschen Literatur, kommend. Und sogleich natürlich extreme Rührung — über alles, was ganz früher einmal war.
Big time, Christl.
Heute Morgen, zur besten Guten-Morgen-Zeit um kurz vor neun, entschied ich dann, heute mal nicht raus in den Wald und zu den Profis Mr. Randolph und Dr. Jacklestone zu fahren. Man ist ja frei. Stattdessen: Schreibtisch. Studium der Zeitschrift AFZ Der Wald/ Die Zeitschrift für Forstpraxis/ Forschen. Wissen. Verstehen. In der Halle unten läuft heute der große Putztag.
Spaziergang, einmal die Allee rauf und wieder runter, es ist noch nicht einmal elf Uhr. Man kann ja hier im Wald — das fällt mir nach knapp zwei Jahren immer noch wie eine Überraschung ein — einfach vor die Tür gehen und atmen.