7. Februar 2026, Samstag

Es gibt nur ganz, ganz wenig Popmusik, die ich nicht kenne, eben mit einigen wenigen Ausnahmen, sagen wir: Von geschätzt Tausend Bruce-Springsteen-Songs habe ich etwa 950 noch nie gehört, aber ich wusste natürlich immer, wie gut er ist, klar, klar), ich würde schon auch sagen, dass ich im amerikanischen P-Funk um 1970 (George Clinton) große Lücken habe, weil mir diese Musik einfach total fremd ist und ich sie scheußlich finde. Richtig, im Jazz kenne ich mich null aus, peinlich (ja wirklich, den ganzen Jazz, vom Swing der 30er- und 40er-Jahre bis zum Bebop, Cool Jazz und heutigen Spielarten, keine Ahnung, harte Lücke, ich weiß — im frühen Blues dagegen, Muddy Waters, Howlin’ Wolf, John Lee Hooker, bin ich wieder sehr gut). Ansonsten kenne ich wirklich alles. Und ich meine es genau so: Ich kenne alles, ich liebe viel davon.

Letzte Woche traf hier von einer guten Freundin — ich habe sie sehr gerne, weil sie intelligent und auch sehr unterhaltsam ist, sie weiß das, wir beide wissen das — ein Pappkarton mit einer Langspielplatte per Post ein (man sieht ja schon am Karton, dass das nur ein Schallplatte sein kann, große Freude), ein verspätetes Weihnachtsgeschenk, wie nett ist das bitte, ich freute mich wirklich sehr und schrieb ihr auch gleich eine SMS: Freude!

Es war You Want It Darker, das letzte, im Jahr seines Todes veröffentlichte Studioalbum von Leonard Cohen (2016).

Wer war war jetzt noch mal Cohen? Weshalb kannte ich den jetzt praktisch auch nicht, wo ich mir doch immer eingebildet hatte, vor allem mit den Croonern des amerikanischen Pop (Crosby, Sinatra, Bennet, Lee Hazlewood, sogar Perry Como, natürlich Dean Martin, Nat King Cole, der riesige Sammy Davis, Jr.) ganze Jahre verbracht zu haben? Was hatte es zu bedeuten, dass ich ausgerechnet immer an ihm, beautiful Leonard, vorbeigehört hatte?

Suzanne, natürlich. Im Kopf hat man außerdem die wunderschöne blonde Frau, die auf der Rückseite eines Albumcovers an einer Schreibmaschine sitzt, schwarz-weiß, late-Sixties-artig verschwommen, umwerfend schöne Frau, kurzes weißes Kleid (oder ein nur schnell übergeworfenes Handtuch?), so etwas vergisst man nicht. Sie war seine Muse (wie muffig und alt der Begriff „Muse“ heute klingt, interessant). Und natürlich sein berühmter Satz mit dem Riss, durch den das Licht schimmert („There is a crack in everything/ That‘s how the light gets in.“).

Auf die Nüsse gegangen war mir bei ihm, dem schönen Leonard, schon immer, dass man nur ganz schwer sagen konnte, ob er nicht immer mehr Lyriker und Romancier war als Songschreiber (entscheid dich, Mann, beides geht nicht, dasselbe gilt übrigens für Maxim Biller, haha). Ansonsten war das für mich immer der Mann, der gerne sehr viele lange Interviews gab, offenbar vor allem dem deutschen Magazin-Journalismus (gefühlt jedes Jahr seit 1990 ein langes Spiegel-Gespräch). Und von dem man lernen konnte, dass man als Mann über sechzig — Legende hin, Legende her — höllisch aufpassen musste, dass einem nicht irgend ein provinzieller Stylist ein zu kleines, schwarzes Pepita-Hütchen auf den Kopf setzte („Das bist du, Leo, do it, do it“) und man auf die letzten Meter seines Lebens noch mal wie ein Leonard-Cohen-Darsteller aussieht oder einfach wie ein Idiot. Brutal, finde ich auch. Aber so war es.

You Want It Darker lag nun auf meinem Plattenspieler. Auf dem Cover: genau, der arme, natürlich sehr späte Leonard Cohen, brutal gut aussehend, keine Überraschung (er sah ja stets brudal gut aus, ein Weiberbeld, berühmt), wie immer schwarz-weiß fotografiert, aber eben leider — haha — mit dem komplett lächerlichen Pepita-Hut.

Chöre. Huhu. Huhuuuuu. Gezupfter Bass. Hammond-Orgel. Slow Tempi. Leider gleich keine angenehmen Assoziationen, es klingt so dumm raunchy, wie in einem Bräunungsstudio oder in einem Erotikclub in irgend einer westdeutschen Kleinstadt.

Cohen spricht, oh Gott — er singt nicht, er raunt mit dieser uralten, sich selber für weise, sexy, broke, gut heruntergekommen, hundertfach gebrochen und total unwiderstehlich haltenden Flüstern-Raune-Stimme (Leonard-Cohen-Fans kennen das natürlich, aber ich, Entschuldigung, höre das zum ersten Mal):

If you are the dealer/
I‘m out of the game/
If you are the healer/
I‘m broke and lame.

HAHAHA!

Was ist das bitte für ein müder, alter Post-Sex-Post-Oralverkehr-Post-Fortpflanzungsfähigkeit-Eierschaukel-Altersheim-Erotik-Sound? Für mich klang das einfach nach alter Mann in Windeln. Erotisch raunen beyond der 75 — Vorsicht: schlechte, ganz schlechte Idee!

Jetzt lese ich gerade, wie man das mittlerweile so macht, auf ChatGPT nach, von was der Leonard-Cohen-Song You Want It Darker offenbar handelt, und fühle mich natürlich gleich ganz schlecht: naher Tod, Abschied, Spiritualität, Reflexion des Prozess des Sterbens, solche Sachen. Um Himmelswillen. Okay!

Er muss doch über seinen nahen Tod einen Song machen dürfen, wenn er sein Leben lang — mit der Bewunderung und dem Applaus der Welt — über die Dinge gesungen hat, die ihnen bewegen.

Aber warum, verdammt, kommt das beim bösen Mann aus dem Wald so überhaupt nicht an? Warum berührt es mich nicht? Ich habe doch sonst für so viel schlechte Kunst — RTL, Werbung, deutsches Kino, Elton John, Mascagnis Cavalleria Rusticana, das britische One-Hit-Wonder Cutting Crew, den späten und natürlich den frühen Rod Stewart — ein riesengroßes Herz.

Das könnte die Erklärung sein: Leonard Cohen, vor allem der späte Cohen, ist zu gut gemachte Kunst für uns manchmal lowe, etwas begriffsstutzige und immer gut zugenietete Eulen im Wald. So wird es sein. Jedenfalls freue ich mich, mit der sehr guten Freundin — Anfang März möchte sie hier vorbeikommen und ein paar Bier trinken mit mir im Wald — das späte Leonard-Cohen-Album noch einmal aufzulegen. Und mit offenen Ohren einfach hinzuhören. Auf eine Art, liebe Freundin, das merkst du, ist das Geschenk ja jetzt schon ein voller Erfolg, weil es den MadW-Autor — trotz massiver Einsamkeit, trotz leichtem grippalem Infekt, trotz Edeka-E-Center-Depression und Samstagnachmittag-Melancholie — so in die Gänge gebracht hat. Thank you!

Mein Tipp: Der zweite Song auf der zweiten Langspielplatten-Seite ist nicht so dumm.

Am selben Abend, gegen 19:15 Uhr: Der Schwarze Peter schickt ein Foto. Aus einem Fenster seines Cafés, dem alten Bahnhof in Selb, hängt ein Bettlaken mit der Aufschrift „Nie wieder Faschismus“. Im Saigon, dem vietnamesischen Restaurant gegenüber, soll, so weit nicht bestätigte Gerüchte, am heutigen Abend, also gerade jetzt, eine AfD-Versammlung stattfinden. Fuck off.