moritz von uslar
meldungen aus dem wald

11. Juli 2024, Donnerstag

Um halb sechs waren die Jungs heute Morgen vom Ausgehen zurückgekehrt, rücksichtsvoll, die dunklen Junge-Männer-Stimmen gedimmt (da schlafen ja schon Leute), keinesfalls zu betrunken, wie die jungen Menschen eben heutzutage so sind, sie tranken dann auf den großen Holzmöbeln auf der Terrasse mit dem Blick auf die Eukalyptus-Hügel und das Meer noch ein Gute-Morgen-Bier und ließen vor dem Schlafengehen noch mal die Außendusche über sich drüberlaufen.

Beim Essen im Lokal neben dem Café des Arts (Name vergessen) hatte unser Freund Stephan uns die Club-Verhältnisse runterdiktiert — exakt so, wie man ins Nachtleben einer unbekannten Stadt eingewiesen werden möchte. An die Jungs gerichtet: Ihr fangt gegen 23 Uhr im Pablo an, da kenne ich jeden Kellner, die Türsteher, den Inhaber, das ist ein Restaurant, das gegen Mitternacht in einen Club rüberkippt, da hast du alles, junge Hühner, Stars, lässige Touristen um die 50, die gute tropizienner Mischung aus polnischen Prinzessinnen, aramäischen Playboys und tschetschenischen Kriegsverbrechern, um drei Uhr machen die zu, dann in den VIP-Club, mäßiger Laden, aber kann man machen, als Überbrücker, Luft holen, paar Zwischendrinks, gewarnt werden muss vor dem Les Caves du Roy, geht ab da, kommen auch mal die bösen Jungs, Vorsicht, Hauerreien möglich, auch von K.O.-Spritzen hat man schon gehört, Übelkeit, Kotzereien, und wenn man wieder zu sich kommt, hat man keine Uhr und keinen Geldbeutel mehr, also besser nur hingehen, wenn man mit Einheimischen oder den Bad Boys Tropiziens selbst unterwegs ist, um 5 öffnet dann das Les Ambassadeurs, Techno, weiße Kacheln, Vollgas, letzte Runden, letzte Drinks, vielen Dank für die genaue Einweisung. 

Stephan stand dann noch auf der Place rum und verteilte an den neuralgisch wichtigen Adressen Trinkgelder, einen grünen Schein an den Inhaber des Pablo, natürlich sehr nebenbei, genau wie es sich gehört, und nach einer fetten Buddy-Umarmung, auch der Taxifahrer wurde umarmt, genau eingewiesen, wann er wo zu sein habe, alle lachten und freuten sich. Das alte Stephan-Prinzip: Die Leute im Underground von St. Tropez mögen ihn gerne, weil er zahlt (kein Geheimnis) UND weil er die Leute wirklich mag, Empathie zeigt und sich die Verbundenheit in vielen, vielen Nächten über die vergangenen 30 Jahre mit ihnen ertrunken und erfeiert hat. No bullshit. A true buddy. Wie in St. Tropez so macht er das auch in Frankfurt, seit den frühen 1980er-Jahren, a true Frankfurt König he is, too. 

Das ist wunderbar, dass es die sharpen Engländer ins Finale geschafft haben, jetzt kann man das doch anschauen. 

Breaking: Rouen. Und jetzt brennt auch noch die zweitwichtigste Kathedrale Frankreichs. Ist das nicht die Kirche, die Monet immer wieder gemalt hat? DRAMA. Was will uns der Liebe Gott damit sagen? Zürnt er uns?

Riesenthema Älterwerden
le sex (immer ein Thema)
Paul sagt

Mal sehen, was die Jungs gleich nach dem Aufwachen von ihrer Nacht erzählen werden. Sie erzählen ja immer eher gerne nichts, sagen nur „War gut, war gut“, natürlich noch massiv verschlafen, tun harmlos, aufs Handy gucken, erste Zigaretten vor dem Frühstück, in Unterhosen um 15 Uhr auf einer Terrasse bei St. Tropez, auch wieder exakt: wie es alles sein muss. 

8. Juli 2024, Montag

Zwei Wochen in einem bescheidenen, man könnte auch sagen: endschönem Haus in den Bergen bei St. Tropez. Kein Pool, nur eine Außendusche (Style). Eines der bekanntesten Fotos von Willy Brandt ist exakt hier, in diesem Haus, entstanden: Der Kanzler mit Jeanshemd mit Perlmuttknöpfen, Zigarettchen im Mundwinkel, eine Ukulele in den Händen. Hier oben auf unser Terrasse, knobelte Brandt einst, in den Jahren 70, 71, zusammen mit seinem Kriegskameraden Egon Bahr die Ostverträge aus — vielleicht die schönsten, klügsten und hellsichtigsten Verträge, die eine Bundesregierung je auf den Weg gebracht hat. Brandt sagte, wie immer gegen 11, gleich nach dem Frühstück, mit dem ersten Chartreuse in der Hand: „Warte mal, es muss sich einfach anhören, Egon, und gleichzeitig maximal prosaisch. Wandel durch …“. Und Egon steckte sich die zehnte Zigarette des Tages an und sagte: „… durch Annäherung, Willy.“ Und Willy guckte über die Bucht von Cavalaire und sagte: „Wir haben‘s für heute, Egon. Lass uns jetzt richtig mit dem Trinken anfangen.“

Heute, gut 50 Jahre, später, sind wir auf Instagram und debattieren über die von vielen als flammend empfundene Rede von Bundestrainer Julian Nagelsmann: „Ich glaube, wir leben in einer Zeit, wo jedem das einzelne Posting, sich selbst darzustellen, wichtiger ist als vielleicht eine gemeinsame Stunde zu verbringen.“ Es sei nun wichtig, so Nagelsmann weiter, zu realisieren, das Deutschland ein schönes Land sei (okay, okay). Natürlich, der Affekt, sich hämisch über den Trainer zu äußern, dem die Tränen kommen und der es mit seiner Mannschaft ja auch nur bis zum Viertelfinale geschafft hat, ist groß. Aber noch größer ist die Lust zu sagen: Schaut her, Politiker, so geht die Ruckrede, die eigentlich ihr hättet halten sollen. Da denkt mal einer IN GROSSEN ZUSAMMENHÄNGEN.

Bahrs Ostverträge sind auf unser Ferienterrasse übrigens ganz selbstverständlich in unseren Sprachgebrauch übergegangen. 

Man sagt:
„Nimmst du auch noch einen Bahr?“ (einen Espresso mit einem Schlückchen Milch).
Oder: „Für dich auch noch ein Wandel?“ (Döschen eiskalte Cola aus dem Kühlschrank)
Oder auch: „Mir ist heute nach einer Annäherung“ (heißt: Wir sollten vor dem Club-Cinque-Tisch um 18 Uhr unbedingt noch ins Wasser springen). 

Dröhning in the Schatten. Oder gleich im Haus, auf den cremefarbenen Leinensofas. Neue Sonnenbrillen, neue Kopfbedeckungen ausprobieren, was man halt so macht. Der IQ plumpst, falls so etwas möglich ist, gehen 14 Uhr auf einen Jahres-Tiefstand (wunderbar).

Biden: „I am proud to be the first black woman.“

Ach, Freunde. 

5. Juli 2024, Freitag

Im Subaru Forester von Oberfranken nach Zürich. Die praktisch ideale Fahrzeit von sechs Stunden 15 Minuten, da kommt man schon mal ins Nachdenken.

Sagt einer problematisch, muss ich immer schon gleich kotzen. #normal
Sagt einer bedenklich, muss ich immer schon gleich kotzen. #normal
Sagt einer „Bis dahin gehe ich mit“, muss ich immer gleich kotzen.
Sagt einer „Da bin ich bei dir“, muss ich auch immer gleich kotzen. 
Sagt einer „Wir müssen schon ein Stück tiefer gehen“ …, ja, ja nun.
Sagt einer Ellbogengesellschaft, sage ich: Ja, jaaaa. 
Sagt einer Solidarität, sage ich Jaaaaaaaa, come on! (Geh mir nicht auf die Nerven, du kleiner Wichser).   

Den Podcast G Spot von Stefanie Giesiniger gehört: Es ist sehr spießig, klein, redlich. Sie sagt halt – du liebes Bisschen – wirklich: Freund-innen-schaft. 

Und trotzdem hat mich ihre GUTHEIT im Gespräch mit dem wirklich prima, auch sehr guten und woken und einfach fabelhaft gut aussehenden (das nur nebenbei) Hertha-Spieler Fabian Reese wirklich gerührt. Er hat mich, so war es, durch REDEN überzeugt. Man muss: den jungen Menschen einen Chance geben, so dachte ich, G Spot mit Stefanie Giesinger und Fabian Reese hörend, auch wenn sie sich, haha, manchmal ein bissl seltsam ausdrücken (Freund-innen-schaften, hahaha). 

Ich hoffe, dass mein Lieblingspodcaster Micky Beisenherz für den ROTZ, den er da in seinen Werbepausen erzählt (heute: Melitta), übel viel, wirklich unanständig viel Geld kassiert. 

#Utoquai

3. Juli 2024, Mittwoch

Gestern Abend, die Niederlande spielte gegen Rumänien (3:1), den Essay von Gustav Seibt gelesen. Und des Nachts wunderte ich mich, dass ich überhaupt einschlafen konnte. 

DER GROSSE TAUMEL, das Schlittern in die Katastrophe: Wir schlafwandeln eben nicht (Christopher Clark), die Allegorie zu 1913 stimmt nicht, wir sind wach, wir sehen es sehr genau, aber wir handeln nicht adäquat, wir ziehen keine Konsequenzen — wir denken, irgendwie wurschtig, weil wir es aus den vergangenen Jahrzehnten so gewohnt sind: Wird schon wieder gut gehen, da passiert schon nichts. In diesem Zustand des wurschtigen Wegguckens, des Augen-Verschließen, des Schaf-artig mit offenen Mund der eigenen Schlachtung entgegensehen stirbt die Demokratie, entfesseln sich Kriege, gehen ganze Welten zugrunde.

Die allesamt noch nicht verarbeiteten, natürlich endlos oft beschriebenen, tatsächlich „unfassbaren“ Unglücke der letzten Jahre: 

Putin besetzt die Krim, und so schlimm ist das eigentlich nicht (Deutschland intensiviert seine Energiegeschäfte mit Russland); ein britischer Premier spielt mit dem englischen Volk und verzockt sich (sorry, ist schief gegangen, wollte eigentlich niemand, aber ist jetzt so, BREXIT); nicht mal die demokratische Kandidatin (Clinton) nimmt ihn ernst, und plötzlich ist ein Horrorclown amerikanischer Präsident (sorry, sorry, ungläubiges Entsetzen bei der Inauguration). Ein so genannter Mike Pence verhindert 2020 sehr knapp, dass in den USA eine Verfassungskrise eintritt und eine jahrhundertealte Demokratie mit Waffengewalt beerdigt wird. Die Partei der Demokraten schafft es über vier Jahre nicht, einen gesunden, nicht senilen Kandidaten aufzustellen, der halbwegs bei Trost ist und es 2024 mit dem Horrorclown aufnehmen kann: Das ist SEHENDEN AUGES in die Katastrophe gehen, jetzt ist es zu spät (Panik, Entsetzen, ungläubiges Staunen bei den Demokraten und auf der ganzen Welt). Ein französischer Präsident setzt — in einem Anfall von Wahnsinn — Neuwahlen an und verhilft so (Stand heute, Mittwoch, 2. Juli) den Rechtsradikalen in die Regierung (sie werden Europa zerstören und Putin dabei helfen, die Ukraine zu versklaven und Osteuropa zu schlucken). In Kiew plädiert ein EU-Ratspräsident (???) Orban dafür, Friedensgespräche mit Putin aufzunehmen (what?), während ein fassungsloser Selenskij um mehr Waffen fleht. Deutschland: Die große alte Dame der Sozialdemokratie plädiert dafür, den Krieg in der Ukraine einzufrieren (Mützenich), der Kanzler glaubt fest daran, mit zehn oder 12 Prozent wiedergewählt zu werden („Ich bin euer Friedenskanzler“). Und einer sieht ungläubig zu, wie der Westen sich zerlegt, „und kann sein Glück kaum fassen“: Wladimir Putin. 

Ich weiß es auch nicht. 

Die Stimmung ist natürlich auch: Jeder, wirklich jede und jeder wäre jetzt besser als Biden. Unter meinen Freunden — wir reden sonst über Nudelsoßenrezepte und Badehosenmarken, aber das geht in diesen Zeiten schwer — hat sich eine halbernst gemeinte Frage verbreitet: Würdest DU, mein Freund, meine liebe Freundin, wenn die Demokraten dich fragen, für vier Jahre nach Washington gehen und diesen Höllenjob tun, wenn du dafür die Demokratie, den Frieden und die Welt, wie wir sie kennen und lieben, retten könntest? Die Antwort lautet natürlich: JA! Wir stünden bereit.

Do the Michelle Obama

1. Juli 2024, Montag

Mein Diggi.
Isch hab‘ disch lieb, du meine süße Diggi.
Du bist meine süße, liebe, rischti’ süße Diggi.
Weißt du, was ich meine.
Mein Schweinski-Diggi-Diggi.
ISCH HAB DISCH LIIIIEB!
Mein Schatz-Spatz.
Wollte isch dir schon immer sagen, Süße, Schnautzi-Bär, du.
Mein Diggi.
Isch hab‘ disch lieb, du meine süße Diggi.
Du bist meine süße, liebe, rischti’ süße Diggi.

Schenke ich dir mein Herz.

Wir machen Tropical Island.
Wir machen Jumbo Curry.
Wir machen Negroni Spagliato (Danke dir, meine liebe Diggi).
Schöne gesunde Zigarette dazu.
Isch geb ma‘ Trinkgeld FÜR UNS BEIDE, Schatz, ja?

Ach, ich weiß gerade auch nisch, Diggi.
Ist ja nicht so einfach.
Macht misch auch traurig, manchmal.
Diggi.
Mag disch einfach, wie du bist, weißt du, is’ so, muss ich dir gar nicht sagen, musst du mir einfach glauben, dass DEN so ist.
Weil, du bist: Diggi.
Schweini-Diggski.
Komm, isch geb‘ dir KUSS.

Schweinskowskaja.

Komm, wir setzen uns hin und machen einfach quality time, du weißt schon, Süße, Liebe, Gute, is‘ gut für uns, da profitieren auch die anderen von.

Isch fühl disch
Und jetzt will ich, dass du von mir träumst.

Sorry, SORRY.

Ist lieb gemeint, das auf alle Fälle.
Denn das sind meine Gefühle.

(Isch hab‘ disch lieb). 😘😘

30. Juni 2024, Sonntag

Trainer Micha Ungar aus Moschwalde/ Zehdenick war übers Wochenende zu Besuch da, ich hatte ihn 2009 bei den Recherchen zum ersten Deutschboden-Buch kennengelernt. Warum war denn das nun alles, des Trainers Michas Besuch, so absolut deep, berührend und lebensverlängernd gut? Man kann es, wie bei allen wichtigen Dingen, nicht so ganz genau sagen.

Micha Ungar, mittlerweile um die Sechzig: Er trägt heute immer noch so ein silbriges Junge-Männer-Sportjackett (Typ Rockabilly, made in 1980 in der DDR). In Karlshorst, Ost-Berlin geboren. Als sehr junger Mann hat Micha in der DDR-Junioren-Nationalmannschaft geboxt (TSC Berlin Trainer Uli Wegner nahm ihn unter seine Fittiche). 1987 erklärte Micha seinem Herrn Erzeuger: Ich gucke mir die Welt an, auf den Schiffen der Hochseefischerei, oder ich stelle einen Ausreiseantrag. Es wurde dann die Hochseefischerei (Halifax, Montevideo, Helsinki). Studium des Bauingenieurswesen. Nebenbei betreibt Micha die Prenzlauer-Berg-Pinte Blabla (unter der Woche wird morgens um sechs zugeschlossen, am Wochenende schon mal um zwölf Uhr mittags).  

Idee: Es ist sein tiefer Humanismus, der diesen herrlich brummenden, feixenden, Sprüche ballernden Mann zu einem besonderen macht. Humanismus: ja, nicht weniger ist es. Lässt man Micha sprechen – und er spricht gerne – dann wird er über früher oder später, zum Beispiel, auf die Flüchtlingspolitik der EU zu sprechen kommen. Und er ist nicht einverstanden damit, dass wir Flüchtlinge aus Eritrea in Internierungslager außerhalb der europäischen Grenzen stecken, nein, das findet er nicht gut. Nachdem, so Micha Ungar zur Erklärung, unser Kontinent über zweihundert Jahre lang den afrikanischen Kontinent ausgebeutet hat. „Ich frage dich, Moritz, haben wir da eventuell eine Verantwortung? Kann das sein?“

Ich lernte Trainer Micha Ungar noch einmal richtig kennen, als er – ohne lange zu fackeln, ohne groß Reden zu schwingen – die Arbeit mit seinem Boxring Zehdenick über Nacht für beendet erklärte. Der Boxring Zehdenick: Diesen Club hatte Ungar aus einem jahrelangen Tiefschlaf geholt, Rhythmus ins Training gebracht und seine Sportler zu erheblichen Erfolgen geführt. Einer seiner afghanischen Boxer hatte Micha eher beiläufig zugesteckt, dass man sich im Fitnessclub in Zehdenick nicht gerade anständig gegenüber ihnen benommen hatte: gegenüber ihnen, den Flüchtlingen aus Afghanistan und Syrien. So etwas hörte sich Micha exakt einmal an, kein zweites Mal. Er machte den Männern vom Fitnessclub eine Ansage: alle Mann bitte mal herschauen, hier rüber, zu mir. Und: Auf Wiedersehen. Und gründete in der Nachbarstadt, beim SV Eintracht Gransee, die Abteilung Boxen. Training, wie immer: Dienstag, Donnerstag und Freitag. Nach zwanzig Minuten Aufwärmen: Seile weg. Bandagen wickeln.

Wir tranken das gute Pilsbier von Kulmbacher (edelberb).
Die große Terrasse.
Grill.
Feuerschale.
Die guten Kalbsbratwürste von Frau Koch aus Zehdenick (Mitbringels Micha Ungar).
Wiesenfest in Schirnberg.
Besuch des Alten Pfarrhauses bei Schönwald.
Trainer Micha Ungar erklärte mir zwischendrin auch mal, dass das Rauchen der Gesundheit nicht gerade zuträglich sei. Ach so, ja. MIST.

Trainer Micha sagt gerne: „MEINE Meinung …“.
Trainer Micha hat ein großes Talent, dem Vornamen Moritz an der richtigen Stelle im Satz einen kleinen Auftritt zu verleihen. Er macht das überhaupt gerne mit den Vornamen: Die Boys der Nationalmannschaft heißen bei ihm Nico, Antonio, Ilkay und Jamal. Als ob es seine Jungs wären, die er trainierte. Und es klingt dann augenzwinkernd, nach schwarzweißen Fünfziger-Jahre-Kino und, ja, auch schon liebevoll, wenn er meinen Vornamen aussprach: „Moooritz …“.

Heute Morgen, an einem langen Sonntagvormittag, hörten wir uns in der Musik der 50er und 60er-Jahre fest, sangen mit und führten kleine Tänzchen um den Frühstückstisch auf:

Patsy Cline.
Bo Diddley.
Den herrlichen reaktionären und todtraurigen Country von Jimmy Wakely, Gordon McRae und Hank Snow (the Singing Ranger and his Rainbow Ranch Boys).
Den umwerfenden Life-Auftritt der übergroßen Heulsuse Roy Orbison im Cocoanut Grove nightclub im Ambassador Hotel in Los Angeles am 30. September 1987. Mit ihm auf der Bühne: der Elvis-Gitarrist James Burton. Als Hintergrundsänger engagiert: Bruce Springsteen, Elvis Costello, k.d. lang, Bonny Raitt. Im Publikum: David Lynch, Billy Idol, Patrick Swayze, Billy Bob Thornton, Sandra Bernhard, KRS Kristofferson. Um Gottes Willen. And you can all hear it on the record.  Micha Ungar und ich sein ehemaliger Schüler Moritz, wir schrieen vor Glück. If music was ever camp, it was back then.   

Als Trainer Micha Unger schon wieder in seinem Auto nach Moschwalde sitzt, hängt im Haus noch der gute Geruch seiner Gauloise-Zigaretten. Gute Fahrt, Trainer Micha. Bis ganz bald.

27. Juni 2024, Donnerstag

Der Käfer.
Der Käfäää.
Kefeeeeh.
Kurfurrrr.
Dää Borkenkäfäääh.

In fränkischen Fichtenwäldern (und natürlich nicht nur dort) verbreitet: der Buchdrucker, Kupferstecher.
Ist der Baum eh schon schwach bzw. gestresst (Trockenheit), geht der Käfer rein.
Wir müssen in aller Sachlichkeit sprechen von: explosionsartiger Vermehrung.

Gibt’s denn da kein amtliches Giftgas, das man auf den Käfer aus hohen Lüften, von Hubschraubern aus, draufsprühen kann? Offenbar nicht.
Kann man die Biontech-Erfinder Ugur Sahin und Özlem Türeci nicht mal auf die Schnelle beauftragen, ein entsprechendes Mittel zu entwickeln, von höchster Stelle aus, von unserem sympathischen Bundes-Landwirtschaftminister Cem Özdemir? Nee. Quatsch.

Die Gespinstblattwespe (1990er-Jahre).
Der Eichenprozessionsspinner: frisst in Bayern alle Eichen auf.

Die Fichte, das zeigte sich in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren und ganz deutlich dann seit dem Trockenjahr 2018, ist für Gegenwart und Zukunft kein geeigneter, weil dem Klimawandel nicht gewachsener Baum. Welcher Baum die Fichte ablösen könnte, als neuer deutschen Brotbaum – das ist eben so eine Sache (die Douglasie?) –, das ist noch überhaupt nicht raus. Es gibt die neue Fichte bisher nicht.

Sommerzeit: Käferzeit.

Bisher war es ein mildes, für den Waldbesitzer beglückend feuchtes, für den Käfer nicht günstiges Jahr. Jetzt rechnen wir, so wie in den letzten Jahren, in den kommenden sechs, acht, zehn Wochen mit einer deutlichen Vermehrung.

Wir laufen weiter durch den WALD, halten Ausschau nach braunen Wipfeln, abgefallener Rinde. Und nach Bohrmehl auf der Rinde. Ist die Rinde abgefallen, ist es meistens schon zu spät: der Baum tot, der Käfer schon weiter geflogen. Die Boys auf den Harvestern nehmen meistens immer gleich zwei, drei, vier, fünf Bäume mehr mit.

Sommääääh in Deutschland.

We don’t give up.
#Azzlack

26. Juni 2024, Middwoch, Diggi

Das Erwachen der Nicht-Kleinstadt Hof, morgens um neun, zwischen Fielmann, Thalia-Buchhandlung, New Yorker, dem Juwelier Hohenberg (seit 1898), dem Wörschtla-Mo, der Parkhaus-Altstadt-Passage, dem Eiscafé Rialto, Zigarren-Wagner, dem Central-Kino (der natürlichen Heimat des Filmkritikers Michael Althen, der mit acht Debrezinern innerhalb 14 Stunden, dokumentiert vom BR, den Wörschtla-Rekord während der Hofer Filmtage hält), der HypoVereinsbank und dem Redaktionsgebäude des Hofer Anzeigers an einem heißen Frühsommertag: Es ist so zauberhaft, es ist soooo altes Deutschland (altes Westdeutschland natürlich, nicht unbedingt Europa, sorry, Mr. Rumsfeld).

Micha, der Stadtsänger (Hawaiihemd), sitzt im Schatten der Parkgarage und singt seine wilden, disharmonischen Protestlieder. Ja, in Hof, Leute, der grauen Arbeiterstadt, sexy working class city, ist alles drin: auch noch eine gute, eine nicht rechtsradikale Protestbewegung, auch eine Revolution.

Lieblingsort Media-Markt. Einen sehr gut aussehenden Drucker gekauft. Die Verkäufer sind in noch mal ganz neuen Dimensionen: fresh, funky, auf null Gramm Fett trainiert, genau richtig verpickelt, mit herrlichen 19-Euro-Undercuts, entwaffnend locker, lustig und höflich. Wäre ich ein gay guy, ich würde sagen: ja gut, Hallo, alles klar, let‘s go, bis später, #normal.

Ich wollte ja hier, in meinem #BLOG (haha), regelmäßig — einfach, weil es so entsetzlich, so entsetzlich peinlich und viel zu intim und voll daneben ist, vor allem, o Gott, bei einem bald 54jährigen, heterosexuellen Mann — ein bissl was zu meiner Sexualität sagen, immer wieder, gewissermaßen: locker eingestreut. Sagen wir so: Es ist AUCH und das in ganz besonderer Weise etwas für denkende Menschen, man braucht dafür auch – das allerdings in der schönsten, swingenden, nachgeordneten, sich wundernden Weise — ein Gehirn. Ich denke: Es ist jetzt wirklich viel besser als das langweilige Essen von köstlich zubereiteten Mahlzeiten oder, sagen wir, ein sehr schöner Spaziergang. Als neue Lieblingszeit für die SACHE hat sich bei mir im Moment so 8.45 Uhr etabliert, also recht früh am Morgen, aber immerhin ist vorher, zum Beispiel gegen halb neun, noch Zeit für eine gute Tasse Kaffee. Ja, ich merke auch gerade, dass ich mich hier schon wieder raustrickse (Scheiße!). Ich denke: Sex hilft auch gegen Krieg (sorry, sorry). 

Warum es die Königsdisziplin bleibt für die allerbesten Schreiberinnen und Schreiber, über Sexualität etwas zu sagen, aber natürlich nicht als theoretische oder ideengeschichtliche Abhandlung, sondern in der möglichst expliziten, genauen DARSTELLUNG der Sache selbst (Plastizität, Tiefenschärfe, Mehrfarbigkeit, Gefüüüüüühl) — hier, an dieser Stelle: bald mehr.

Eben ganz normal komplett erfrischendes Telefonat mit Adam Soboczynski. Er bleibt der Telefonmeister. Eher: singen statt sprechen, it‘s all about the music, it‘s all about the melody. Adam ist gerade auf dem Weg zu einem berühmten Lyrikwettbewerb bei Rostock, er hat — unfassbarerweise — erst letzte Woche davon erfahren, dass es diesen berühmtesten aller Lyrik-Wettbewerbe überhaupt gibt, und wird deshalb in seiner großen deutschen Wochenzeitung gleich für nächste Woche als PARSIFAL ALLER LYRIK-WETTBEWERB-BERICHTERSTATTER in schöner Verwunderung und Naivität und aller Adam-Soboczynski-Haftigkeit davon berichten können. Man kann sich freuen auf diesen Text. 

Bin so leicht avers gegen so leicht hergestellte Häme, dieser Höhöhöhö-Ton, institutionalisierte Überheblichkeit (hättest du gar nicht sagen brauchen, Lieber, Guter, mein Bester, lese ich ja bei dir). 

Die Rosen gießen. Immer erst abends, gegen sieben.

Heute: rosafarbene Bettwäsche eingetroffen (Thomas Mann). 

Dringend gesucht: ein sympathischer Pferdeschwanz, der mir hilft, meinen Drucker mit dem WLAN zu verbinden. Zahle neun Euro die Stunde.

Beste Frau: … 🚬🚬😘

25. Juni 2024, Dienstag

Happy End Julian Assange. Soooo glücklich darüber. Dieser blasse, irre, freakige Mann – so good looking und so literarisch, dass es fast schon weh tut – durfte einfach nicht noch länger leiden. Merke jetzt erst, wo es sich löst, dass es die ganze Zeit, über die Jahre, einen eigenen Schmerz, die Julian-Assange-Traurigkeit, in mir gab. So wie es, in ganz anderer Hinsicht natürlich, einen eigenen Trump-Schmerz in mir gibt, eine eigene Trump-Erschütterung, eine fast körperlich spürbare, nein, eine konkret körperlich spürbare Angegriffenheit wegen Trump (Schmerz irgendwo in der unteren Hälfte des Körpers, sorry, sorry). Die Welt darf so nicht sein. 

Ach so, die große Linde im so called Park ist gar kein so besonderer Baum. Es ist schon eher: der große Ahorn (sagt der Baumpfleger). 

Gewalt gegen Polizisten: Hof ein Brennpunkt (Frankenpost). Ein Fakt von vielen Zahlen und Fakten in diesem Text auf Seite eins der Zeitung: Die abschreckende Wirkung von BODYCAMS stehe nach einem Jahr der Praxis nachweislich fest, die Kolleginnen und Kollegen der Polizei trügen das Ding einfach gerne, natürlich auch, weil es geil und nach Hightech aussieht, klar(Robocop). Die beabsichtigte Wirkung verliere sich nur in dem Maße, in dem Gewalttäter unter Alkoholeinfluss stünden.

„Jean Paul ist zweifelsohne einer der größten Söhne Oberfrankens“ (Frankenpost, Regionalteil Fichtelgebirge, Seite 8). 

„Er wollte Verhandlungen mit Putin, die Grenze schließen und raus aus dem Euro. In der Praxis scheitert Robert Sesselmann, erster AfD-Landrat Deutschlands, schon an einer Natursteinmauer.“ HAHAHA. (Der Spiegel No. 26/ 2024). 

Suzie Grime (the feminist your parents warned you about) folgt dir jetzt. Instagram. 3 gemeinsame Follower: biancarichter11, hunterdirk, Carl Jakob Haupt.

Es dienstaget stark an diesem Dienstag im Juni, wenn Sie wissen, was ich meine/ if you know what I mean (Oasis, 1998).

Nachricht von der besten Frau: Ich werde später mal eine rauchen, so wie es im Moment aussieht, okay, okay. 💪💪♥️

24. Juni 2024, Montag

Niklas Füllkrug: „Ich lieb‘s einfach.“

Eben angekotzt worden, literally (sorry, sorry), von einem sehr niedlichen, geschätzt dreijährigen Mädchen, Schulter und Ärmel meiner lightblueen Baracuta-Jacke sind mit weiß-orangenen Stücken voll geregnet, die Mami mit der Riesensonnenbrille und den Auberginen-farbenen Haare machte: „Ooooooh! Oh!“ und fing gleich an, mit einem Stück Zewa-Papierrolle auf meiner Jacke herumzureiben. Ich sagte: „Okay. Okayyyyy.“ Und jetzt filzen gerade die Gelbe-Warnwesten-Männer der Deutschen Grenzpolizei den Bus. 

Höhepunkt des Wochenendes: Besuch einer Filiale der Burgerkette FIVE GUYS, irgendwo auf einer L.A.-artigen Autobahnraststätte vor Chur zwischen Zürich und Engadin. 

Auszug aus der Speisekarte: 
Fries Regular 9 SFR
Bacon Cheeseburger 22,50 SFR
Little Bacon Cheeseburger 19,50 SFR

Das fanden selbst unsere mitreisenden Zürcherinnen und Zürcher, die schon viel gesehen haben, viel. Ich machte meinen alten Partygag, den ich bei nicht geisteskrank teuren, sondern bei richtig gut geisteskrank teuren Angeboten in Restaurants gerne mache, und sagte: „Warum nehmt ihr nicht 590 Franken für einen Cheeseburger? Wer 22,50 zahlt, zahlt auch 590, und man hat dann gemeinsam was zu lachen und eine schöne Geschichte zu erzählen.“

Später im Internet las ich, dass Five Guys eine amerikanische Schnellrestaurantkette ist, die 1986 in Arlington (Virginia) gegründet wurde. Alleinstellungsmerkmal sind frische, handgemachte Produkte (die Kartoffeln für die Pommes werden in den Filialen geschnitten), Kunden können sich ihre Zutaten selbst zusammenstellen (ja, gerne keine Zwiebeln). Bei unserem Aufenthalt in der Schweizer Filiale kam zwischendrin das Gerücht auf – einfach, weil alles so schön prall und fett und corporate und spoiled und rotweiß kariert aussah – dass nicht vier Söhne und ihr Papa (five guys) in Arlinghton einst das Burgerrestaurant gegründet gegründet hatten, sondern der fette, pralle, silberhaarige, stets über sein ganzes Gesicht strahlende, blaue Armani-T-Shirts tragende und alles plattmachende Monster-Blue-Chip-Gallerist LARRY GAGOSIAN. Quatsch natürlich. 

Im Flixbus, meinem zweiten Zuhause, freue ich mich gerade darüber, dass mein Handy so schön aufgeladen ist, das Batteriesymbol ist komplett dunkelblau — im Grunde ist das ja der Lebenssinn, auf den wir uns alle einigen können: Das iPhone muss immer schön aufgeladen sein. 

Morgen wieder mehr, heute (sorry, SORRY) einfach noch zu pladdd. 

20. Juni 2024, Donnerstag

Dödelei.
Dödelum.
Hängerum.
Extrem-Abghängum.

Bissl Mittagessen zwischendrin.
Kein Espresso mehr für mich, nein, wozu denn.
Bissl nach neuen Mützen, Kappen, Hemden und noch mal nach ganz neuartigen Kopfbedeckungen gucken.
Gern für mich auch den kleinen Caprese-Teller, den zu 28,—, Dankum.

Hängum.
Schlafum. 
Schnarchum.
Wegpennum. 
Dödelarum.
Dröhnum. 
Lapidarium. 
Schlapplachum.
Durch-den-See-padlum. 
Schwachmatum.
Extremausruhum. 
Nee, ist noch ein bisschen früh fürs erste Bier, das machen wir nicht, es ist für mich schon wichtig, dass wir hier nicht komplett runterkommen.
Wieso?

Don‘t do it. 

Sollt‘ ma‘ vielleicht ma‘ Sonnencreme benutzen, vielleicht so langsam? Ja, vielleicht so langsam, eine gute Idee. 

Love. 

Neues Gefühl: Ich glaub‘, wir schaffen echt Endspiel.

19 Uhr Bellevue?
#Feldschlösschen alkoholfrei (harmonisch, mild).

Jetzt erst mal Wochenende, Leude.

#Utoquai

19. Juni 2024, Mittwoch

Uralte, zugegeben schon sehr oft gestellte Frage: Warum sind Zürcher (vor allem Männer, nicht die Frauen, nicht die Zürcherinnen) alles mögliche — austrainiert, ambitioniert gekleidet, nach neuesten kalifornischen Hysterie-Psycho-Standards ernährt, immer mit den laufenden kulturellen und popkulturellen Entwicklungen vertraut, dauernd im Flugzeug (Mailand usw.), politisch auf absolut korrekten Feldern unterwegs (nicht rechtsradikal, nicht zu nervig ökologisch korrekt), alle Grafiker, Hipster-Bar- oder Agentur-Inhaber, aber eben, berühmtes Thema, kein bisschen cool, also auch nicht nur einen Hauch SEXY in einer gut verwegenen, gut asozialen, irgendwie gut angerockten kreuzbergerischen Art? Es ist ja wirklich so, Haha, und jeder in Zürich und anderen europäischen Städten weiß das. 

Simple Antwort: Es fehlt ihnen ein bisschen Armut, nur eine Prise davon, das Salz des finanziell leicht Ausgegrenzt-Seins, der Hauch einer Ahnung davon, dass die nächste Heizungsrechnung, der nächste Einkauf, das nächste Paar Daddy Sneaker nicht ganz automatisch schon bezahlt ist, es fehlt ihnen die Erfahrung, die man mit 18, 19, 20 zumindest für ein halbes Jahr idealerweise mal gemacht hat, wie das ist, als MITTELLOSER MANN durch den Tag zu gehen (am besten keine feste Wohnung, Jeansjacke und Chucks in Sommer und Winter, Lieblingsessen Golden Toast mit dem guten Schabefleisch von Rewe, die Krankenversicherung schickt Mahnungen, die Zigaretten müssen von Kumpels zusammengeschnorrt werden). Denn, noch ein sehr simpler, bissl kitschiger Gedanke: Nur der Mittellose kann was – nur der noch nicht mit dem ganzen Besitz-Müll Belastete/ Vollgestopfte kann den wirklich durchschlagenden shit erschaffen. Ausnahmen gibt es, klar. Die anderen stecken zwischen ihren Alessi-Toastern, Aesop-Flaschen und den üblichen Mid-Century-Wohnzimmersessel-Glücksgriffen fest, der „sonnendurchfluteten Altbauwohnung, der g‘schissenen“ (Helmut Dietl), den Lastenfahrrädern und E-Bikes und den vernünftigen Autos, und lustig, es ist alles bisschen wurscht, denn das Leben ist ja komfortabel. 

You can not fake it. Nobody can fake it. There is: no Entrinnen. Ich spreche natürlich: aus Erfahrung. Ich spreche natürlich: von mir selbst. Deshalb ist es — ha, hier spricht ein Meister der banalen Erkenntnis — natürlich, so ab dem 33 Lebensjahr, die Frage, wie man vom Angesparten, Angesammelten, vom so genannten Lebensstandard wieder runterkommt, wieder hin zur Einfachheit des Jeansjacken&Chucks-Lebens. Kleiner Tipp: Es haut nicht hin, es kann nicht gutgehen, man hat sich, als kluger Mensch, damit abzufinden, dass man abbaut, dass man fett und unbeweglich wird. Aber man hat darüber schon ein bissl traurig zu sein, das auch, so wie man überhaupt immer Grund hat und goldrichtig damit liegt, ein bissl traurig zu sein und sich nicht all zu großartig zu fühlen, haha. Sorry. SORRY. 

Und, noch mal: sorry. Ich habe noch nichts getrunken.

#Normalität  
#RiesenthemaÄlterwerden 
#Paul sagt

Deutschland führt zur Halbzeit gegen Ungarn mit einem total verdienten 2:0.

18. Juni 2024, Dienstag

Ausführliches Interview mit Philipp Felsch im SZ-Feuilleton, er soll erklären, von was wir uns alles verabschieden, wenn wir uns vom geistigen Erbe Habermas‘ verabschieden – natürlich geht es um die Frage, was vom Habermas‘schen Pazifismus, dem Pazifismus der Gründungsväter der Bundesrepublik, übrigbleiben kann in Zeiten des entfesselten Angriffskriegs und der Kriegsverbrechen auf europäischem Boden. 

Da bin ich wirklich sehr, sehr dankbar darüber, dass es dieses Gespräch gibt – denn ich gehöre zu denen, die schwer verstehen können, warum wir der Ukraine nicht alles, wirklich alles liefern (die geilsten Hightech-Waffen, aber auch jeden Spaten, den wir hierzulande nicht brauchen), um Scheiß-Putin in seinen hässlichen Kreml-Bunker zurückzubomben. Mit Kriegsbegeisterung/ Kriegslüsternheit hat das, Entschuldigung, zumindest hier in meinem Kopf, wirklich nichts zu tun. Wenn ich mich gegen Putin richte, also fordere, dass wir die Ukraine mit wunderschönen Marschflugkörpern in den Zustand bringen, sich gegen den Schlächter, den Faschisten zu verteidigen, möchte ich ja genau, dass die Methode Krieg keinen Erfolg hat und das Prinzip der Kriegsächtung, von dem Nachkriegs-Europa in den letzten 70 Jahren geprägt war (bis Putin seinen asozialen Scheißkrieg begonnen hat), vielleicht in zehn, zwanzig Jahren wieder gilt.

ein echter Feind
Kriegslüsternheit
zivilisatorischer Rückschritt
die Idee einer Weltinnenpolitik
Ablehnung der Feindschaft als grundlegende politische Idee
westdeutscher Nationalpazifismus (Schwarzer, Kluge)
mit Rumsfeld: schmerzvoll von den USA abgewandten 
der sehr westliche Blick (schön)
die Politik zugunsten eines ewigen Gesprächs abschaffen (wunderschön)

stuck into the ideas of the nineties

Felsch: Im Fall des Krieges ist der Pazifismus keine Hilfe.

Zürich: 30 Grad. Hose kaufen. Oder doch ein Jackett? 
Bissl Fieber (nicht schlimm).
Sorry. SORRY.

Marlene Knoblochs DING heute in der Süddeutschen über Eva Illouz. Auch hier wieder: Lese ich so, in der Klarheit, in der Komplexität, alles zum ersten Mal.

SMS mit der besten Frau:
Super, dass Du einkaufen warst. 
Super, oder?
Cola finde ich wichtig. Dosen natürlich, die kleinen, süßen.
Mist, jetzt habe ich die 0,3 genommen, dabei weiß ich doch, dass die kleinen super sind, Mist, Mist.
Kein Problem. ♥️♥️

Utoquai.

Montag, 17. Juni.

Klar, man würde sich wünschen, dass England Europameister wird, da kann es keine zwei Meinungen geben, aber dann spielen die so einen ängstlichen Sicherheits-Käse zusammen (Querpass-Fußball). 

Frage an die Fußball-Podcaster Micky Beisenherz und Lucas Vogelsang: Tragen jetzt eigentlich alle Fußballer die Strümpfe ÜBER DIE KNIE, also bis zur Oberschenkelmitte hoch gezogen, wie so Strapse von Agent Provocateur, oder war das nur gestern Serbien gegen England? Wenn das kein woker Sex ist, dann habe ich nichts von der Gegenwart verstanden. 

Großer „Was war das bisher bitte schon eine tolle EM“-Farbbericht in der Frankenpost (Regionalteil Fichtelgebirge):

Gemeinsam fieberten die Selber Fußballfans im Innenhof der Metzgerei Sandner mit der Nationalmannschaft mit.

Ausgelassen Stimmung herrschte auch im Nebenzimmer der Kneipe „Am Strand“. 

Familien genießen das EM-Spiel im Kino in Selb. Der Vorteil: Hier regnet es nicht.

Zuglektüre: Das weinrote Taschenbuch von Joachim Kaisers Leben mit Wagner (1990 erstmals erschienen), darin besonders das Kapitel Das verfehmte Frühwerk/ Versuch, Die Feen, Das Liebesverbot und den Rienzi zu rehabilitieren. Ich höre ihn sprechen, wenn ich ihn lese (der Kaiser’sche Ostpreußen-Singsang, das Flirten um die Zuhörer, die Leser). Die Mischung aus alles wissen und es möglichst vielen Leute verständlich darlegen und sagen zu wollen, also wirklich einen großen Wind zu entfachen für seine Anliegen der Hochkultur (Theater, Musik, Literatur und was das alles miteinander zu tun hat, unentwegt), ist einfach BIG. The Allgemeinbildung/ das GENERALWISSEN. Gestern erzähle mir der Onkel, dass alle drei Wagner-Frühwerke (im nächsten Jahr?) in Bayreuth aufgeführt werden sollen, obwohl er persönlich, the RW, das doch total verboten hatte (nichts vor dem Holländer). Ich denke immer: Wenn er noch eine Oper zu seinem Frühwerk hätte dazunehmen sollen, die einfach zu schlecht, zu billig, zu reißerisch flach (die furchtbare Senta-Arie), zu unreif ist, um sie in Bayreuth aufzuführen, dann doch den Holländer

Szene im Zug: Wenn ältere Herren (um die sechzig) so ganz flott und dynamisch den Reißverschluss ihrer schwarzen Polyester-Laptop-Tasche zuziehen — Riiiitsch —, muss ich immer doll lachen. HAHA. 

Sven Regener Zwischen Depression und Witzelsucht (Essays, Galiani Berlin) erscheint am 15. August) 

Ich bin so komplett raus: Das ist so absolut gut. 
Ich habe so absolut nichts mehr zu melden: Das ist so komplett gut und richtig so.
Ich kann hier den KOMPLETTEN KRAM erzählen: I love it. 

GREVESMÜHLEN. Landkreis Nordwestmecklenburg. 10.538 Einwohner. „Dem jüngeren Mädchen soll unter anderem ins Gesicht getreten worden sein.“

Big pain.

Samstag, 15. Juni 2024, 1:10 Uhr

Das Reh Musiala.
Die Antilope Havertz.
Der ultrasympathische Fischotter Füllkrug.
Die zarteste, höflichste, unangeberischste deutsche Fußballmannschaft, die es je gab (bis, natürlich, auf den eitlen High-Fashion-Poser Sané).

So geil, wie der ZDF-Moderator Jochen Breyer seine erstaunten Co-Moderatoren Kramer und Mertesacker gleich nach Abpfiff des einfach nur herrlichen 5:1 gegen Schottland immer wieder fragte, ob die zu frühe Euphorie jetzt nicht ein ganz großer Fehler sei. Im Gründe genommen hieß das: Die gute deutsche schlechte Laune jetzt bloß nicht leichtfertig aufgeben, immer schön finster bleiben — bloß nicht zu frei, zu glücklich, zu locker, zu mutig, zu großspurig, eventuell gar großartig oder genial auftreten, uns besser an die guten deutschen Tugenden halten, Verklemmtheit, Angst, Mittelmäßigkeit, Masoschismus, Mickrigkeit, Hass, Selbsthass, besser deutscher Querpass als genialer steiler Pass vors Tor.

19.15 Uhr:
Till & Sabrina unter der großen Linde.

Es ist gleichzeitig scheißekalt und sonnig warm, dabei aber vor allem kalt. Sehr schön.

Jetzt noch einmal: die Allee.

The Wolken.
Riesenthema Älterwerden.

Eine Flasche Autan Forte (150 Milliliter), vom Schweizer Tropeninstitut empfohlen, enthält: Ethanol.

Und noch mal eine andere Frage: Warum bin ich denn nur immer so furchtbar lustig? Und warum fällt mir kaum etwas so leicht wie das? Ist das Selbstschutz, also letztlich einfach eine Manöver, mit dem man sich GEGEN MENSCHEN WEHRT, also etwas, mit dem man einfach gut durch die etwa 250 unangenehmen und scheußlichen Momente kommt, die in einem ganz normalen Tag unter Menschen begegnen?

Ein echter Hit-Moment im für den Sonderband von Text+Kritik geführten Gespräch mit mir, das er, der Super-Rainald, in seinem neuen blauen Büchlein wrong (Edition Suhrkamp 2827, erschienen im Mai 2024) über 29 Seiten dokumentiert: Gespräch über den Beruf des Redakteurs. Er hatte nach dem Bösen, dem Hass, der Verachtung gefragt, die man unweigerliche so manchen Leuten gegenüber empfinde, und ich, bisschen hochtourig, auch bisschen angeberisch, aber doch ganz meiner Erfahrung, also auch der Wahrheit entsprechend, hatte gesagt, dass ich an Humor glaube, an das Gags-Rauspowern, an die bösartigen, komplett unaussprechlichen Gags in möglichst öffentlichen Momenten. Er darauf, ansatzlos, für mich vollkommen überraschend, mit dem Moment des ersten Ausgesprochen-Werdens sofort plausibel, ich erschrak sehr, weil es eben beides, die vollkommen naheliegende und vollkommen unerwartete Antwort war und sie mich kalt erwischte, und wusste sofort, dass mich diese Sätze verfolgen würden, genau das, über Jahre: „Ja, Humor ist die härteste, oft besonders grausame Waffe, deswegen mag ich Humor so wenig.“

Wie oft hatte ich Rainald ins Gesicht geschaut und gesehen: Okay, er versteht es null, er steht voll auf dem Schlauch, er vergisst einfach, über ganze Jahre, dass es so etwas wie Ironie gibt, dass also: etwas anders oder noch besser in der vertikal gegenteiligen oder sinnverkehrenden Art gesagt werden kann, als es der Sprecher/ die Sprecherin eigentlich meint. Er, Rainald: keinen Bock auf solche Verrenkungen. Sag doch einfach das, was los ist. Was du sagen möchtest. Schön.

Sturmzeit
Sechs Jahre
Die Betrogene
Die Rosenzüchterin
Am Ende des Schweigens
Einsamen, sorry nein, Einsame

Sorry. SORRY (jetzt war ich ja schon wieder superlustig, sorry).

Auflage ihrer Romane, allein in Deutschland: circa 33 Millionen.

Charlotte Link sagt auch (rührendes Foto auf Instagram mit Hund, der ihr die Hand ableckt): „Manchmal wirft einem das Leben ganz schön große Steine in den Weg.“ Sie glaube aber fest an ihre Rückkehr.

Wir wünschen auch von dieser Stelle: Alles, alles Gute!

21:49 Uhr. Italien führt zur Halbzeit gegen Albanien 2:1. Der humorloseste Mensch im Business des Fußball-Blas im deutschen Fernsehen: Thomas Hitzelsberger. Er kann, egal, was gerade auf dem Bildschirm passiert, nichts Interessantes sagen (ist ja nicht schlimm). 

Das erste Fashion Item, das wir aus der EM mitnehmen, natürlich: den albanischen Eierwärmer, die weiße Filzkappe. Die Qeleshe. Plis. Ungefärbte Wolle, Brüder.

13. Juni 2024, Donnerstag

“Der Fußball kann viel, aber er kann nicht das Land heilen“ (Frankenpost).

Am gestrigen Abend lud der Schützenverein ins Vereinsheim ein. 19 Uhr. Die echten Profis waren natürlich schon um 17 Uhr gekommen. Kartoffelsuppe mit Wienerwürschtel, drei Sorten gezapftes Bier, klarer Schnaps. Ein Tisch für die CSU, ein Tisch für die SPD, gute zehn Meter von einander entfernt. Man sprach dann doch miteinander. Natürlich, der Bürgermeister ist auch da. Als der langjährige, ehemalige Stadtrat (CSU) dem SPD-Fraktionsvorsitzenden zum Geburtstagsgruß die Hand reicht, ruft jemand: „Mach a Foto, Klaus!“. Erinnerungen an meine Deutschboden-Reportagen, als ich, vom geparkten Auto guckend, die Gruppe der Raucher vor den LOkalen stehen sah: Wie sage ich da jetzt noch mal Hallo? Wie geht das alles? Ist das doof, wenn ich da länger als zwanzig Sekunden an Tresen stehe und keinen zum Hallo-Sagen habe? (Löste sich dann alles ganz beiläufig und sehr angenehm auf).
Der Anblick einer voll besetzten Gaststube ist einfach schon ein derartiger Hit – gut hundert Männer, Frauen, Neunzigjährige, viele Anfang-Sechzigjährige, sehr stattlich und selbstbewusst aussehend, Handwerker, Lokalpolitiker, die gesamte Prominenz des Ortes an langen Tischen, aber auch, besonders schön zu sehen, viele rundweg cool und irgendwie nach Gegenwart aussehende Zwanzig- und Dreißigjährige.
Die Bewirtschaftung des Vereins organisiert man als Kollektiv. Gestandene Männer, so war das heute, werden zum Kartoffelschälen und -schnipseln eingeteilt und haben das offenbar sehr, sehr gerne gemacht, it‘s moving, man.

Ist das immer so voll bei euch?
Ja, schon.
Wie oft findet das hier statt, hier im Vereinshaus?
Immer mittwochs. Und Sonntagmorgen zum Frühschoppen. Wöchentlich wechselnde Küche. Wenn es gebackenes Blut gibt, wie letzten Mittwoch, dann kann es schon mal sehr voll werden. Klar.
Klar.

Gestern, am Mittwoch, schon auf Instagram: Françoise-Hardy-Festspiele.

Ihr größter Hit handelte von einer, die überall verliebte Paare sieht, selbst aber niemanden hat (…)“ (Süddeutsche Zeitung).

Ihr Starlet-Status – einfach zu schön, um ganz ernst genommen zu werden, dabei hatte sie ihr Tous Les Garçons et Les Filles doch ganz alleine, ohne einen Macho-Zwerg wie Serge Gainsbourgh, geschrieben – war natürlich schon ziemlich modern. Eine Shermine Sharivar (ja, ich wähle bewusst diesen Namen) zeigt mit ihrer R.I.P.-Françoise-Hardy-Serie: Das ist eines der dreißig classic bunnys, von denen ich abstamme, das soll, neben den anderen, die immer gehen – die Schule der europäischen Ultrababes der Sechzigerjahre, Jane Birkin, Marianne Faithfull, Cathérine Deneuve, Charlotte Rampling – eine meiner Vorläuferinnen sein, hier sehe ich mich, so möchte ich verstanden werden, da ordne ich mich ein. (Wie hieß noch mal George Harrisons berühmte erste Ehefrau? Ach ja, PATTIE BOYD, unvergessen).

Interessant, wie Hardys Mega-Bunny-Tum dann doch ganz in der Zeit hängt, also präzise nach mittleren 1960er-Jahre aussieht, eben nicht nach 2024. Gerade noch mal das Schwarz-Weiß-Bild in der Zeitung betrachtet, um herauszufinden, WO sie sich genau abbildet, diese Sixties-Haftigkeit: Es sind ihre ein bisschen zu dunkel verklebten Augen, der Kajal, die bisschen zu starke Nase, der bisschen zu dicke Mund (noch nicht gemacht). Das ist heute alles so nicht mehr erlaubt. Sie sieht auch aus wie eine, das AUCH, die den Dödelmännern ihrer Zeit eventuell mit gut sitzenden, eisig kalten Sätzen ganz gut eins auf die Finger geben konnte und dann lachend zum nächsten ging, gute Vorstellung, très sympa.

Poesie in der Autowaschstraße, gestern, Mittwoch, gegen 17 Uhr, zur schönsten Autowaschzeit – die Junisonne holte das junihaft noch helle Grün aus den Wiesen und stellte sich dann goldglühend hoch mitten über die Hauptstraße:

Aktivschaum
Hochdruckvorwäsche (I like)
Intensivfelgenreinigung
Unterbodenwäsche
Glanzwachs.

I am ready für noch mehr Glanzwachs in meinem Leben.
Oh jaaaaaaaaaa.

11. Juni 2024, Dienstag

Achtung, seit heute benutze ich, wahrscheinlich als Letzter im ländlichen Raum des nördlichen Bayern, auch die Selbst-Scanner-Kassen am Edeka-Center. Und ich sage: Das sind so Lebenswandel der allergrundsätzlichsten Sorte – wer hat das schon drauf, in seinem Leben noch mal ganz neu etwas dazu zu lernen und ganz anders zu machen als bisher, wer ist schon geistig so agil?

Noch vor drei Wochen hätte ich gesagt, da hätte ich um mich geschlagen, nur geistig selbstverständlich, nicht in Echt, da wäre ich in den härtesten, asozialsten Zweikampf gegangen mit Rumschubsen, Zähnebrechen, sinnlosen Brüllereien, um durchzusetzen, dass der Edeka-Mitarbeiter das Scannen der Lebensmittel für mich erledigt und nicht ich mich da vor mir selbst zum Lebensmittel-Scanner-Hampelmann machen muss. Ich hätte gesagt: Fuit aus (bayerisch für: fällt aus), hier bin ich hundertprozentig draußen, da sage ich hundertprozentig ohne mich, ich möchte, verstehst du, meinen Stumpfsinn leben — meine Zeit verlieren mit den anderen Stumpfköpfen und Supermarkt-Effizienzmaßnahmen-Verlierern und viele Minuten auf die trübeste und doofste Art in der Schlange an der Kasse anstehen.

Noch zwei Gedanken zum beinahe klassischen Feuilletonthema Selber-seinen-Einkauf-Einscannen:

Ich schließe gar nicht aus, dass Menschen sich auch deshalb lieber anstellen, weil sie gegen das Wegrationalisieren von Supermarkt-Kassierernnen ein Zeichen setzen wollen. Okay!
Zutiefst menschlich ist es jedenfalls zu sagen: Da habe ich jetzt eine Scheu vor diesem für mich ganz neuen Vorgang, das kann ich jetzt einfach nicht.
Auch wahr: Man steht als Mensch halt einfach so gerne an (siehe hierzu auch den neuen Eisladen von Tim Melzer im Münchner Glockenbach-Viertel oder, Klassiker, die Endlosschlange vor Mustafas Gemüse-Kebab auf dem Mehringdamm).

Landleben, klingt doof, ist aber wahr: Du hältst mich frisch, du bist mein geistiger Jungbrunnen. 


Beim Abendessen mit dem Onkel eben besprochen, mit welcher Textnachricht man sinnlos lange SMS-Konversationen abkürzt bzw. effektiv beenden kann. 

Seine Vorschläge:
Nichts verstanden.

Oder, Harry-Rowohlt- bzw. Siegfried-Unseld-Style:
Nach Diktat vereist.

10. Juni 2024, Montag

Europawahl: ohne Überraschung. Die nationalsozialistische Partei, die aus Deutschland ein hässliches, dummes, unfreies, schwulenfeindliches, wirtschaftlich abgehängtes, komplett debil vor sich hinwerkelndes Land machen möchte, in dem man wieder mit D-Mark bezahlt und der Burger mit Sauerkraut und Schweinefleisch serviert wird, gewinnt (im Osten stärkste Partei, im Westen Platz zwei). Sehr schade. Und leider auch: sehr, sehr schwer zu begreifen. Also ich persönlich verstehe es leider wirklich überhaupt nicht. 

Wie gingen im Osten jetzt eigentlich die Kommunalwahl aus? Dazu hört man irgend wie nichts. Da muss ich jetzt dringend mal bisschen zu nachlesen gehen (in diesem Internet, das mittlerweile ja leider auch Putin und Tino Chrupalla gehört). 

Nimmt man die Zugewinne bei jungen Menschen als Maßstab, sollte man als sich denkender Mensch jetzt also ab sofort kümmern um:

AfD
Volt
Bündnis Sahra Wagenknecht 

Das wird schwer. 

Was man in diesen Tagen sonst so zum Erfolg der AfD bei der Europawahl sagt, als Sawsan Chabli, überhaupt als Instagram-Mensch: Das ist kein Protest.

Ah jaaaaaa. Was ist es dann?

Purer Nationalsozialismus? Lust mal auf was anderes? Lust, bei den Starken, der Avantgarde, den Lautesten, der kommenden, alles plattmachenden Kraft dabei zu sein? Einfach Lust darauf, kein guter Mensch zu sein, also lieber bei den Hässlichen dabei sein, den Dummen, Groben, Brutalen, den Stumpfsinnigen, Gemeinen, Minderbemittelten, den Zerstörern als bei den langweiligen, doofen Guten? 

Wahrscheinlich ist es das, ja. 

Ich verstehe, dass man etwas kaputt machen möchte. Das verstehe ich immer gut. Ich verstehe auch, dass man asozial sein und unfassbar hässliche Dinge sagen möchte. Man kann nicht von Fan von Pop sein, ohne nicht auch einen SINN für das Asoziale, das Gemeine, das Hässliche, das Kaputte zu haben, das weiß doch jeder. 

(Siehe hierzu auch: „100 Fragen an Lemmy Kilmister“, erschienen im SZ-Magazin, vor Tausend Jahren.
41. Wen wollten Sie mit dem ö in Motörhead ärgern?
Niemanden. Es sah einfach gemeiner aus. Deutscher.)

Jetzt sagen mir hier mediumkluge Menschen, und das vollkommen zu recht: Die AfD ist kein Pop, Moritz. Sie swingen nicht. Sie haben kein Rhythmus. They are no fun. Sie wollen ein mieses, kleines, rückständiges, provinzielles, menschenfeindliches, kunstfeindliches Land. Sie wollen ein Land, das aussieht wie Tino Chrupalla, so schweinchenschlau, stahlbrillig, verbissen, passiv aggressiv, mit total gesunden, mittelpreisigen Halbschuhen und den berühmten schwarzen Knöpfen in weißem Oberhemd, nicht ganz unsympathisch, stimmt auch wieder, er ist ja Handwerker, aber leider eben mit Vorbehalten, so ganz unterschwelligen, augenzwinkernden, im Zweifelsfall aber beinhart durchgesetzten, gegen Schwule, Lesben, Ausländer, unsere jüdischen Mitbürger, gegen undeutsche Theaterautoren, gegen Quatschköpfe — das ist leider nicht so schön, das ist nicht gut, das ist brutal und sehr, sehr gefährlich. Die flotten, fröhlichen, gerade so wahnsinnig gut gelaunten, neuerdings auch mal großzügig auftretenden Leute von der AfD, sie wollen: alles, was du hasst, Moritz – was kluge Menschen hassen und bekämpfen müssen, by all means. 

Ich weiß. 

TikTok-Star Maximilian Krah

Fick dich, du fxxx, hässliche Nggggxxxxx.
Du Windelträger.
Fnnnngxxxxx.

Und: Die AfD schließt ihre fetteste, hösslichste Ngggxxx, den Windelträger, das krrrrx Sxxxxngggx, den Russen-Sympathisant, den chinesischen Spion aus ihrer Europaparlament-Delegation aus.

Vöööööööllig losgelöst/
Von der Erde/
Schwebt das Raumschiff/ 
Völlig schwerelos

Größte Hoffnung in diesen Tagen: dass wir in den nächsten Wochen noch öfter ein ganzes Stadion Tom Schillings Major Tom (Völlig losgelöst) singen hören. Das ist wirklich so schön. Ich sage hier mal, ganz platt: Wo Stadien Tom Schillings Major Tom singen, da hat der Nationalsozialismus noch nicht vollständig gesiegt. Das war damals, im Glücksjahr 1982, schon so ein wirklich superschöner, absolut glücklich machender Hit, ich erinnere mich genau, an dieses 82er-Feeling (Vanilla Hosen, WM, Panini-Bilder sammeln, Hausbesetzer-Krawalle in Berlin und dieses Spätpunk-Igelfrisur-mit-Pattex-verklebte-Haare-Sicherheitsnadeln-in-Lederjacken-Tum in den U-Bahnhöfen). Jetzt muss Deutschland nur noch ein Spiel gewinnen oder zumindest mal ein Tor schießen. Auch das wird, wieder, nicht ganz einfach. Oh Gott.

Janina Korn, 40, Schauspielerin, mutmaßliche Tochter des Schlagersängers Tom Schilling (der Vater verlangt von der Tochter laut BILD-Zeitung einen Vaterschaftstest): „Immer, wenn ich das Lied im Radio höre, muss ich weinen.“

Das ist okay, wenn man mal weinen muss.
Das ist okayyyyy.

Sorry.

Tolles Interview mit Carsten Maschmeyer in der SZ.

Die Fahrt aus Pristina in meinen schönen, kühlen, stillen Wald, in dem geschichtetes Kaminholz, Leberknödelsuppen-Dosen und die wunderschön aussehende DG-Aufnahmen der Davidbündlertänze warten, zieht sich. 

7. Juni 2024, Freitag

Firmen, die dreißig, vierzig Kilometer vor Pristina Lagerhallen von mindestens einem Kilometer Länge in die Landschaft hinein gestellt haben:

Hornbach
DHL
Müller
Rossmann 
Renault
Suzuki
Mitsubishi
Amazon
Prada
Sprüngli

Auf der Sonnenterrasse des Ristorante Sospiro aßen wir ein köstliches Carpaccio alla Cipriani (35 Euro, im Kosovo zahlen sie mit Euro, Baby, verstehst du) und tranken dazu ein Glas Louis Roederer Cristal. 😎 

Dann hingen wir den halben Tag in verblödeten Luxus-Brand-Kaufhäusern rum, Hiiiiiilfe, wo gefühlt russische Escortdamen und die Ehefrauen des Tschetschenen-Schlächters Ramsan Kadyrow durch die Kleider von Ganni und Jacquemus blätterten. 

Härte
#normale Härte

#Angst
#Angst, dass von dem vielen unheimlich Guten, das plötzlich da ist, etwas wegbricht 

#Normalität

6. Juni 2024, Donnerstag

Ich finde auch, für einen Blogg, der MELDUNGEN AUS DEM WALD heißt, bin ich gerade ein bisschen wenig im Wald. Ich fahre ja dauernd wieder los von hier!

Kein doofes Ausharren, Reinhorchen in die Stille (ist ja gar nicht still, fahren ja dauernd Autos hier), kein Beethoven-Streichquartette-Hören (was die Leute sich so vorstellen, zu was man auf dem Land angeblich Zeit hat), kein doofes Vogelzwitschern (was zwitschert Ihr eigentlich andauernd, ihr doofen Vögel, ist das alles frühsommerliches Sex-Anwerben, sonstiges Durchdrehen, Reviermarkierungen, so etwas vielleicht, einfach froh darüber, als doofer Vogel auf der Welt zu sein?)

Ach so, vielleicht muss man das zwischendrin mal erklären: Ich habe noch nichts getrunken. Ich trinke nie vor 18 Uhr, finde ich asozial.

Grüße aus dem Flixbus nach Pristina.

Netto-Reisezeit München (ZOB Arnulfstraße) bis Pristina Central Station, drei Pinkel-Raucher-Stops inklusive: 21 Stunden. Geht doch. Ich mache oft ganze 24 Stunden lang überhaupt nichts.

Pristina, mon amour.

Werde das jetzt öfter machen mit dem Flixbus. So schön amerikanisch hier. Gute Luft. Perfektes Internet. Zivilisierte Kurzhaartypen, sympathisch Mamis aus dem afrikanischen Kontinent. Man sitzt so geil hoch. Rausching über the Autobahn. Der Sound der vorbeirauschenden BMWs ist auch gut. 100 Stundenkilometer, offenbar die perfekte Reisegeschwindigkeit (wie damals auf der Transitstrecke durch die DDR, da hat es aber komischerweise genervt). Ein bisschen hat man natürlich immer die Bilder vom in den Graben gekippten Flixbus auf der A9 im Kopf (im April war das, vier Tote, dreißig Verletzte). Ich benutze deshalb, hahaha, echt den Anschnallgurt.

Sorry. SORRY.

Wolfgang Metzeler-Kick 92 Tage
Richard Cluse 74 Tage
Adrian Lack 31 Tage
Titus Feldmann 22 Tage

Ab HEUTE treten Wolfgang und Adrian in den trockenen Hungerstreik! 

Wolli und Adrian trinken wieder Saft. Sie behalten sich vor nach Ablauf der Woche wieder in den totalen oder gar trockenen Hungerstreik zu eskalieren. 
Dann werden auch weitere Menschen in den Hungerstreik eintreten. 
Herr, Bundeskanzler, BITTE!

Ja, bitte, bitte, Herr Bundeskanzler. Bitte, bitte, bitte. Hallo, hört mich denn keiner?

Ich grüße heute: Fucka Fuckmann, Held aus Deutschboden 2 (Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2019).

Gewidmet im stillen Gedenken, so wie der Eintrag des heutigen Tages:

Walter Lübcke, geboren am 22. August 1953 in Bad Wildungen, getötet am 2. Juni 2019 auf der Terrasse seines Hauses in Wolfhagen-Istha durch einen Kopfschuss aus nächster Nähe.

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