3. Februar 2026, Dienstag
Währenddessen, im Gastraum des schönen Gasthauses zur Goldenen Post am gestrigen Montagabend gegen 18 Uhr:
Auf der Speisekarte stehen, neben den üblichen Christl-Klassikern (Krenfleisch, gepökelte Rinderzunge, Schnitzel, Cordon Bleu, Pfannensülze, gebackener Camembert, Hausmacherpreßsack) gleich zwei „Aktionen“, also:
Aktion Leberklößsuppe 3 Euro.
Aktion Rinderrouloude mit Klöß‘ und Salat 16,80 Euro.
Wir werden von der Chefin erst gar nicht gefragt, was wir bestellen möchten, sondern sind ganz automatisch für beide Aktionsgerichte eingeplant, wobei die erste Aktion — die Suppe — gleich auf dem Tisch steht.
„Moritzla, ein Bier vom Fass dazu?“
Sehr gerne, Christl.
Im Folgenden Gespräche über die drei Brenner des Fichtelgebirges:
Kriminalität (Was geschieht oben am Pilgramsreuther Sportplatz? Wird da wirklich mit Drogen gedealt? Das kann ja wohl nicht wahr sein).
Windenergie. Wie geht das jetzt weiter mit den durch die Regionalplanung ausgewiesenen Rädern in Martinlamitz? Steigt die Firma Sandler ein oder nicht?
Der seit Jahren geplante, in irgend welchen Gerichten festhängende Bike-Park am Kornberg. Sind wir dafür? Schon auch. Sind wir dagegen? Schon eher noch mehr.
Man versteht, dass so ein Bike-Park die Invasion der Mountain- und Querfeldein-Biker auf ein vorher abgestecktes Areal bindet. Andererseits: Hat man sie einmal im Wald, suchen sie sich natürlich ihre Wege auch außerhalb des Bike-Areals. Schwierig, schwierig. Weiterer Diskussionsbedarf.
Und im Weiteren geraten my man Peter Pretsch from 95100 Selb und die anderen Gäste am Tisch (unter anderem my man Rehwagen, Michael) in Gespräche und ERINNERUNGEN, zwischenzeitlich dann in eine regelrechte Erinnerungs-Ekstase, was in den Jahren 1982 bis 1992 (so etwa) in der Region los war und welche Lokale es in Hof gebracht haben.
Die Christl steht vom Tisch auf und schaut von hintern Tresen zu, während das Aufnahmegerät läuft, mit dokumentierten Gesprächen möchte sie nichts zu tun haben (nachvollziehbar), sie mag das nicht.
Gesprächsausschnitte:
La Schokolada, ehemals Movie in der Altstadt (bitte fränkisch aussprechen: das Schogolada, das k wie ein g, das d wird zum ganz weichem d).
Galeriehaus.
Rotes Ross.
Das Collage.
Das Hemingway.
Kronenbar.
Tante Fredda.
Das Jean-Paul-Café, da konntest du noch ein Kännchen bestellen, das war schön, das haben sie abgerissen.
Die Lisa mit dem Kronenkeller in der Ludwigstraße.
Der Alte Bahnhof.
Das Rockofant.
Das Anadom, weil: am Dom.
Café Marie.
Das Roxy. „Da hat mal einer meine Collegejacke geklaut, während ich geflippert habe. Da bin ich hinterher, und er musste einsehen, dass das meine Collegejacke ist. Danach wurde weitergeflippert.“
Das Finale, unverändert seit Jahrzehnten.
Die Kaminbar, im Keller, gegenüber vom Schokolada, in einer Passage.
Und, oh Gott, ganz wichtig: das Café Atemnot. Da hat die Anke bedient, rothaarig, eigentlich supersüß. „Immer, wenn sie gekocht hat, in den Achtzigern, irgend einen frühveganen Wahnsinn, habe ich das Schinken-Käse-Baguette genommen. Dann hat sie sich neben mich gesetzt, und ich musste das erklären.“ (Pretsch)
Das Schnürsenkel, Gay Bar, Fabrikzeile, Richtung Media-Markt, Eisteich.
Sir Otto. Wie heißt der Besitzer? Der Rau-Rudi. Der hatte seine Frisur mit Klebeband an der Stirn festgepappt, Megastyle.
Er hat sich in einen Porsche 911er einen scheiß Käfer-Motor eingebaut, weil der weniger Sprit braucht. Fasst man das? Wo ist der bitte gelandet?
Micky. Zirka 1,55 Meter groß. Der hatte das Schokolada. Später wohnhaft in Spanien. Halb Hof ist damals, in den Achtzigerjahren, nach Spanien ausgewandert, weil es da so schön warm war. Der hatte sich seine Kniescheiben orthopädisch in Stand setzen lassen — die mussten wieder rausgenommen werden, das hat irgend was nicht geklappt.
Edgar Klinger, das war der mit dem goldenen Mercedes mit den roten Ledersitzen. Die Klinger Brothers, die waren bekannt in Hof, man hielt besser Abstand.
Zum Schwan.
Die Quelle, der Rundbau in der Pfarr.
Hinten am Moritzpark … war nichts eigentlich.
Gott, die Fischküchen! „Wunderbarer Laden, ein herrliches Lokal.“ Da war die Marga drin, als Bedienung, das hatte bis um vier Uhr früh offen, locker. Da ist jetzt ein Döner drin, wie heute überall in Hof.
Das Hotel Enden, die hatten immer nur zu den Filmtagen offen. Fürs Separée hat der Chef immer Personal aus dem Gefängnis geholt.
Waaßt des nimmer?
Man muss sehr gerne haben an der Christl (neben den anderen Dingen, die man an ihr ganz automatisch gern hat), dass sie den Bierkonsum ihrer Gäste auf ganz unaufdringliche Art und Weise mit im Blick hat und lenkt. Nach zwei Bier heißt es zuverlässig: „Du nimmst ein Alkoholfreies, Moritz? Bring ich dir.“
Vom Pretsch-Peter macht jetzt ein Foto von 1984 die Runde — es zeigt ihn als very good looking young man mit James-Dean-Haaren und grün-weißer Collegejacke, zu einer Nachtstunde in Hof.
Und my man Peter Liebscher vom Schwarzen Peter in Selb schickt, während das Gespräch bei Christl läuft, ein Handyvideo vom Bauerndom, gleich gegenüber vom Gasthaus gelegen, soeben bei einer Zigarettenpause aufgenommen. Die alte Friedhofsmauer (Feldsteine). Schnee auf Dächern, auf dem großen Holzstadel, auf der Gasthofterrasse. Die Turmuhr schlägt neun.
Heute Morgen um kurz vor neun kurzfristig entschieden, heute mal nicht raus in den Wald zu den Profis, zu Mr. Randolph und Dr. Jacklestone, zu fahren. Man ist ja frei. Stattdessen: Schreibtisch. Studium der Zeitschrift AFZ Der Wald/ Die Zeitschrift für Forstpraxis/ Forschen. Wissen. Verstehen. In der Halle unten läuft heute der große Putztag.
Spaziergang, einmal die Allee rauf und wieder runter, es ist noch nicht einmal elf Uhr. Man kann ja hier im Wald — das fällt mir nach knapp zwei Jahren immer noch wie eine Überraschung ein — einfach vor die Tür gehen und atmen.
2. Februar 2026, Montag
Das brutal bittere und traurige „Sie dürfen“ der Bäckerei-Kutzer-Bedienung — natürlich in geschäftig-freudig-aufmunterndem Ton vorgetragen, als der Display der Eletronic-Cash-Station aufleuchtet, auf den der Kunde beim Bezahlvorgang für einen halben Frankenlaib seine Debitkarte aufzulegen oder eben auch zu präsentieren hat.
Ich darf: Darin liegt, das ist ja auch klar, die ganze Turbohölle des Klein-Klein-„Der Kunde ist König“-Lohnempfänger-Lebens hier in der deutschen Provinz, wenn er, der geschätzte Kunde, als Höhepunkt seiner Teilnahme am jämmerlichsten Ende des Kapitalismus — hier im E-Center-Egert-Markt in 95100 Selb — und seines miesen, kleinen „Ich darf auch meine Tüte Tiefkühlkost ganz selbstständig aussuchen und mir abends in den Kochtopf reinmachen“-Alltags seine Bezahlkarte zum Abbuchen kleinerer Beträge unter zehn Euro präsentiert.
Fuck off. Alles vermint, alle Räume zugestellt. Die Freiheit, seine Meinung zu sagen und den Bürgermeisterkandidaten seiner Wahl zu wählen — ist alles nicht mehr möglich, alles runtergedreht, alles auf null gestellt. Wir werden gegängelt. Wir werden überall frustriert. Aber hier bei Kutzer, beim Frankenlaib-mit-Karte-Bezahlen, da sieht man mich noch, da darf mein Ich noch voll Ich sein, da lässt man mich noch machen.
Ich darf nicht nur meine Debitkarte auflegen, Baby. Wenn ich Lust habe, dann tue ich noch ganz andere Dinge, weißt du — hinfallen, rückwärts reden, meinen Brotlaib mit tschechischen Kronen bezahlen, mit Schaum vor dem Mund ein schlechtes Gedicht rezitieren, ein Mittagsschläfchen halten hier bei euch vor der gläsernen Kuchentheke, mich wie Ernst-August von Hannover am Türkischen Pavillon aufführen (eine furchtbare Aktion war das damals, stimmt), wir denken da an exakt dasselbe, Baby, so sieht es doch aus. Aber ich bin natürlich nur in meinem Kopf ein Michael-Douglas-artiger komplett asozialer Rächer und Durchdreher, in Wahrheit, das weiß ja auch jeder, bin ich die Friedlichkeit und Freundlichkeit in Person. Oh Gott.
Meine Frage an die Bäckerei-Bedienung heißt in Wahrheit natürlich immer nur: Wie geht es Ihnen? Was sagt eigentlich Ihr Herz? Wie kann ich Ihnen, jetzt gleich hier, einen Gefallen tun, der Ihnen Ihren Alltag und diese kalte Woche hier im Februar versüßt? Wollen wir, wir zwei — jetzt, für zwei Minuten — draußen auf dem Parkplatz vor Ihrer Kutzer-Filiale zusammen eine rauchen gehen? Kurz eine rauchen, das ist doch eh das Beste, das wir haben auf dieser Welt. Ihre nette Kollegin übernimmt sicher gerne für Sie!
Verzweiflung.
Großer Wutanfall.
Hysterie.
Dann habe ich, auch das ist die Wahrheit, das Kutzer-Brot natürlich ganz normal bezahlt.
Irrfahrten durch den noch immer tiefen Schnee im Wald. Und das Rutschen im Wald noch mal als etwas Schönes erlebt.
Heute trafen die neuen Revierkarten ein.
Forstgrundkarte.
Stichtag: 01.01.2025
Maßstab: 1:10.000
Distrikt
Abteilungsnummer
Unterabteilung
SF Sonstige Flächen
Abteilungsgrenze
Unterabateilungsgrenze
Hauptweg
Maschinenweg
Pfad
Graben, Bachlauf
Hochspannungsleitung
Ferngasleitung
Wiese, Grünland
Acker
Wasserfläche
Sandgrube
Gebäude, Hofraum
Sumpf
Sonstiger Nichtholzboden/ Sonstige Fläche.
Heute brachte der Briefträger Ernst Jüngers Der Waldgang, einen Essay aus dem Jahr 1951. Jünger, eine Figur aus dem anderen Jahrhundert, den ich wegen seiner Afrikanischen Spiele (eins der Bücher, die mein Onkel mir ins Internat schickte) als tollen Schriftsteller in Erinnerung habe.
Es geht gleich so super-agitatorisch und kämpferisch los. Ja nu, Essay eben! Der Arbeiter, der Unbekannte Soldat und nun der Waldgänger. Freiheit! Für ein selbstbestimmtes Leben in der Massengesellschaft! Der Waldgänger ist Einzelgänger, natürlich, zum soldatischen Kampf fehlt ihm das Talent und die Disziplin — he is having an innere Entscheidung, man. What?
Maaaann, ey.
Ich lese dann doch mal weiter. In Zeiten, in denen der AfD in Sachsen-Anhalt 40 Prozent vorhergesagt werden, rückt dieser Text wieder nahe.
Später noch zu Christl.
1. Februar 2026, Sonntag
Das Pariser Telefonat vom Place des Vosges in Paris mit Kerstin Gleba vom Verlag Kiepenheuer & Witsch. Es ging um … ja!
Seit Freitagabend wieder Zürich und dort vor allem: Bett, sehr gutes Frühstück, wieder Bett, sehr gutes Mittagessen, dritte Bettruhe, leichte Besorgungen, sehr gutes Abendessen. Und Suff. Herrlich.
Das nicht mehr ganz neue Problem, dass man als braver Deutscher die Zürcherinnen und Zürcher schwer versteht — es ist so banal, wie es faktisch zwischen einem steht im Suff-Gedrängel in Bars auf der berühmten, an Samstagen Reeperbahn-artig überfüllten Langstraße: Sie sprechen so grauenhaft langsam (ich weiß, ich weiß, alle in Zürich lebenden Deutschen sagen das, es ist das Gegenteil einer originellen Feststellung) — ich sage in einer Minute etwa die vierfache Menge von Worten, die die Zürcherin sagt, die da neben mir im Gedränge steht, und wenn sie doch mal etwas sagt, muss ich mehr ahnen, als dass ich es wirklich verstehe, dass da irgendwie ein Schmäh, ein Witz, ein Sinn hinter den wenigen Worten steckt.
Mühsam. Und wenn ich doch mal etwas verstehe, also mir eins zu eins der Sinn der eben gesprochenen Worte aufgeht, dann ist da oft ein gähnendes Nichts: kein Schmäh, kein Witz, kein Sinn. Und ich denke: Oh Gott, könnte es sein, dass ich viel zu viel HINEIN GEHEIMNISSE in diese hochinteressante, fremde, immer neue Rätsel aufgebende Bergsprache?
Also gut. Es ist ja auch ein bissl: wurscht.
Ich mag die Zürcherinnen und Zürcher, ich treibe mich gerne nachts in ihrer Stadt herum, auch wenn wir uns schlecht verstehen.
Halten wir weiter fest: Ich bin sehr gewillt, die merkwürdige Sprechsprache der Schweizer zu lernen, die ja ihres Ursprungs nach offenbar einfach ein besonders eigenwilliger deutscher Dialekt ist (Allemanisch, im 5. Jahrhundert in das Gebiet der heutigen Schweiz eingewandert), ich will keine dieser begriffsstutzigen dummen Deutschen sein, die nach zwanzig Jahren Zürich immer noch kein Wort verstehen. Deshalb sage ich jetzt schon immer, wenn eine dieser des Deutschen nicht mächtigen Zürcherinnen mit vollkommen richtigem Trotz und für mich immer nachvollziehbarer Aggression gegen alles Deutsche in ihrer Rätselsprache auf mich einredet — „Ihr müsst halt Schwiitzerdütsch lernen, ihr dummen Deutschen, das hier ist Zürich, nicht Freiburg im Breisgau“ — ich sage dann: „Ich verstehe nicht alles, was Sie sagen, aber tun Sie sich bitte keinen Zwang an, man lernt ja gerne dazu!“. Das kommt gut an.
Heute leider nicht im FlixBus (irgendwie passte es von den Verbindungen her nicht), sondern in der sehr komfortable 1. Klasse der SBB/ Schweizer Bahn.
Gestern, im Gefecht der Nachtleben-Gespräche, versuchte ich, einer noch mal anderen Zürcherinnen klarzumachen, warum der enge kleine, oft ein wenig ausgeleiert nach unten hängende Klapptisch in den lindgrünen FlixBus-Sitzen wirklich ein Symbol/ ein Inbegriff der frei fließenden Kreativität für mich ist: Ich habe dort mehr gedacht, erfunden, formuliert als an vielen anderen, äußerlich zum Schreiben geeigneteren Orten. Und warum es natürlich wichtig ist, als denkender, die Worte setzender Mensch immer wieder von Tisch zu Tisch WEITERZUZIEHEN, also unterwegs zu sein, zwischen den Schreibtischen des Lebens. Und, so wiederholte ich, dass ein fast schon idealer Schreibtisch eben der im FlixBus sei, vor dem, leicht erhöht, das Autobahn-Deutschland vorbeizieht.
Sie immer: Welcher Tisch? Was? Wo? Wer zieht vorbei? Wo wollen Sie heute noch hinfahren?
Wir verstanden uns wirklich null. Und diesmal war nicht nur die Sprachbarriere daran Schuld, sorry, sorry. Egaaaaal.
Eben im Speisewagen des SBB — der Zug tat einen festen Schlag — in eine rührende kleine Omi hineingestolpert, Entschuldigung, sie schaute mich mitleidig an. Lustig!
„Kommt Donald Trump vor, ist er leider sehr lustig“ (Berit Dießelkämper über die Melania-Trump-Doku auf Netflix, Melania).
Michel Houllebecq singt wieder — das ist besser, als wenn er seinen nächsten Roman veröffentlicht, so Julia Encke in der FAS. Den letzten, vor drei Jahren erschienenen Roman hat die Rezensentin als Tiefpunkt seines Werks und als „Jammerprosa mit pornografischen Elementen“ in Erinnerung. Verstehe!
Natürlich freute ich mich nach einer Woche Big City Life (Paris, Zürich) schon wieder sehr auf das Schweigen im Wald, meinen fränkischen Frieden, das allseits Runtergedimmte der fränkischen Heimat. Schluss jetzt mit „Jeder darf zu allem irgend was rausquatschen und hat zu allem eine Meinung!“, ich bin wieder daheim!
Der ewige Schnee.
Das zweite Bier und das kleine Süppchen vor dem Hauptgang bei Christl.
Der 11-Uhr-Cappuccino im Café Sohns in der Schönwalder Stadtmitte.
Die Schönwalder SPD.
Mein täglicher Zeitungskauf (Süddeutsche, Frankenpost, Bild) im Fachhandel Bettina Grüner.
Die Blicke ins Fichtelgebirge, auf den Fahrten gen Süden (Selb, Kirchenlamitz, Wunsiedel, Arzberg): Schneeberg, Ochsenkopf, Kösseine, Waldstein, unser Großer Kornberg.
Alles andere wäre ja auch ein Wahnsinn.
31. Januar 2026, Samstag
Ein Ufo in Weißwurstform landet vor der Bayerischen Staatskanzlei: Munich Machine (Text: Albert Ostermeier, Musik: DJ Hell, Benedikt Brachtel). Das Stück: auch eine Hommage an den im Sommer vor drei Jahren verstorbenen Slasher und Vollgas-Jockl Klaus Lemke. Premiere am 6. Februar im Residenztheater, München (ausverkauft).
Sie lag im Bett, aus dem Bad kamen meine Zahnputz-Geräusche, als wir noch einmal sagten, dass Stevie Wonders I Just Called To Say I Love You — gerade wegen seiner Schlappheit, gerade wegen seiner Gstaad-Hotelbar-Dödelhaftigkeit — natürlich der schönste Song aller Zeiten sei.
Du wärst doch gerne schwul.
Ja, klar.
Wer denn bitte nicht.
Erklärung eines 1970 Geborenen:
Letztlich, so sehe ich es, seitdem ich im Internat, vielleicht mit fünfzehn, anfing, auf einer Schreibmaschine erfundenen Live-Berichte von Popkonzerten zu tippen, auf denen ich niemals war, habe ich, der ich zur School of Pop gehöre, praktisch schon immer exklusiv für Schwule geschrieben und natürlich: für sehr junge, am besten lesbische Frauen — für wen hätte man denn sonst schreiben sollen (große Teile unserer Anliegen, die hitzigen Geschmacksurteile, das ganze oberästhetizistische Theater, waren für nicht-schwule Männer doch gar nicht mehr nachvollziehbar oder spinnert-uninteressant — gay love all over the place, es sind die einzigen Menschen, mit denen man sich als Schreiber echt verbunden fühlt oder mit denen man so etwas wie eine Bewegung gründen möchte (Superschlaumeier mögen mir jetzt gay approval seeking vorhalten, klar, klar, oder, wie das auch genannt wird, homoaffektives Verhalten, das ist aber totaler Quatsch, ich verstehe nur Bahnhof, okay, okayyy).
Dieses noch ausprobieren.
Und das noch.
Und das noch.
Und das.
Maxim Biller heute mit einer Glosse in der Süddeutschen Zeitung. Was ist das gleich noch mal, eine Glosse? Etwas Feuilletonistisch-Anspruchsvolles im Stil eines 1920er-Jahre-Feuilletons (Weltbühne), bei dem man aber trotzdem lachen, besser: schmunzeln, noch besser: gleichzeitig amüsiert und bisschen erschrocken und verstört sein soll?
Lieber Manfred,
es wäre mir ein Vergnügen und ein Lichtblick in diesen, wie gesagt, düsteren Zeiten.
Beste Grüße, Egbert.
Manfred!
Äh.
Äh, hahaha. Ja.
Also, es ist schon lustig, aber auf sehr Maxim-Billerige Art lustig, also etwas papierern und wie immer bisschen angestrengt und im für Maxim Biller reservierten Kanal des Mittellustigen geblieben. PS: Ich finde es ja gut, wenn Schweres leicht daherkommt, also in total verständlicher Sprache und mit einer Prise Humor.
30. Januar 2026, Freitag
Das beinahe tägliche Neun-Uhr-Telefonat mit dem sehr aufgeräumten, gut durchblickenden Betriebsleiter.
Ich will doch wissen, was da los ist, im Wald, verdammt.
Es ist der schneereichste Winter seit Jahren.
Schneebruch?
Der Rücker findet im Schnee kaum noch das geschnittene Holz.
Pflanzen schon seit Dezember nicht mehr möglich, klar.
Ah ja, ja: Die Jagd ist ja seit 15. Januar zu, die Abschlussquote konnte erfüllt werden.
Und: Der gut Aussehende von der CSU im Europaparlament, der mit Vollbart — Wörner? Weber? so was — fordert die Einrichtung eines europäischen Präsidenten (das ist doch auf jeden Fall eine gute Idee, super!).
Und: Unseren SPD-Vizeminister haben wir sowieso ganz genau im Blick, vielleicht sagt er ja mal wieder was Gutes (auch super, wird Zeit, Herr Klingbeil!).
Und: Die Einschätzung von Merzs außenpolitischer Arbeit fällt Woche für Woche wohlmeinender, in dieser Woche schon fast respektvoll aus (siehe hierzu auch DLF Presseschau). Das finden die Zeitungen natürlich gut, wenn unserer Kanzler die sogenannten roten Linien zieht, also dem orangefarbenen Präsidenten sagt, dass das nicht okay ist, über unsere im, Kampf gefallenen Soldaten Witze zu machen.
Und: 25 Minuten verspätete Abfahrt nach Zürich am Gare de Lyon, auf die ich heute leider sehr dünnhäutig berichte.
Da fühle ich nichts.
Da bin ich leider ganz schwach.
Da herrscht im Kopf komplette Leere.
Da fehlt mir jeder Zusammenhang.
Hier möchte ich lieber nichts sagen.
Hier fühle ich mich leider dumm.
Hier bin ich leider ängstlich.
Hier bin ich dumme deutsche Norm.
Hier fühle ich furchtbar ausgewogen.
Da habe ich nur ein ganz doofes Einerseits, Andererseits.
Hier habe ich so eine luschige Liberalität in mir, sorry, sorry.
Hier ging mein Erwachsenwerden leider schief (sorry).
Hier habe ich dummerweise mal ein Interview zu gegeben/ mich für eine Nachmittagssendung des Bayerischen Rundfunks filmen lassen/ eine Podcast aufgenommen.
Hier bin ich Deutsche-Journalisten-Schule-Schüler.
Hier bin ich deutscher Film.
Jetzt hätte ich fast gesagt: „Ein Stück weit.“
„Träum nicht dein Leben, halt einfach dein Maul.“ (Kalenderspruch)
Ach schade.
Magst du mich, Baby?
Aber ja. Das weißt du doch.
Okay.
Nachtrag einer Leserin von MadW:
Serge hat je T’Aime … nicht für Jane, sicheren für Brigitte Bardot geschrieben, weshalb sie, Jane, es auch nur ungern gesungen hat.
Gut zu wissen! Danke für die Korrektur.
29. Januar 2026, Donnerstag
Unten, auf dem Bürgersteig der Rue Saint-Antoine, saßen ab morgens um acht wieder die überhaupt nicht mehr jungen, weit über sechzigjährigen französischen Herren auf den Caféstühlen des Café Tabac, bisschen verlottert beziehungsweise schon sehr verlottert, abgerissene, alte Bohème-Darsteller, diese sehr traditionelle, aus den späten 1960er Jahren stammende Pariser Mischung aus Philosophen, Ex-Taxifahrern, Ex-Antiquariatshändlern und echten Pennern, sie trugen Schlapphut, graublau struppiges Haar und hässliche Cordanzüge und ließen die Filterlosen in ihren Händen abbrennen, ganz im Ernst, und hielten sich wahrscheinlich wieder für Serge Gainsbourgh.
Was dieser Serge Gainsbourgh, so dachte ich heute Morgen wieder, für ein Unglück über das Land der Franzosen gebracht hatte, seit den späten Sechzigerjahren, und heute immer noch bringt (neben dem Glück, das er für seine ikonische junge Frau, la Jane Birkin, einst bedeutet haben muss, und dem Glück für die Menschen, dass er für sie, La Jane, einst einen zeitlos tollen Song wie Je T’Aime Moi Non Plus schrieb), einfach weil verlotterte alte Franzosenmänner, die irgendwann mal ein Semester studiert und sich seit Jahren nicht mehr die Zähne geputzt haben, fälschlicherweise denken, das sei ein Lebensentwurf und genug für ein ganzes Leben, also einfach Tag für Tag auf Caféhaus-Stühlen abzudröhnen, sich nicht zu waschen und tiefsinnig-ironisch-abgeklärt, franzackig eben, vor sich hin zu sinnieren — wir sind doch coole alte Gammler, wir sehen doch alle aus wie das Verlotterte-alte-Männer-Sexsymbol Serge Gainsbourgh.
Lustig.
Und so weiter.
Und weiter: die Kunst.
Gestern schauten wir uns die große Retrospektive des Jean-Michel-Basquiat-Keith-Haring-und-Andy-Warhol-Weggefährten George Condo im Musée d’Àrt Moderne an, superberühmt, natürlich, aber irgendwie kannten wir ihn dann doch nicht. Und hatten Riesenfreude an den oft sagenhaft scheußlichen — wie sagt man da? — genau, postmodernen, supervergnügten und fröhlichen, mit großer technischer Könnerschaft rausgehauenen Fake-Picasso- und Fake-Magritte- und Fake-Renaissance- und Fake-Was-weiß-ich-Bildern. Das 1979-in-Manhattan-hafte, das einem aus der Kunstgeschichte so vertraut ist, die Sorte Downtown-Leben aus Punkrock, Heroin, Neonfarben, Fabriketagen und Graffiti (ach, er ist gar nicht aus New York, sondern aus New Hampshire und hat in Boston Zeichenklassen besucht? Egal). Richtig gut an dem Typen ist ja schon der Name: George Condo.
Der Begriff der Fassungslosigkeit bei Karl Schlögel im Interview mit Florian Illies in der Zeit. Seit seiner Paulskirchen-Rede im Oktober hören wir ihm doch alle so gerne zu. Genau das ist es: Fassungslos sind wir.
Paris in these late days of January: Es ist nicht kalt. Aber man denkt, es müsste schon wärmer sein, und deshalb ist es dann doch sauungemütlich. Und das macht es dann natürlich wieder sehr gemütlich.
Das noch: Wir hatten gestern später, nach dem Abendessen, noch zusammengesessen, draußen, an Cafétischen, unter Markisen, gut eingepackt, im kalten Pariser Regen, letzte Getränke, aber ein bissl was ging noch, und wir sprachen über das Allerweltsthema, was man eigentlich tun soll als ganz normale und sehr glückliche Menschen, wenn in einer Beziehung plötzlich die Lust abhanden kommt. Wir waren weit weg von diesem Problem, natürlich, aber darüber sprechen können musste man ja doch.
Ich sagte: „Interessant. Interessant.“
„Superinteressant“, sagt sie, „natürlich. Und was ist deine Antwort?“.
Ich sagte: „Das ist recht klar, was da zu tun ist, man hat ja seine Erfahrung als nicht mehr ganz junger Mensch. Also, ich würde sagen: sich wieder interessant machen. In all der konkreten Kompliziertheit, die so ein Vorgang — sich interessant machen — bedeutet. Bedeutet konkret, meiner Ansicht nach: So eine Mischung aus auf Distanz gehen und dabei gleichzeitig den anderen sehr genau in den Blick nehmen, ihm zugucken und ihm — um Himmelswillen — genau zuhören.“
Ich kam mir bissl schlau vor, bei dem was ich da sagte, ich meinte das auch exakt so, wie ich es gesagt hatte. Ich meine: Auf Distanz gehen und dabei gleichzeitig besser zuhören, ist das nicht was?
Sie guckte nun weiter auf die Straße raus, dabei natürlich vollkommen unbeeindruckt, auch genervt, weil ich es mir leicht gemacht und für ein Menschheitsproblem eine Lösung geliefert hatte, die offenkundig keine war: „Sich interessant machen?“
Für sie, das hörte ich jetzt, wie meine Worte in ihrer Wiederholung klangen, war das offenkundig der Weg in eine maximal unsexy Lowness, haha.
„Du solltest ja jetzt nicht irgend etwas Superschlaues sagen, sondern eine Lösung vorschlagen. Also, eine Lösung ist das ja nicht.“
Ich sagte: „Da gibt es dann, glaube ich, keine Lösung. Paare, die nicht mehr miteinander vögeln wollen, trennen sich, über kurz oder lang. Oder was meinst du?“
Sie steckte sich eine Zigarette an, weil sie als Raucherin die wunderbare Möglichkeit hatte, sich ab und an eine anzustecken.
„Blödsinn“, sagte sie, „es gibt immer eine Lösung.“ Und sie wiederholte: „Es gibt für alles eine Lösung.“
Ach, unsere kleine Pariser Wohnung! Wir ließen Filme laufen, brachten Wasser zum Kochen, schickten Text-Messages, ließen Bücher aufgeblättert liegen und taperten zwischen Bad und Bett hin und her — was man als Mensch halt so macht.
Paris!
Paris!
Wunderbar geschlafen.
27. Januar 2026, Dienstag
Paris. Ich weiß ja immer nicht so richtig, was man hier machen soll, außer dass es natürlich wahnsinnig schön ist überall (spazierengehen!) und man als großer dummer Deutscher in den ganz wunderschönen, winzigen Lokalen mit den Knien immer irgendwo anstößt, an den anderen Tischen, Stühlen, Gästen, an einer Japanerin mit großer Miu-Miu-Papier-Einkaufstüte, am ganzen aufgekratzten Pariser Trubel eben. #normal
Bei David Zwirner in der Rue Veille du Temple zehn Minuten und noch länger vor den Bildern des Um-1900-Belgiers Léon Spilliaert gestanden.
Und noch mal zehn Minuten.
Und noch mal zehn Minuten.
Und weiter.
Und die sagenhaft schönen Räumen der Galerie Zwirner im Pariser Marais — Glas, weiß gestrichene Brickstones, Metall — wahrgenommen.
Und raus und noch mal rein.
Und noch mal fünf Minuten.
Ich fand den gar nicht so gut (den Maler Léon Spilliaert). Oder so etwas. Eher so ein bisschen halbkitschig vormodern. An der Schwelle zu etwas sehr Scheußlichem sogar (très 1905, Symbolismus?). Es gab einfach so viel zu gucken.
Und, wie das in Galerien eben möglich ist: Ich verliebte mich, guckend und weiterguckend, gewissermaßen dauernd auf dem Sprung, in das Bild Nu féminin sous des arbres enneigés au clair de lune rouge (Weiblicher Akt unter verschneiten Bäumen mit rotem Mond), entstanden im Jahr 1917). Und stellte mir vor, wie sich mein Leben veränderte, hätte ich dieses Bild, nicht weiter groß (29,7 mal 49,8 cm), bei mir zu Hause im Arbeitszimmer hängen und LEBTE MIT IHM, diesem Bild.
Wieder ganz doll versucht, nicht all zu viel Mist zu kaufen — auch so ein ewiges Pariser Thema.
La Galerie Dior.
Azzedine Alaïa Foundation.
Tom Sachs und Martha Jungwirth bei Thaddaeus Ropac.
Dover Street Market.
Abendessen mit Johanna Adorjàn, wir freuen uns schon.
25. Januar 2026, Sonntag
Schriebe ich noch mal ein Theaterstück, es hieße: Das unergründliche Treiben der Deutschen am Hotel-Frühstücksbüfett.
Was da an Hass, an Bösheit, an Muff, an Menschenverachtung, an Dummheit durch den Raum fliegt (Hass natürlich speziell unter langjährigen Eheleuten) — ein Abgrund. Es ist die zirka zehnfache Menge von Dummheit und Bösheit, die es braucht, um erfolgreich ein deutsches Konzentrationslager zu leiten (jetzt bin ich selber böse und selbst ein bisschen dumm, jaja, ich weiß schon, sehr böse, ja komm).
Hass am Kaffeeautomaten. Hass am Toaster. Hass beim Anstehen an den Multivitamin-Saft-Karaffen (in den Farben Rosa, Orange und Rübenorange). Warum braucht der da jetzt so lange, warum sifft der alles voll? Das hasserfüllte Belauern der Mitfrühstücker und konkurrierenden Frühstücksbuffet-Nutzer an den durch Wärmelicht von oben orange angestrahlten Schüsseln mit den ebenfalls von der Oberwärme leicht angetrockneten Eierspeisen: Was macht jetzt die mit meinen schönen Rühreiern, mit meinem in eine Stoffserviette eingewickelten Mehrkornbrot, meinen Rollmöpsen, meinem Erdbeermarmelade-Topf?
Wie stinksauer kann ein Mensch morgens um acht die Wurst auf seinem Brot anschauen? #ANGST.
Aggressives Schweigen. Aggressives Flüstern am Tisch (wer hat das eigentlich erfunden, dass in Hotel-Frühstücksräumen mit GESENKTER STIMME gesprochen wird, es macht mir so eine furchtbare Angst). Die aggressive Hässlichkeit der SPORT-UNTERWÄSCHE, die der Deutsche in Frühstücksräumen trägt (atmungsaktive Wäsche und FROTTEE-Wäsche in den Farben Senfgelb, Currygelb, Neongelb, Leucht-Erbsengrün, Leucht-Traubenrot, Leucht-Beige, die neuen gedeckten deutschen Neonfarben sind besonders böse). Badelatschen und Sport-Puschen (!!). Hässliches Deutschland. Aggressive Provinzialität und aktive Ausländerfeindlichkeit in den Gesichtern wie in einem Faßbinder- und Peter-Fleischmann-Film von 1970 (Der Herbst der Gammler, Jagdszenen aus Niederbayern). Aggressive Verblödung (Rainald Goetz).
Schlagzeile Bild am Sonntag: „Trump verhöhnt unsere Soldaten.“ Um Gotteswillen. Bild: „Guttenberg fordert eine Entschuldigung.“ Guttenberg, warum denn Guttenberg? Als wer spricht der denn zu uns, als Ex-Verteidigungsminister, als Wieder-Verteidigungsminister (gar nicht mitgekriegt), als Adliger, RTL-Moderator, Start-up-Berater, als Gast bei Markus Lanz oder einfach als der weibliche und daher empfindsame Teil des, haha, Power-Couples KT-Guttenberg-Katharina-Reiche?
Der Zug fährt weiter nach Zürich. Und von dort aus wieder gleich weiter (eine Stunde Umsteigezeit), wo die deutschen Besatzer noch nicht sind — zumindest für ein paar Tage ist Ruhe: nach Paris.
24. Januar 2026, Samstag
Der Kopf sortiert, panisch. Aber: heute leider mal wieder überhaupt keine Klarheit. Und die schöne, bissl stumpfe Diesigkeit — Milde gegenüber der eigenen Nicht-immer-ganz-Großartigkeit —, die es braucht, um irgend etwas hinzuschreiben, sie stellt sich auch nicht ein.
Versuch, Peter Richter in der neuen Zeitschrift für Ideengeschichte („Weltmacht DDR“) zu lesen: Die Tribüne vor den Plattenbauten am Bauabschnitt II auf der Karl-Marx-Allee wird noch mal dekorativ neben Donald Judds Stahl-Regal von 1968 gelegt, auch als Fotomotive auf einer Doppelseite. Schöner Satz, neben den vielen anderen Pointen und Blitzsätzen, die es bei Peter Richter immer gibt: „Auch, wenn es offenbar viele kaum wahrnahmen: In den unterschiedlichen Sektoren des Neubaugebiets Marzahn sahen die Häuser tatsächlich ein bisschen unterschiedlich aus, bildeten leicht verschiedene Formationen, (…).“
Ich war als Kind einfach zu viel in Ost-Berlin und in der DDR unterwegs — nicht übertrieben, zwischen 1979 und 1982 gefühlt jeden zweiten Sonntag am Alexanderplatz, mit Mindestumtausch (Erwachsene 25, Kinder 7,50 DM): Dieser dumme Staat mieft mich bis heute an. Da hat man zum Hin- und Herdenken auf dem Feld Architektur-Avantgarde in der DDR gleich eine dumme Ungeduld in sich, sorry, sorry.
„Von der DDR wird nichts bleiben. Sie wird vergessen werden.“ (Christoph Hein in Der Spiegel, 4. April 2025).
Der RE gleitet durch Oberfranken und die Oberpfalz, heute Richtung: Traunstein.
Heute Abend tritt Andi Bernard (unter anderem Ex-Gitarrist bei Carrera) mit seiner neuen Band Repeater in Traunstein auf. Ort: die in der Region und bis nach München und nach Salzburg bekannte Indie-Bühne Festung. Da ist man als Freund, der seit dreißig Jahren Freund ist und es die nächsten Jahrzehnte bleiben möchte, erstens mit einem Hellen in der Hand und, zweitens, mit einer ganz und gar hellen Freude dabei.
In Regensburg, wo der Zug den Bahnhof in entgegengesetzter Richtung verlässt, steigt ein offenbar geistig verwirrter Turbosachse ein. Und fängt gleich an — in voller Sachsen-Lautstärke — komplett viel zu laut und ja, sicher auch ein wenig emotional, aus seinem offenbar total verkorksten Leben zu erzählen.
Bleib stark, Turbosachse, du hast ganz recht, dass du allen Leuten — denen, die dich kennen, und den vielen, die dich nicht kennen — aus deinem nicht weiter aufregenden Leben erzählst!
Diesen feinen deutschen Bürger, so dachte ich auch gerade, wünsche ich mir in einem Podiums-Fachgespräch mit Peter Richter zu den Entwürfen des DDR-Stararchitekts Hermann Henselmanns. Hör gut zu, lieber Peter, was der wirre Sachse uns zu erzählen hat. Das ist alles nicht so verkehrt.
Ja, Reisender: Du weißt, dass du am Münchner Hauptbahnhof angekommen bist (wird seit 2019, bisher vollkommen ergebnislos, saniert), wenn du dich zum Aufwärmen runter in die U-Bahn setzen musst.
22. Januar 2026, Donnerstag
Heute Mittag ab 12 Uhr eine Bolognese mit fünf Kilogramm gemischtem Hackfleisch zum Köcheln gebracht. Da klärt sich einiges.
Fuck Trump.
Fuck Trump.
Fuck Trump.
Wir halten es hier, noch einmal, mit Robert De Niro: „It‘s no longer down with Trump. It‘s: Fuck Trump. FUCK TRUMP!“
Je irrer, geschwätziger, hartschwänziger, je schlampiger hingepinkelt menschenverachtend, schwärzer und endzeitiger es wird, desto klassischer muss unsere Ansage lauten — klassisch wirklich im Sinne des schönsten Jahrzehnts der deutschsprachigen Literatur zwischen 1790 und 1800, an der Schwelle zur Wiener Klassik (Goethe, Schiller, Herder, Wieland), im Sinn der idealen Verschmelzung von Form und Inhalt: Fuck Trump.
Er ist der scheiß Endgegner.
Ansage Lars Klingbeil gestern in den ARD Tagesthemen, endabgekämpft, endgenervt, auf Jessie Welmers lustige Frage „Wissen Sie da etwas als Vizekanzler der größten Volkswirtschaft Europas?“: „Ich sage Ihnen auch: Ich verlasse mich jetzt mal nicht auf Meldungen und auf Tweets und auf andere Dinge, die ich jetzt gerade höre, sondern ich warte jetzt mal ab, bis es Schwarz auf Weiß etwas gibt.“ Gut!
Die gestern natürlich wayyyyy deprimierendste Nachricht des Tages, das weiß ja auch jeder: die Weiterleitung des Mercosur-Abkommens zur Ratifizierung an den EuGH, mit lächerlichen zehn Stimmen (!!) Mehrheit — den Unterschied gemacht haben einige Grüne und Linke im Europaparlament, romantic warriors, Freaks mit Indianer-Lederschmuck am Handgelenk.
Grünenwähler, Linkenwähler: ey. Eyyyyyy!
Egal.
Im Wald: Doctor Jacklestone sitzt seit gestern wieder auf dem Harvester, minus zehn Grad, trockene Luft, Vollgas. Bitte schön vorsichtig an der noch jungen Buchengruppe (kein Problem). Mr. Randolph muss daheim in Plauen auf die Hunde aufpassen, Tochter ist krank. Alles klar.
Am vorgestrigen Dienstag gegen 11.30 Uhr konnte in 95100 Selb auf der Staatsstraße 2179 bei Wildenau (tschechische Grenze) ein zwanzigjähriger rumänischer Fahrer keinen Führerschein vorzeigen (Frankenpost).
Mist. Mist. Auch nicht gut. Wir sind doch tendenziell immer für Rumänien.
16. Januar 2026, Freitag
Berlin im Januar: noch mal besonders trostlos — aber irgendwie ist auch das kompletter Quatsch. Es ist schon so oft schriftlich und im Mündlichen darüber lamentiert worden, in welchen Monaten — natürlich im Januar, Februar, März — die hässliche Stadt Berlin angeblich besonders hässlich ist, also grau, braunschwarz, müllverklebt, Schneematsch-verdreckt, trostlos, besonders trostlos, Selbstmord-gefährdend und „Ich möchte nach Thailand“-Blödsinn auslösend — es funktioniert einfach nicht mehr bzw. es stimmt auch nicht mehr, es ist komischerweise einfach nicht mehr wahr. Unwahrheit entsteht auch dadurch, dass zu viele Menschen eine Offenkundigkeit über zu viele Jahre zu oft wiederholen, interessanter Fall. Fuck Berlin-Depression — es ist einfach immer hässlich in der hässlichsten Stadt Deutschland, im Januar genau so wie in allen anderen Monaten, und es ist einfach immer absolut total okay hier in unser auberginefarben gestrichenen Plattenbau-Neoklassizisten-Müll-Stadt.
Die leichte Land-Verlotterung, die man an sich feststellt beim ersten Eintritt in eine deutsche Großstadt nach drei, vier Monaten — man verliert als Landmensch einfach sehr konkret das Gefühl dafür, was man anziehen kann in der deutschen Hauptstadt im Jahr 37 von Techno und Wiedervereinigung und was nicht. Durch die von ganz früher sehr vertrauten Straßen von Berlin-Mitte laufend hat man dann plötzlich echt so einen alten grünen Strickjanker mit Hirschhorn-Knöpfen an (Erinnerung an den alten Neunziger-Jahre-Schlachtruf „Jaaaa, mehr Altötting-Style in Mitte!“, erfunden vom DJ und Labelchef Mathias Modica), eine Landadligen-Cordhose in Goldbraun, das Hemd ist ungünstig kleinkariert, eher kleinstädtisch-muffig und Tschibo-Haft billig als gut eighties-popperhaft, auch die Haare sind nicht mehr in Form, so halblang rausgewachsen, aber nicht gut und irgendwie interessant attraktiv um die Ecke zu lang, sondern doof zu lang. Lustig!
Mein Berlin-Programm für diesen von mir wie immer minutiös geplanten 20-Stunden-Aufenthalt:
Erst Paris Bar.
Dann Paris Bar.
Dann noch bissl Paris Bar.
Dann hatte ich Lust auf zwei, drei Bier in der Paris Bar.
Dann Paris-Bar.
Dann sagte man: Komm, jetzt geht noch ein Bier in der Paris Bar.
Große Freude, wie immer, über das Wiedersehen mit dem stets noch freundlicher, noch lässiger agierenden Besim und all den anderen tollen Paris-Bar-Boys (Reza, Omar, Salem, Fadi, Fehmi, Joe).
Die Paris-Bar-freien Minuten geht man übrigens ins Pinci, August- Ecke Große Hamburger Straße (wunderbares Lokal, weiß ja auch jeder, sie haben gerade Einjähriges gefeiert).
Heute Vormittag dann Besichtigung der schon im November eröffneten Ausstellung Natur und Deutsche Geschichte/ Im Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht im Deutschen Historischen Museum, wow! Die Kuratorin Julia Voss führte durch die Räume: maximale Angeregtheit. Bei jedem der durch die groben Zeitachsen Mittelalter, Neuzeit, Industrialisierung, Nationalsozialismus, Geteiltes Deutschland etc. strukturierten Aspekte und Themen — Hildegard von Bingen, die Fugger, Bergbau, Luther und Arminius, Maria Sibylla Merian, der Siegeszug der Kartoffel, Begradigung des Rheins im 19. Jahrhundert, Forstwirtschaft in Deutsch-Ostafrika, Naturdenkmal-Pflege in Preußen etc., usw. usw. — dachte man, Moment mal, allein dieser Aspekt wäre doch schon wieder eine ganze Ausstellung wert. Danke, Julia! Das war sehr schön, sein Gehirn mal wieder zu spüren.
Und, schön runtergedimmt und vom Alkohol des gestrigen Abends und von der Natur-Ausstellung noch gut durchlässig und animiert: Zugfahrt nach Bremen, die praktisch ideale Reisedauer von 2 Stunden, 45 Minuten.
Gerade wieder eins von vielen sehr klassischen Deutsche-Bahn-Erlebnissen gehabt: Die Deutschen lieben ja Cappuccino bestellen. Ist das in anderen Ländern eigentlich auch so, dass praktisch zu jeder Uhrzeit, um neun, um elf Uhr morgens, um zwei und 17 Uhr nachmittags, vor und nach dem Abendessen, also um 19, 20 und 21 Uhr, in Cafés, in Bars, in Steakhäusern, an Wurstbuden, an Tresen im Deutsche-Bahn-Restaurant, in Diskotheken — um halb zwölf nachts ist das durchaus auch möglich — Cappuccino bestellt wird, oder ist das eher ein rein deutsches Ding? Es heißt dann, exakt so muss das gesagt werden: „Einen Cappuccino hätte ich gerne.“
Man muss ja dazu wissen: Ein Cappuccino ist ein gewöhnlicher Espresso oder ein doppelter Espresso, aber mit Milchschaum, also mit GESCHÄUMTER MILCH. Es gibt ja eigentlich keinen Grund, einen Kaffee mit süßem Schaum zu bestellen, außer in den zehn, fünfzehn Minuten gleich nach dem Vor-die-Haustür treten, sagen wir, zwischen 8 und 8.15 Uhr, wenn man noch nicht ganz wach ist und noch nicht klarkommt mit Licht, Autoverkehr und Hektik, den normalen Scheußlichkeiten des Alltags und, das kann ich schon verstehen, die Härte des Lebens und der Wirklichkeit noch ein wenig abfedern möchte durch eine schöne Portion Schaum. Nach diesem einen Guten-Morgen-Cappuccino, der wie gesagt total okay ist, das möchte ich hier jetzt deutlich sagen, ist jede weitere oder spätere Cappuccino-Bestellung allerdings ein unfassbare Laschheit, Schlaffheit, Hippie-Trostlosigkeit, Spießer-Ausgeflipptheit, Turbo-Stillosigkeit und komplette Sauerei, ja, haha. Man könnte auch, sicher ein wenig zugespitzt sagen, sieht man um 16 Uhr irgend so einen German Supergenießer einen großen Milchschaum-Topf im DB-Bistro bestellen: Junge, hast du dein Leben nicht im Griff? Merkst du noch irgend etwas?
Die Steigerung von Cappuccino bestellen, so fand das gerade hier im Zug nach Bremen statt, ist übrigens den Cappuccino mit GUTSCHEIN zu bezahlen. Also, das Handy am besten gleich mit der Cappuccino-Bestellung hochhalten — die sagenhaft geduldige, vom DB-Management mit speziellen DB-Psychopharmaka eingestellte DB-Restaurant-Mitarbeiterin fragt dann: „Mit Gutschein?“. Und man sagt, Handy zum Gutschein-Abscannen hochhaltend, die rechte zieht schon mal den Pappbecher zu sich heran: „Mit Gutschein, ja, super, genau.“
Trump nervt.
Der Hannoveraner Grünen-Abgeordnete, der vor mir im Ruhebereich-Abteil („Pssst ..“) telefoniert, nervt.
Aber sonst?
Mir geht es so unfassbar gut. Ich habe so überhaupt keine Probleme. Stimmt.
15. Januar 2026, Donnerstag
Suche im Internet nach:
Bialetti Espressokocher 6 Tassen.
Falke Kniestrümpfe Baumwolle hellgrau.
Aesop Voluminising Shampoo, 500 ml.
8 Hosenbügel Klemmbügel schwarz.
Johann Elias Ridinger Original-Kupferstiche.
Das ist alles Quatsch, ja.
Das vom Fränkischen Bund (was ist das für eine Organisation? Interessant) vorgeschlagene Bundesland Franken: I like a lot, of course, klar. Bleibt der Nürnberger Markus Söder dann als Ministerpräsident in Bayern, oder kriegen wir den dann als Chef? Hiiiiilfe. Man hat natürlich Angst, dass die AfD in einem Bundesland Franken sofort auf Sachsen- oder Sachsen-Anhalt-Niveau einstiege.
Obwohl, warum immer schwarzmalen? Ich sage: Mit einem Auf-die-Karte-Treten eines Bundeslands Franken gäbe es auch eine Renaissance des sozialdemokratischen Mutterlandes Franken. Die SPD nicht nur in den fränkischen Großstädten, sondern auch auf dem Land zwischen Fürth, Bamberg, Coburg, Würzburg und Rothenburg ob der Tauber wieder auf Nummer eins (so mit etwa 35 Prozent sind wir zufrieden). Und als Ministerpräsidenten begrüßen wir: Holger Grießhammer, den ultrasympathischen und fähigen Abgeordneten aus dem oberfränkischen Bad Weißenstadt (für den Landkreis Wunsiedel/ Kulmbach im Landtag), derzeit noch Fraktionsvorsitzender im Freistaat, Handwerker, Ehemann, Vater von fünf Kindern, ein echter Superbotschafter des alten und neuen Franken.
Riesenfreude an der grönländischen Außenministerin und dem dänischen König (nein, wer war das? Ach so, der dänische Außenminister Rasmussen), die auf der kalten Straße vor dem Eisenhower Building in Washington nach dem beschissenen und natürlich ergebnislosen Gespräch mit Vance und Rubio ERSTMAL EINE GERAUCHT HABEN. Es handelt sich ziemlich sicher um die zwei schönsten diplomatischen Zigaretten der Geschichte — Rauchen als Zeichen von stoischer Gelassenheit, das mindestens, schon eher als Ausweis eines grimmigen Widerstands/ Sich-nicht-Beugens gegen die neue US-amerikanische Dummheit und einen neuen US-Imperialismus. Unsere ewige Solidarität jedenfalls für alle Raucherinnen und Raucher, vor allem aber für Stressraucher in historischen Stunden. #love (PS: Elisabeth von Thadden soll bitte noch mal nachschauen, ob Henry Kissinger oder Walther Rathenau, der deutsche Außenminister der Weimarer Republik, mal eine vergleichbar schöne geraucht haben, und da auf der herrlich hingewischten Zeit-Seite „Unsere Woche“ eines ihrer Kurz-Feuilletons drüber schreiben. Danke!).
Der Subaru Forester fährt heute für eine Nacht in die Paris Bar, in die Berliner Kantstraße. Kommt alle, wir wollen ein paar Bier trinken. Es wird Zeit.
13. Januar 2026, Dienstag
MadW hat in den Wochen vor Trumps Wiederantritt (Januar 2025, vor genau einem Jahr also) und natürlich noch lange danach geradezu obsessiv über den jeweils aktuellen Horror des Kandidaten geschrieben, ja, so lange gibt es diesen Blog schon (wir berichten seit Mai 2024), da ging es dieser Ein-Mann-Zeitung hier nicht anders als den anderen Medien.
Über Trump zu berichten, das war gewissermaßen ein täglicher Selbstreinigungs-Vorgang, bei dem man versuchte, die aktuellen Superscheußlichkeiten, all die Lügen, Hässlichkeiten, Verdrehungen und Perversitäten von sich abzuwaschen und in den Ausguss zu spülen, da konkret mit Wasser und Seife gegen vorzugehen, gegen all die Übertretungen der Grenzen des guten Geschmacks, des Anstand, des Rechts, des normalerweise Sagbaren zwischen Menschen, der Menschenwürde, der UN-Menschenrechtskonventionen und so weiter.
Nun nehmen wir Abschied, auch von der eigenen Obsession, es gibt zu ihm, dem orangefarbenen Schweinepriester, nichts mehr zu sagen — absolut nichts, nicht den abertausendsten Hitler-, Wilhelm-II- und Darth-Vader-Vergleich, nichts betont Sachliches, kontrolliert Kluges, genau Gedachtes, auch nichts überraschend Positives, nichts intelligent Relativierendes, das gab es vielleicht noch nie, aber jetzt ist jedes Wort, ganz gleich, in welche Richtung es ausschlägt, vollkommen obsolet und offenkundig wirkungslos geworden, seitdem er und seine Schergen im Außen- und Kriegsministerium immer deutlicher ankündigen, die Insel Grönland und ihre schutzloses Bevölkerung in den bunt gestrichenen Häuslein der Hauptstadt Nuuk mit der ganzen Schlagkraft der US Forces, der teuersten und hochgerüstetsten Armee der Geschichte, zu überfallen und zu besetzen und dem eigenen Hoheitsgebiet einzuverleiben, und man erleben muss, wie sich die gewählten Führer der Demokratien in Europa/ wie sich Macron, Starmer, Merz und Tusk vor Angst und sicherlich auch vor Scham über die eigene Hilf- und Wehrlosigkeit buchstäblich in die Hose pinkeln, so stellt man es sich zumindest vor, natürlich auch im Angesicht des nun für die nächste Zukunft sehr realen Zerstauben der Schutzmacht NATO und der plötzlich sehr konkreten und wahrhaft akuten Schutzlosigkeit der europäischen Bevölkerungen vor den Atomraketen und Eroberungsgelüsten des Schlächters und Autokraten Putin.
Trumps neueste Obszönität, seine Drohung gegen das Grönland-Inselland, das ist wie die Ankündigung eines Präsidenten, sich an einem Kind sexuell zu vergehen oder einer achtzigjährige Dame ins Gesicht zu schlagen — was soll man dazu sagen, es reicht einfach, es geht da nicht mehr weiter, nur noch Entsetzen, auch das Berichten oder öffentliche Nachdenken über so einen Mann geht einfach nicht mehr. Da hat sich der Führer der westlich Welt, wie gerne geschrieben wird, ganz offensichtlich — in full effect, so kann gesagt werden –– aus unserem Wertekanon und von unserer wertebasierten Gemeinschaft verabschiedet.
Einen Text über jemanden zu schreiben, sei er noch so kritisch, so, abwertend, so distanziert — es bedeutet im übertragenen Sinn doch immer, ihm, dem Sujet des Textes, die Hand zu reichen — das kann bei ihm, dem Demokratie-Schlächter und wirren Caligula, einfach niemand mehr über sich bringen. Trumps neueste Sadismus-Nummer ist ja offenbar das Nachäffen bei ihm vorsprechender Staatenlenker, die ihn um Gnade anflehen, in der maximal überdrehten, obszönen und übergeschnappten Art. #Angst.
Amerikaner können bei den Midterms im November mit entscheiden, ob sie sich weiter von einem kranken Baby regieren lassen wollen — bis dahin müssen wir einfach gucken, was dann noch übrig ist von der Welt. Und natürlich wünschen wir unseren gewählten Vertretern — Bundeskanzler Merz, Außenminister Wadephul, Vizekanzler Klingbeil —, bei kommenden Vorsprechen in Trumps Palästen, im Mar-a-Lago und im Weißen Haus, weiter gute Nerven und eine ruhige Hand.
Ach so, und wenn ich das hier richtig verstehe, dann sind die Proteste im Iran seit dem gestrigen Montag erneut gewaltsam beendet worden — die iranischen Revolutionsgarden haben die Menschen auf der Straße mit scharfer Munition zusammenschießen lassen, bewährte Methode, gezielt wurde auf Köpfe und Brustkörbe, alles klar, da traut sich jetzt niemand mehr vors Haus. Auch dieser Horror übersteigt natürlich bei Weitem einen Vorgang, der sich von einem Schreibtisch in Oberfranken aus in irgendeiner Art sinnvoll einschätzen oder kommentieren ließe. Es bleiben mir hier, in 95173 Schönwald, die Schallplatten der Deutschen Grammophon und eine recht vollständige Bibliothek des 19. Jahrhunderts (Mörike, Keller, Fontane, Stifter, Raabe) — ich bin natürlich trotzdem nur auf Instagram und bei den ARD-Tagesthemen, normal, was man halt so macht in einem großen Haus auf dem Land, um das sich gegen 17 Uhr praktisch vollständige Dunkelheit senkt.
„Zu viel Schmerz macht dumm“ (Zitat Rainald Goetz, wo noch mal genau, im blau-hellgelbem Textsammelband Kronos von 1994?), aber das stimmt hier ja auch nicht — der wohl hundertfache Tod iranischer Demonstranten und Demonstrantinnen erreicht einen ja genau nicht, löst eben kein Gefühl und keinen Schmerz aus, er wird effektiv abgeschnitten durch die Internet-Zensur des Regimes, keine Bilder, keine Regung, abstraktes Grauen, alles ein absoluter Skandal.
Und heute zum Mittagessen, mal wieder: Reiß mit Scheiß, „Raaß mit Schaaß“, wie das im legendären Schlagabtausch hieß, bei dem Michel Würthle und Martin Kippenberger sich kennenlernten und sofort Freundschaft fürs Leben miteinander schlossen.
Kaum Bewegung im Wald, auch keine Arbeit. Dafür auch nachts von der Autobahn: kaum ein Geräusch, nur unheimlichen Stille. Es liegt zu viel Schnee.
11. Januar 2026, Sonntag
Einen wunderschönen Zeitungstext mit der Überschrift „Frostig“ hatte ich am gestrigen Samstagabend in der Wochenzeitung Schwarzenbacher Amts-Blatt gelesen, der Heimatzeitung für die bayerische Stadt Schwarzenbach-Saale.
Auf eine Art brachte dieser Text in seiner Ruhe, Klarheit, Übersichtlichkeit und ruhigen, starken Sprache den ganzen rasenden Wahnsinn und die Angstthemen unserer Zeit zum Stillstand (Ja, Trump, ja, Venezuela, Grönland und die furchtbare, von ihm selbst gewählte Aussage, dass dieser Präsident — um Gotteswillen — nur von seiner eigenen Moral und seinem Verstand gestoppt werden könne). Gekauft hatte ich das Amtsblatt übrigens in einer ebenfalls enorm ansprechenden und schönen Metzgerei, der Fleischhauerei Vider in der Schwarzenbacher Bahnhofstraße, zusammen mit 200 Gramm Gelbwurscht und einem Schälchen Kartoffelsalat (das Wort Fleischhauerei hatte ich echt überhaupt noch nie gehört, es wurde Zeit).
Zitat aus dem kursiv gesetzten Text — Entschuldigung, das wird hier jetzt ein bissl längeres Zitat —, es stand unter dem Schwarzweiß-Foto eines Schneemanns mit Blechtopf auf dem Kopf, ein Regenschirm baumelte über dem rechten Schneearm, der Kursivtext hatte im Grunde genommen nur die Funktion einer lange Bildunterschrift:
„Der Winter hat Schwarzenbacher derzeit fest im Griff. So kalt war es seit langer Zeit nicht mehr. Frostige Temperaturen, eisige Nächte und winterliche Bedingungen prägen aktuell den Alltag. Straßen, Wiesen und Dächer sind derzeit vielerorts von Schnee überzogen und die Luft ist klar und bitterkalt. Der anhaltende Frost sorgt nicht nur für glatte Wege, sondern auch für ein echtes Wintergefühl. Passend dazu schmücken Schneemänner und weiße Landschaften das Ortsbild. Außerdem lässt der pappige Schnee die Kinderherzen (…) Der Winter erinnert Schwarzenbach daran, wie streng er sein kann, aber auch wie schön er sein kann und wie viele Aktivitäten bei diesen Witterungsbedingungen möglich sind. (…) Also liebe Leute, nicht frieren und klagen, sondern warm einpacken, raus an die Luft und Spaß haben!“
Und lesend dachte ich: Wahr! Wahr! Genau so muss man es sagen. Und ich dachte: Schön, schön! Genau so empfinde ich es auch.
Weitere Themen dieser Nummer 2/ 2026, das Schwarzenbacher Amts-Blatt erscheint heuer im 123. Jahrgang (gegründet 1903):
Ein Porträt des ersten Bundeskanzlers Adenauer anlässlich dessen 150. Geburtstag.
Eine Wochenchronik der zweiten Januarwoche.
Ein Rückblick auf die Feste in Schwarzenbach im vergangenen Jahr.
Ein großer Essay zum Jahresbeginn von Markus Reinisch zur Frage, auf was es 2026 ankommen wird (Punkt eins: unsere Demokratie schätzen, natürlich, die im Gegensatz zu der in den USA noch etwas wert ist).
Verschiedene Porträt der Kandidaten für die Kommunalwahl im März.
Und lesend dachte ich: Andere Menschen haben ihren christlichen Glauben oder so was oder eine Alkoholsucht oder eine Pflanze, die sie jeden Abend gießen. Ich habe das Schwarzenbacher Amts-Blatt.
Sorry, sorry.
Ich möchte eigentlich gar nicht mehr sagen als genau das (das, was ich hier zwei Absätze höher stehend zitiert habe, meine ich). Ich empfehle, diese Worte — in diesen abgründig bösen, vollkommen übergeschnappten Zeiten — einfach noch mal zu lesen. Und sich zu besinnen. Auf die Stärken von uns Menschen.
Ach, das kommt jetzt sicher etwas aus dem Zusammenhang — Nachträgliches zu einem sehr schönen Drückjagd-Dinner am Freitag in Schloss Konradsreuth: Hemden mit Manschetten-Knöpfen lehne ich, das aber auch schon immer, als undemokratisch ab (sorry, sorry).
Und noch ein Interview mit Gerhard Polt im SZ-Feuilleton (Alex Rühle), das geht immer.
Aus irgend einem Grund geht mir in diesen Tagen die Melodie des wundervoll müden und erschöpften T-Rex-Songs Cosmic Dancer nicht mehr aus dem Kopf (Melancholie, sanfte Resignation, Akzeptanz der eigenen Endlichkeit), mein Kopf spielt ihn in Endlosschleife:
„Is it strange to dance so late?“
Es klingt nach Schweiß, nach Polyesterhemden. Nach der Angst vor dem Atomtod. Natürlich auch nach der Einsamkeit des an einer Bushaltestelle wartenden Teenagers in der südenglischen Provinz. Es klingt so total nach 1971. Es klingt wie ein Hundert Jahre alter Song.
Acht Uhr früh am Sonntag: Das weiße Licht über der großen, glatten Schneedecke im Park fährt hoch. Guten Morgen.
9. Januar 2026, Freitag
Gibt es etwas Schöneres im Leben, als Schnee zu schippen?
Nein.
Nein.
Nein.
Na jaaaa. Da fiele mir auf Anhieb auf doch EINIGES ein.
Okay.
Die vier Lieblingsfilme von Jim Jarmusch:
They Live by Night (Nick Ray)
Mirror (Andrei Tarkowsky)
Céline and Julie Go Boating (Jacques Rivette)
Point Blanck (John Boorman).
Blättern im Prachtband Elaste 1980-1986.
560 Seiten, im Eigenverlag.
Michael Reinboth, Thomas Elsner, Christian Wegner.
Holger Hiller in Bad Tölz.
Dieter Meier in Hannover.
Filmregisseur Romuald Karmakar.
Norbert Schmitz (Türsteher P1).
Hansi Grandl (Parkcafé).
Vor dem UJZ, 1980: Klaus, Bibbi, Tom Oz, Kerry u.a.
Lorenz Lorenz, Schriftsteller und Weltumradler: „Ich war der erste James Dean in unserem Häuserblock.“
Andy: „ I like your magazine, really“.
Ich sage hier: Weiß nicht.
Ich sage auch: Interessiert mich derzeit eher nicht.
Ich sage: Ist für mich jetzt, wo Sie mich gerade danach fragen, leider keine Option, sorry.
Sage auch: Auch diese sicher gut formulierte Frage ist für mich gerade nicht so wichtig, sorry, sorry, ja, auch longtime ist die Frage für mich leider nicht relevant.
Ich sage: Fülle ich heute nicht aus (morgen auch nicht).
Ich sage: Diese Umfrage ist für mich derzeit leider auch kein Grund, in dieser FUSSGÄNGERZONE für Sie stehenzubleiben, sorry.
Ich sage: Habe ich noch nicht abgesagt, wird aber zeitnah erledigt.
Wünsche ich mir explizit: dass Sie meine Teilnahme bitte mit keinem Wort erwähnen (schön, Danke, Danke).
Sage ich jetzt: Notieren Sie bitte: Bye Bye. Und: auf Wiedersehen.
Wie sie in England gerne sagen: I prefer not to. Haha. BIG.
Ich sage: Fuck off, Diggi, oh just fuck off.
Ich sage: Krrrrznhhhgurrrmlll.
„I want to punch him right in the face.“ (Robert De Niro).
„The names have been changed to protect the innocent“ (Beat Dis, Bomb the Bass).
Abends dann, gegen 17 Uhr: blaues Licht auf weißem Schnee.
8. Januar 2026, Donnerstag
An diesem Punkt fordert Meldungen aus dem Wald ein Umdenken in der Berichterstattung deutscher Medien, Achtung:
Es ist mir egal, ob Kai Wegner, der Regierende Bürgermeister Berlins, mittags oder am späten Nachmittag Tennis spielen geht. Noch mal anders gesagt: Ich mag die Vorstellung, dass der Regierende Bürgermeister Kai Wegner morgens eine Pressekonferenz gibt und mit dem Krisenmanagement eines Stromausfalls beschäftigt ist und schon mittags, gegen zwölf, eine Runde Tennis spielt — Krisenmanagement und Tennisspielen passen für mich 1A zusammen, er soll möglichst viel auf dem Tennisplatz stehen und Tennis spielen gehen. Mir ist es sogar lieber, Kai Wegner läuft irgendwo in Berlins wohlhabendem Südwesten, der im Fadenkreuz von schwachsinnigen Links-Kitschisten steht — in Zehlendorf, Wannsee oder Lichterfelde — in Tennishosen einem gelben Ball hinterher, als dass er, sagen wir, über eine öde Social Media Strategie mit hippen, öden Berliner Social Media Strategen konferiert.
Weiter noch: Dürfte ich irgendwo ankreuzen, ob Kai Wegner mittags schön ein Glas Louis Roederer Cristall Champagner trinken darf oder nicht, ich würde ankreuzen: Er soll bitte ein köstliches Glas Champagner trinken, ich steuere da gerne meinen Anteil Steuergeld bei, dass er mittags schon leicht eine leichte Champagne Dizzyness hat und so auf die viel geforderten kreativen Lösungen kommt — ich glaube an Regierende Bürgermeister, die auf Champagner drängende Probleme der Hauptstadt lösen.
Anders gesagt: Die moralische Kleins-, Kleinst-, Kleinst-Beharkung von Bürgermeistern, Stadtabgeordneten, Stadträten, Landräten und sonstigen Lokalpolitikern muss aufhören, es möchte sonst bald niemand mehr diese massive unattraktiven, trostlosen, unglamourösen und vergleichsweise schlecht bezahlten Jobs nachgehen. Wir brauchen aber einen aus Berlin-Spandau stammenden Sohn eines Bauarbeiters und einer Einzelhandelskauffrau, der sich nach einem Realschulabschluss für Bundeswehrdienst und eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann entscheidet, mit lässiger Zuversicht seine Berlin-Spandau-artige Halbglatze trägt und sagt: Ich sehe mich als Regierenden Bürgermeister anödenden Verwaltungs-Shit erledigen und mittags bissl Tennis spielen, das bin ich! Bleib stark, Herr Regierender Bürgermeister. Alles klar.
Heute auf dem Tageskalender des Forstwirts:
Rechnungen.
Handwerker-Telefonate.
Rausschauen in das weiße Weiß. Heute auch der Himmel: weiß.
Heute morgen um neun: Wie immer schon sehr unterhaltsames Durchkämmen der Weltlage mit Mr. Randolph, am Feldrand in Wüstenbrunn neben der Kleingartensiedlung stehend.
7. Januar 2026, Mittwoch
Die Frankenpost titelt mit der Zeile „Die große Angst vor dem Bargeldaus.“ Das ist natürlich kein Gag — und nicht nur ein hirnrissiges AfD-Thema. Hier auf dem Land sind Geldscheine und Münzen Überbleibsel der alten Zeit — der Ära vor Digitalisierung und dem beschissenen Smartphone —, die man noch echt in die Hand nehmen und ZÄHLEN kann (Geldscheine zählen, zum Beispiel Zwanzig-Euro-Scheine, sehr schöne, auch eine beruhigende Sache). Es heißt heute auch ganz simpel, und das natürlich vor allem bei der Generation 60 Plus, von der dieses Land — das zwischen Hof, Wunsiedel, Marktredwitz und Marktleuthen — maßgeblich bevölkert ist: „Ich möchte meine Miete in Bar bezahlen. Ich bin doch nicht verrückt und schütte mein sauer Verdientes in dieses riesiges Internet hinein.“ Alles klar.
Die Wahrheit ist ja auch (haha, herrliche Politiker-Formulierung): Ich habe das Einscannen von Waren im Supermarkt ja selbst erst vor etwa einem Jahr im Edeka-Egert-Markt in Selb gelernt. Und ich kann sagen: Macht großen Spaß, probiert es einfach mal aus, liebe Mitrentner!
Als Mensch, der in den NEUNZIGERJAHREN gerne in Clubs ging (Techno, sorry), hat man SCHEINE sowieso sehr gerne — es erinnert mich an die Deejay-Boys, die sie, die SCHEINE, in riesigen Bündeln, gerollt und von Gummibändern zusammengehalten, in ihren Jeans-Taschen trugen und damit den Champagner auf Eis und die Steaks mit Tomatensalat zahlten. Unsterbliche Berliner Deejay-Boys (DJ Fetisch, DJ Kaos, DJ Woody, Mann mit den Augenringen).
Ein flächendeckender Stromausfall wie in Berlin? Das wäre bei uns im Freistaat nicht denkbar (Innenminister Herrmann). Na, Gottseidank.
Wahr ist ja auch (hahaha): Wir kennen hier unsere Linksradikalen. Wenn da einer drauf kommt, Unfug zu machen und mit unserer kritischen Infrastruktur zu zündeln, dann knöpfen wir uns den noch selbst mit der Mistgabel vor. Falls uns aber doch mal einer zuvorkommt, Sie wissen schon, einer von diesen grauslichen Zecken, den Brandstiftern, ungewaschenen Bombenlegern, Hausbesetzern, haha (der Innenminister), dann sind wir hier in Bayern und in unsere 96 Kreisverwaltungsbehörden — mit Notstromersatzgeräten, Netzersatzanlagen, mobilen Stromerzeugern — bestens vorbereitet.
Dir auch noch ein schönes neues Jahr, lieber Max.
Sag noch, wie ist das? Sehen wir uns Freitagabend zum Drückjagd-Dinner bei Cecil und Johanna in Konradsreuth? Wäre doch schön.
6. Januar 2026, Dienstag, Heilige Drei Könige
Oberfranken nach drei Wochen Argentinien: gut. Der Weihnachtsbaum steht schon draußen, der Schnee ist schwer und nass. Aus dem Bilderbuch Vögel im Winter bei dir zu Gast (Verlag Coppenrath), dem wunderbaren Weihnachtsgeschenk meiner Schwester Katharina, lerne ich: Jetzt singen der Zaunkönig, der Erlenzeisig, der Eichelhäher, Star und Kleiber, der Haussperling (frisst auch gerne Speisereste von Menschen, wie Brotkrümel), die Kohlmeise, der Buntspecht, der liebe Bergfink.
Habe ich hier echt acht Wochen, also genau seit 5. November letzten Jahres, keine Meldungen mehr geschrieben? Offenbar: ja. Genau so ist es. Merke: Wenn ZU VIEL los ist, so viele Emotionen, zu viel Aufregung (haha), zu viel Zürich und seine schönen Lokale, zu viel Paris und zuletzt eben meine drei Wochen als superschicker Gaucho auf der Estancia Ojo de Agua in der Provinz Buenos Aires/ Argentinien, dann bringt es nichts, dann setzt es sich nicht, sortiert es sich nicht, entsteht keine Lust, auf der Basis der äußeren Ereignislosigkeit ins Denken, Fabulieren und ins Mal-sehen-wo-wir-quatschend-heute-hinkommen hineinzukommen, dann ist alles gleich wichtig und alles gleich egal, dann bin ich WIRR, dann gibt es nichts zu sagen. Ich brauche, ganz normal, eine gewisse Eintönigkeit im Alltag, ich brauche das oberfränkisch Runtergedimmte, sonst entsteht kein Text.
Bitte lesen Sie heute auch meine Gedanken zur Malkunst meines Vaters (Hans-Jochem von Uslar-Gleichen, 1936 bis 2022), gestern Nacht entstanden nach einer 7-Stunden-Autofahrt von Zürich, notiert auf Instagram. Mein Onkel Louis hatte mir ein sehr geliebtes Bild meines Vaters zu Weihnachten geschenkt (gestern Nacht erst ausgepackt) — wirkt vielleicht ein bisschen peinlich, WIE gut ich meinen Vater finde und immer schon gefunden habe, eben wirklich als Künstler, mich hat immer begeistert, wie sich das TALENT/ die Könnerschaft bei meinem Vater seinen Platz nahm. Einige Menschen können malen, andere können es eher nicht, gleiches gilt natürlich fürs Schreiben.
Im Musik-Kalender 2026, diese Jahr zum Thema „Inspiration und Musik“, sagt der mir vollkommen unbekannte aus Budapest stammende Komponist Péter Eötvös (1944 bis 2024) auf dem ersten Januar-Blatt exakt das, was einwandfrei wahr ist und was ich seit Jahren bei praktisch jeder Gelegenheit sage, ganz gleich, ob es jemand hören möchte oder nicht:
„Die Inspiration kommt, wenn man sich hinsetzt, wenn man nicht ständig verreist, Briefe schreibt und herumtelefoniert.“ Alles klar, Maestro. WORD UP.
Die Frankenpost der Feiertagsausgabe 5. und 6. Januar meldet heute, im Teil Fichtelgebirge: Auf der Selber Straße in 95173 Schönwald hat ein Unbekannter eine schwarz-rote Flagge entwendet. Der Täter zog sich für die Tat eine Sturmhaube über, die Entfernung vom Tatort erfolgte in einem cremefarbenen Kleinbus. Der Wert der Flagge betrage, laut Frankenpost, okay: 10 Euro.
Eine Sturmhaube? Ein cremefarbener Kleinbus? Eine schwarzrote Flagge?
Es wird kein einfaches Jahr, dieses 2026, das hat auch nie jemand behauptet. Aber wir werden es allen Eindringlingen in cremefarbenen Kleinbussen, allen Putins, allen Trumps, allen Neonazis und Sahra-Wagenknecht-Fans, allen TSV-1860-München-Präsidenten, die in Schönwald traditionsreiche Porzellanindustrien zum Jahresende 2027 schließen wollen, verdammt schwer machen, we won‘t give up. Noch ist Oberfranken nicht verloren. Let‘s go.
Und, ach so: Mögliche Zeugen melden sich bitte bei der Polizei in Marktredwitz.
5. November 2025, Dienstag
Ich würde gerne profund beurteilt bekommen, ob es sich bei dem gestern gewählten Commie und Millionärskiller Zohran Mamdani nur um den nächsten Hipster-Schwachkopf, eine Schwatzkanone und offenbar auch um einen ziemlich guten Rapper handelt (ich kann die neuesten Gute-Laune-Filmchen auf Insta da nur schwer einschätzen). Oder doch: um den richtigen Mann zur richtigen Zeit auf dem richtigen Posten (Bürgermeister von New York City) und eventuell sogar um mehr — einen Prototypen des neuen Demokraten, der dem längst als unschlagbar geltenden Donald Trump bei den Midterms im November die so dringend gebrauchten schweren Verletzungen zufügt.
Die gewohnt enorm gut informierte, gerne auch ein bissl schlecht gelaunte Einschätzung von beautiful Mamdani, wir bräuchten sie bitte von:
Lars Jensen, lebende journalistische Legende, NYC
Philipp Oehmke, Der Spiegel, Berlin
Christian Zaschke, Süddeutsche, Berlin
Boris Hermann, Süddeutsche, NYC
Andrian Kreye, Süddeutsche, München
Lässt Trump jetzt Panzer auf der Fifth Avenue auffahren, wie Andrew Cuomo das für einen Wahlsieg des Alptraums aus dem Ein-Zimmer-Apartment in Queens prophezeit hat? Nein, es wird Trump reichen, 2,8 Milliarden Bundesmittel zu streichen und so einige Wahlkampfversprechen des neuen Bürgermeisters an empfindlicher Stelle ins Leere laufen zu lassen (Unterstützung bedürftiger Familien, Förderung von Kinderbetreuung, diese Dinge) und die immer noch tollste Stadt der Welt, New York, in kürzester Zeit wie einen dystopischen Slum, wie Gotham City und Klein-Havanna aussehen zu lassen.
Ganz andere Sache. Die Auswertung der Forsteinrichtung/ Hauptergebnisse der Stichprobeninventur liegen vor.
Die wichtigen Parameter lauten:
Vorrat aller Schichten in Vorrats-Festmetern pro Hektar und Ernte-Festmeter pro Hektar
Vorrat für Oberbestand
Vorrat für Zwischenbestand
Vorrat für Althölzer
Vorratsverteilung nach Durchmesserklassen
Altersklassenverteilung im Oberbestand
Baumartverteilung in der Verjüngung (BAG).
Alles klar.
Strahlender Sonnenschein, der in das Gelb, das Rot und Rotbraun der Wälder hineinfällt. Like if it was late September in Upstate New York.
In einem Kilometer, das Ziel befindet sich rechts: Izmir Markt, 95028 Hof.
3. November 2025, Montag
Wieder einswingen: in den Wald.
Driving the Waldwege in the Subaru.
Gespräche mit Mr. Randolph und Doktor Jacklestone, the boyz in the wood.
Der neue Harvester von Jacklestone — den exakten Modellnamen muss ich morgen noch mal erfragen — macht ganze Arbeit. Der Hersteller John Deere war letzte Woche im Wald, um ein paar Motive für den neuen John-Deere-Kalender zu schießen. Kommentar Kupfer: „Früher gab es Bikini-Mädchen im Nutzfahrzeuge-Kalender, heute ist es unser Jacklestone.“ Cool!
Die Rotbuche, geschätzte 200 Jahre alt (the Park).
Die Handwerker
Und: die Steuer.
Christl sagt, wie ja alle wissen: die Wahrheit.
Christl sagt auch: „Es wird nicht einfacher.“ Das ist ja wohl mal wieder einwandfrei wahr.
Christl sagt weiter: „Was sind denn das für Preise im Supermarkt? Das ist doch nicht mehr normal.“
Gestern, am Sonntag, war das Lokal, wie so oft am Sonntag, bis auf den letzten Platz gefüllt.
Christl sagt jetzt, zum Abschluss des Telefonats: „Die Friedelind hat heute Mittag einen frischen Schweinebraten reingeschoben. Wann willst‘ denn kommen, Moritzle?“
So um halbsieben dann, bitte.
„Passt.“
„Und die junge Generation fühlt sich nicht mehr von Politik repräsentiert.“ Ach Mensch, ja, schade. (Das wird aber schon wieder, alles gut). 😘😘