moritz von uslar
meldungen aus dem wald

7. März 2026, Samstag

Noch am dritten Tag ist die Freude über die Rückkehr unserer Leute riesengroß — safe back from Dubai, das klingt doch wie ein Song von Alphaville oder Modern Talking.

Dank allen, die hier an einer Lösung mitgearbeitet haben (verschiedene Emiratis im diplomatischen Dienst wären zu erwähnen, aber auch ein offenbar sagenhaft gut aussehender und groß gewachsener Soldat der United Arab Emirate Air Forces, der plötzlich die vermissten Pässe in den Händen hielt). Aber wirklich: vielen Dank.

„Florian Henckel von Donnersmarck: Seine Tochter liebt den Gucci-Erben“ (Bunte).

6. März, 2026, Freitag

Den Atem: atmen.
Das Bein: ausstrecken.
Die Schultern: nebeneinander legen.
Die Haare: anfassen.
Den Kopf: halten.
Die Nudelsoße: umrühren.
Die Bierdose: stehenlassen.
Den Aschenbecher: in der Nähe haben.

Das Fenster: kippen.
Die Hände: halten.
Die Körper: ruhen lassen.
Die Schlafanzughose: offen lassen.
The Swing: swingen.
Den Schrecken: im Rücken tragen.
Den Atem: atmen lassen.
Den Tod: Tod nennen.
Zum Teufel: Teufel sagen.
Die Worte: stehenlassen.
Aber bloß: nicht zu viel sagen.
Mal weiter: sehen.

Wiedersehen.

Um 12 Uhr dann: Bar Sacchi am Lochergut. Hallo, Sascha Ehlert von der Zeitschrift Das Wetter. Da trifft man sich doch noch mal nach all den Jahren. Gut.

5. März 2026, Donnerstag

Berit Dießelkämpers Blitz-Feuilleton über Influencer in Dubai, die in einer Stadt, auf die iranische Drohnen regnen (brennende US-Botschaft), trotzdem ihre gute Laune nicht vergessen und hübsche Videos posten (Kim Gloss empfiehlt „nudefarbenen Kajalstift“, um wachere, strahlendere Augen zu bekommen, heyyyy).

Unsere Leute hatten aus dem 23. Stock ihres Hotelzimmers in Dubai berichtet. Der Sound von Dubai, das sind die Dröhn- und Pfeifgeräusche der Kampfjets und Abwehrraketen am Himmel und das Brodeln der Lamborghini-Motoren unten in den Straßen.

Hey, super.
Natürlich total unvergesslich.
Endzeit.

Zug nach Zürich.

4. März 2026, Mittwoch

Der erholsame Schlaf ist seit jenem 28. Februar (Kriegseintritt Israel und USA) auch nicht leichter geworden.

Trost bei der Douglasie, dem verpönten Baum. Er gilt als hier nicht-heimischer Wirtschaftsbaum (wächst ordinär schnell, wanderte im 19. Jahrhundert, aus Nordamerika kommend, erst nach Großbritannien, dann zu uns nach Deutschland ein). Ich mag die Douglasie — ihr kalter und eleganter Name erinnert mich an die Erzählungen F. Scott Fitzgeralds, sie riechen nach kalifornischen Orangen, ihr schimmernd helles Grün (im Frühling) bedeckt die Hänge der Rocky Mountains und wird an den Westküsten des amerikanischen Kontinents von der Gischt des Pazifiks benetzt. Ach überhaupt: Heimweh nach dem alten Amerika.

Und tatsächlich, was der Leittrieb in nur einem Jahr zugelegt hat: Schmal und um die vierzig Zentimeter hoch reckt er sich, für die harten Kauplatten des Rehwilds schon nicht mehr erreichbar, in die kalte Sonne. 

3. März 2026, Dienstag

Ein paar unserer besten Leute — sie waren auf dem Rückweg nach Zürich, von einer weiten Reise kommend — wurden in der Nacht von Samstag auf Sonntag in einem Hotel am Internationalen Flughafen in Dubai von einer iranischen Drohne aus dem Hotelbett geworfen. Gottseidank niemand verletzt. Evakuierung ins nächsten Hotel (ohne Handy, Pass, Kleidung, Gepäck). Wo sie bis heute ausharren.

Ich meine: was?

Das ist der Krieg der Regierung Trump. Eben auch: nur fünf Flugstunden entfernt.

Derzeit wird gecheckt, ob man von Riad aus fliegen kann. Privat gecharterte Flüge nach Europa, so Spiegel Online, werden derzeit ab zirka 350.000 Euro angeboten, die Taxifahrt im gepanzerten SUV von Dubai nach Riad (um die 11 Stunden) gibt es ab 10.000 Dollar. Auch das ist eine Realität à la Donald Trump: Es ist eine Welt für Krieger und Milliardäre. Leute unter einer Milliarde Vermögen sind raus.

Auf einer Kachel, die der Nachrichtensender ntv heute auf Instagram stellte — sie zeigt die Skyline Dubais am Persischen Golf, darunter den Text: „Steuervorteile und Luxus: Iran hat Dubais Business-Modell innerhalb von 24 Stunden zerstört.“

Strahlend blauer Himmel über Oberfranken. Eine Luft wie auf zweitausend Metern. Letzter Schnee.

27. Februar 2026, Freitag

Vielleicht, weil ich selber so Vollgas abpalavere: Mein Feind ist das Gewäsch. Am schlimmsten: das therapiegeschädigte Psychotanten-Gewäsch (haltlos wie immer, dabei natürlich auch sympathisch: Hurla von Hurrlisson bei Micky Beisenherz, sorry, sorry).

Was bedeutet es, wenn man gleich nach dem Einschlafen in einem Turbo-Albtraum träumt, dass man von einem Karamell-Honig-Schokoladen-Riegel abbeißt, und gleich der erste Biss bleibt einem wie eine Hartplastik-Füllung im hinteren, linken Backenzahn stecken und kein Stück bewegt sich mehr — eine Masse, die weder die Zunge, noch das eilig geformte Werkzeug aus Daumen und Zeigefinger lockern kann, über Minuten nicht? Angst davor, impotent zu werden? Oder man ist es schon? Alles klar.

Um Himmelswillen, gestern hat ein Gericht in Köln entschieden, dass die AfD nicht als gesichert rechtsextrem bezeichnet werden darf — mir wurde schwindlig, als mein Handy die Nachricht abspielte (war gerade beim nachmittäglichen Heißduschen im mit heißen Dampf zugenebelten Bad, vielleicht lag es auch daran). Das war es dann also für das schon immer ultradumme und komplett falsche AfD-Verbotsverfahren von SPD und Grünen. Also auch schon wieder: GUT!

Das ist immer ein Zeichen dafür, dass ich geistig ZERRÜTTET bin, wenn ich über zehn Minuten mein Handy nicht finde und dabei jammernd durch die Wohnung irre (und dann liegt es, oh Gott, neben dem Klo). 

Übers Wochenende nach Berlin.

Kommt alle ins Hipster-Café „Coffee Drink Your Monkey“ am Savignyplatz, Charlottenburg, Samstag, 28. Februar, 12 Uhr, ich unterzeichne Noch wach? von Benjamin Stuckrad-Barre.

Nein, Witz. 😘😘

 

26. Februar 2026, ich glaube, Donnerstag

Und dann trat zum Abend — es war gegen sieben, als the fading day/ der sich verabschiedende Tag den Büschen, Bäumen, Wiesen, ja sogar dem Alten Forsthaus hinter dem Schienenstrang das Licht ausknipste (Büchsenlicht): ein Fuchs auf den Wildacker.

Ein Fuchs im fetten Winterfell! Ein Walt-Disney-Film-Moment, sehr klassisches Hollywood, Dreißigerjahre. Und alles, was ich vor ein paar Tagen noch so klug und eloquent über die Naturrrrr gesagt hatte, war mit diesem Anblick schon wieder Blödsinn.

Kreuzberg-Anfall, wo kommt denn das jetzt plötzlich her? Aber weißt du was? Ich höre mir jetzt selbst mal einfach zu — wird besser so sein, wie folgt:

Isch habe disch lieb.
Isch habe Liebe, Liebe, Liebe, meine Gute, Gute, Gute.
Du!
Diesen.
Isch!
Isch habe gut … Naturrrr.
Isch habe gut Gefüüüüühl.
Isch macke gute, gute, guuute (Gefüüüühl).
Mach mir einen DÜRUM, Erkek Kardes, Diggsta, Diggele, Digga, mit extraviel extrascharfer Soße, mein Gutster, mein Bruder.
Isch hab disch doll lieb, meini Brudili.
Meine schönste Angebetete, die du misch in meine Traum verfolgst.
Viel Liebe.
Meine (sic!) Guter!

Ach so, ich war ja gestern im herrlichen Hofer Bahnhofsviertel unterwegs gewesen, das man so lieben muss, Sträßchen auf, Sträßchen ab, Kopfsteinpflaster, viel roter Backstein, Blick mal in diesen, mal in jenen Hinterhof. It‘s German workin class back in the 1980s, Baby.

Afiyet olsun, iyi mi yedin? Hadi, benim evimin önünde, güneşin altında birer fincan daha çay içelim. Şerefe, kardeşim!

Nicht klar ist auch nach zwei Jahren in diesem stillen, großen Haus auf dem Land, was man hier abends machen soll: also in den endlosen Stunden, in denen die Menschen in der Stadt in den Lokalen sitzen oder einfach U-Bahn fahren dürfen, von Station zu Station.

Der Fernseher?
Die Netflix-App?
Der Schallplattenspieler?
Das Telefon?

Alles falsch.
Alles total verwirrend.

Es gibt wenig Öderes und Überflüssigeres auf Erden als eine gut sortierte alte Popplatten-Sammlung. Wie ich eben Anna — dann doch wieder — am Telefon sagte (sie ist zur Zeit für sechs Tage, oh Gott, nach Kalkutta gereist, um dort ihre Stoff-Connection zu treffen und, klingt doof, ist aber natürlich toll, ihren Mindset einmal aus- und wieder anzuknipsen): Jeder schlechte neue Popsong ist um Welten besser als der gute, alte Popsong (vorhin versucht, eine alte Talking-Heads-Platte zu hören, es ist so absolut entsetzlich).

Gutes Feuilleton von Claudius Seidl über den Schmunzelbart- und Weinrote-Westen-Träger Harald Martenstein, der als rechter Grattler in der
Bild-Zeitung (im Gegensatz zum ZEITmagazin) natürlich neutralisiert wird und seine Wirkung nicht entfalten kann. Sein Renommee hat er auf wirklich erschütternde Weise in rasend schneller Zeit — seit zwei Wochen ist er Bild-Kolumnist? — verspielt (he lost more than he ever had). PS: Claudius Seidl übrigens wieder in Höchstform — eigenwillig, angriffslustig, wenn er Lust hat, ist er eine ganze Klasse klüger als die anderen, die so schöne süddeutsch-barocke Plauderlust ist auch wieder da — seit Wochen schon, seitdem er wieder bei seiner Hauszeitung SZ schreibt, Florian Illies wies mich darauf hin.  

Hier noch mal der ganze Stuckrad-Barre der vorgestrigen Tagesthemen — einfach so ein herrlich hartes, hochgeschwindiges Statement, a true BvStB, nur echt mit dem geilen Nazi-Hieb nach hinten raus, wie von einer Theaterbühne herunter gesprochen. Ich wusste bisher noch nicht mal, dass man als denkender Mensch natürlich gegen ein Speichern der KI von Texten zu sein hat, but it feels good to to be — hier rockin‘ Stucki:

„Lasst uns doch das Urheberrecht abschaffen. Alles gehört allen — dann gilt das auch für Patente. Dann mache ich eben Google 2 auf, auch Facebook, und die müssen mir genau zeigen, wie sie programmiert haben. Das kopiere ich dann einfach — und zwar ohne Nazis. Der Markt ist groß.“  #wordup

Ach so, sagte ich das schon mal? Ich finde Bücher ja im Prinzip ganz okay. Und so kam es, dass ich vorhin mal wieder in ein gut aussehendes weiß-rosa-schwarzes Taschenbuch hineinlas (aber es war leider auf Englisch):

Han Kang The Vegetarian (Winner of the 2024 Nobel Prize in literature). „A novel of sexuality and madness that deserves its great success“ (Ian McEwan).

Gespenstergrau da draußen, am frühen Morgen. Kickt.

25. Februar 2026, Mittwoch

„Endlich kam der Morgen. Dieselbe spiegelreine Sonne stieg herauf, wie gestern, und beleuchtete den Reif, der schnell so Blatt als Gras der Veralterung und dem Verfalle entgegenführte.“ (Stifter)

Fuck off.
Nothing else to say.

Wer sind die Menschen, hier im FlixBus nach Kiew? (Tagesthemen, ARD).

„Patent? Scheiß drauf. Alles gehört allen.“ (Benjamin Stuckrad-Barre, ebenfalls in den Tagesthemen — wie immer sehr geladen, bereit, ein ganzes Stadion zu unterhalten — zur Zukunft der KI).

24. Februar 2026, Dienstag

Und heute, bäääääm: die Sonne. Noch nicht stark, aber eben doch: das runde Helle oben am Himmel, das das Blau hinter den schnell ziehenden, weißen Wolkenfetzen anstrahlt. 

Und die Bäume standen nackt, und das Schlammgrün des Parks mit den aufgewühlten Rillen, die der Schnee hinterlassen hatte, glitzerte und dampfte nass zum Himmel.

Blick nach draußen, ein paar, ja, natürlich nicht ganz neue, trotzdem absolut notwendige Gedanken zum Unberührten der Natur. 

FRAGE: Was sah man denn tatsächlich, guckte man nach draußen — ins Braun, Grau, nasse Grün und in die Bäume hinein? Das war ja offenkundig nicht das Unberührte, das es nicht mehr gibt und eher noch nie gegeben hatte (spätestens seit dem Spätmittelalter oder so nicht mehr).

Man sah:
Den in ein Halbrund eingefassten Park
Die vor langen Zeit — beim Bau des Barockschlosses oder doch nach dem ersten großen Anbau, um 1870? — in ein Halbrund gepflanzten Parkbäume
Zäune
Die Streuobstwiese
Die Terrasse
Die bis Mitte April oder Anfang Mai in ihrer Holzverkleidung eingepackte Diana-Statue
Der heute von kleinen Buchen eingefasste ehemalige Reitplatz (wird fälschlicherweise oft als ehemaliger Tennisplatz bezeichnet, aber es gibt nicht ein Foto, das dort einen Tennisplatz zeigt, wohl aber Fotos von an Longierleinen geführten Pferden)
Die Insel im heute zum Wald hinunter vergrasten Schlossteich
Zäune zwischen großer Wiese und Teich zum Abhalten des Schwarzwilds.

Und weiter:
Die Allee
Die lange Wiese an der Lindenallee, zur anderen Seite hin: das Feld
Die Bahngleise
Am Alten Forsthaus dann die krasse, böse Autobahn, dahinter der Eingang in den Wald.

Im Wald:
Die mit Split und Schotter belegten Waldwege, auch Wald-Autobahnen genannt
Entwässerungsgraben entlang der Wege
Rückegassen, alle 25 Meter in den Wald hinein
Die vor zirka sechzig Jahren (1969?) gelegte Ferngasleitung
Die Schilder des Wasserschutzgebiets
Die zwei, mit Jägerzaun eingefassten Brunnen der Stadtwerke Rehau
Die Wegweiser des Fichtelgebirgsvereins
Die Kameras der Universität Bayreuth, die den Besucherstrom der Spaziergänger und Fahrradfahrer im Wald aufzeichnen
Die Waldteiche, mit dem für Waldteiche üblichen Gerät davor (Bänke, Bottiche, Eimer, Rohre, Netze)
Die Kultur der Pflanzungen, in letzten Resten noch in jener Reihe und Glied erkennbar, wie sie mein Großvater, Urgroßvater und dessen Schwiegervater vor siebzig, hundert und vor 120 Jahren dort gepflanzt haben.
Der heute von allen nicht Doofen im Wald-Business angestrebte Plenterwald: ein Produkt von Schäden durch Naturereignisse (Sturm, Windbruch, Käfer, Trockenheit), vor allem aber Ergebnis eines sehr ausgeklügelten Systems von Durchforstungen, Pflege, Läuterungen, Neupflanzungen und überhaupt das Produkt einer hochtechnisierten Waldwirtschaft mit Harvestern, Rückezügen und den Holz-Transportern der Sägewerke.

Das sieht man. Was ich nicht sehe — das gibt es bei uns logischerweise nicht, das ist in ganz Deutschland nirgends mehr zu sehen: eine in irgendeine Art wild aussehende, sich wild benehmende oder an Wildnis oder an Urwald gemahnende Natur.

Sorry. 

Meine These wäre ja, dass das Unberührte gar nicht gemeint ist, wenn der Mensch von der Erholung redet — sondern ganz das Gegenteil: das Kultivierte, Gestaltete, Gefasste, Gebaute, von Menschen und ihren Maschinen Gemachte, eben das, was mit KULTUR immer gemeint ist. #normal 

Ich sehe einen Wildacker auf einer Rückegasse und denke: Aaaaaaah.
Ich sehe das im Sommer hoch stehende Gras auf der Ferngasleitung und denke: Tut das gut, mal wieder draußen zu sein!
Ich sehe das große Feld an der Allee nach dem Setzen der Zwischenfrucht im Herbst und denke: Ein Vögel müsste man sein! 

Und tatsächlich, nächste These des Waldmenschen: Es ist eine Erholung ja nur dann machbar, ist der Mensch in dem vom Mensch gemachten Kulturraum Wald unterwegs und geht er dort spazieren. Ich etwa, der in Urwäldern selten oder, glaube ich, überhaupt noch nicht unterwegs war und wohl nur erschreckt davon wäre und nichts damit anzufangen wüsste (Buchen-Urwälder in den rumänische Karpaten, Regenwälder im Kongo, in Brasilien und Papua-Neuguinea), kenne ja kaum einen anderen Wald als unseren guten alten mitteleuropäischen, oberfränkischen Wirtschaftswald.

I love hochtechnisierter Wirtschaftswald, I need it für meine Erholung. Alles klar. 

Und heute dann noch: Heizungs-Totalausfall, der Keller steht unter Wasser. Die Profis vom Notdienst der Sanitärfirma Münster/ Schauenstein sind schon da und tun ihre Arbeit, schnell, effektiv, mit dieser ganz eigenen, sehr schönen Handwerker-Gelassenheit.

Christl sprach gestern — schon im Moment des Aussprechens war es ganz unvergesslich und ein instant Klassiker — von einem in der Region bekannten Feigling, das ist bis heute sein Spitzname, mittlerweile ist er (geschätzt) 92 Jahre alt. Zu seinem Namen kam er, der heute noch in der Region Prominente, weil er mit dem Trinken, Rauchen, Fleisch-Essen stets zurückhaltend umging: zu feige zum Rauchen, zu feige zum Trinken, zu feige zum Schäufele-Essen, ein Feigling eben. Dafür ist der Feigling heute schon älter als viele andere und hat das ewige Leben. 

Am Abend Podiumsdiskussion der Bürgermeister-Kandidaten in 95100 Selb im Rosenthal-Theater. Die AfD hat offenbar keinen Kleinkriminellen, verwirrten Ex-Händyverkäufer oder sonstigen Schwachkopf gefunden, den sie ins Rennen schicken konnte — auch keine abgedriftete Heilpflanzenkundlerin, Anti-Pharmaindustrie-Aktivistin, Großer-Austausch-Spinnerin oder Ex-SED-Funktionärin, die sich dann, wie üblich, doch jeder öffentlichen Diskussion verweigert hätte. 

In Selb, so sagen das alle Straßenumfragen und gefühlten Prognosen, wird noch mal der Ulrich Pötzsch gewählt, Ex-Fahrlehrer und Aktiver Bürger (seine Partei) — auch er scheiterte daran, einen ominösen Investor aus dem Saarland auf seine Zusagen zum Neuaufbau der Innenstadt zu verpflichten. Im blauen Anzug aber sieht Uli Pötzsch absolut passabel aus — dem Kleinklein der Lokalpolitik tritt er mit einer noch auf der guten Seite der Resignation stehenden Ruhe und Gelassenheit entgegen und, das wird im Ort honoriert, mit einem Kompass des Anstands und der guten Manieren.

23. Februar 2026, Montag

Was immer so alles los ist hier, an irgend so einem Wochenanfang im Februar! Man denkt, es ist doch nichts, ich habe doch hier praktisch nichts zu tun, und dann ist doch wieder Einiges:

Grüß Gott sagen.
Noch mal Grüß Gott sagen.
„Bis später“ sagen.
„Lang‘ scho‘ nimmer g’sehn, geht‘s Ihnen gut?“ sagen.
„Eine Süddeutsche und die Frankenpost, bitte“ sagen.
„Einen halben Frankenlaib, bitte“ sagen.

Stiefel an.
Die Stiefel wieder aus.
Schwere Jacken ausziehen und zu den anderen schweren Jacken in die Garderobe hängen.
Jacke wieder an.
Fahrt zum Rathaus, Wahlunterlagen abgeben.
Edeka.
Überhaupt viel Fünf-Minuten-Fahrten mit dem Forester, rein in den Wald, vor, zurück, an Waldwegen parken — jetzt verstehe ich, warum mein Großvater, legendär, nie zu Fuß gegangen ist im Wald, jeden Meter mit dem R4 —, und wieder raus.
Ganz wichtig: das Fenster immer offen haben im Forester, auch an Regentagen, damit die LUFT reinkommt.

Gassen ablaufen: oben an der Wildwiese, bis rauf zur Siedlung, den neuen Hieb begutachten. Man sagt dann immer, von Wald-Begutachter zu Waldarbeiter: „Da kommt aber doch wieder Einiges zusammen“ („Einiges“ gleich „einiges an starkem Holz“).
Herr Randolph und Dr. Jacklestone: immer ein Hightlight — die Frisuren sitzen, die Bärte sitzen, die Gags sitzen, die Laune ist top.
Mit super Herrn Kontovski, dem Allround-Handwerker, oben am Friedhof, den neuen Pavillon besprechen.
„Grüßen Sie bitte Ihre Frau.“
Merkwürdige Post angucken (Familienbetriebe Land und Forst, Bayern).
Die Zeitschrift AFZ Der Wald angucken.

„Christl, dürfen wir vorbeikommen später? Wir sind zu zweit.“ Nur Anrufbeantworter.

Zwischendrin im Deutschlandfunk gehört: Die Zölle sind offenbar jetzt echt ab morgen ausgesetzt. Wahnsinn, es geht so ab, es ist zu viel für einen alten Mann, ich komme nicht hinterher. Diese Knapp-Achzigjährigen (Trump) — kann er mich mit seiner Virilität bitte mal 24 Stunden lang in Ruhe lassen!

Die Grönland-Lektion wirkt. Bei diesem Präsidenten kann man zugucken, wie sich die Welt nach der anfänglichen Angststarre und dem ganz falschen Weg des Ihn-besänftigen-Wollens (Ursula von der Leyen und die EU) nun, wegen akutem Wahnsinn, immer mehr von ihm abwendet. Und ihn — Präsident hin, mächtigster Mann der Welt her — einfach wie den armen Irren behandelt, der er ist. Lass ihn reden.

Pornografie.

Und dann ist es wieder Abend.

19. Februar 2026, Donnerstag

Und hier weiter: Bayrischzell.

Mich hatte gerührt, das geht ja gar nicht anders, wie die Burschen, alle um die fünfzig, sechzig, in guter, also streng altmodischer Tracht — die Hüte: die Tegernseer Form mit gerader, langer Krempe — vor dem Klosterhof zur Post gestanden hatten, alle schon gut einen im Tee, Faschingsmontag war es, traditionell offenbar ein Stammtisch-Saufabend, kurz nach neun Uhr abends, also für Bayrischzell-Verhältnisse schon nach Mitternacht. Und der mir aus dem Salomon-Ski-Verleih bekannte Franzl, mega-fröhlich, unsympathischer Typ, hatte mir den Sepp, der schwankend neben ihm stand, vorgestellt.

Sepp, auch ganz normal superfröhlich, mich begeistert anstierend, er machte könnerhaft einen Taumelschritt in meine Richtung:

„Du, wo kommst denn du jetzt hier?“

Dann noch mal, mindestens drei-, viermal, immer wieder von vorne, den selben Satz:

„Du. Wo kimmst denn du jetzt her?“

Abgesehen davon, dass jeder weiß, dass selbst die unlustigsten Sätze durch brachiale Wiederholung irgendwann superlustig werden — das war jetzt schon besonders lustig hier.

Sepp mit dem wunderschönen Hut in Tegernseer Form sagte jetzt, und da verstand auch ich, dass dieser feine Freund des Salomon-Franzl gerade die immer gute bayerische Mischung aus Servus sagen und mich a bissl blöd anmachen anwandte:

„Du, du fährst aber Langlauf, oder? Oder fährst du Ski?“.

Franzl, mir freundlich zur Hilfe eilend: „Spinn ned, Sepp, des ist der Moritz, der fahrt Ski. Des is a Stammkunde, der kimmt seit Jahren zu mir.“
„Guter Hut, Sepp“, so ich jetzt zum Sepp.
Sepp: „Moritz, weiß du scho‘, dass ich in diesem Jahr als Tourismus-Botschafter von Bayrischzell kandidiere?“

Große Freude, Gelächter, ich ging dann wieder an meinen Familientisch nach drinnen.      

Nach dem Skifahren dann: Hängen mit den AfD-Wählern, eventuell auch mit den AfD-Funktionären aus Sachsen-Anhalt und aus Thüringen in der Bio-Sauna im anders brutalen, erst vor wenigen Jahren eröffneten (Juli 2020, siehe Website) Sport- und Kinder-Hotel „Das Bayrischzell“.

Wie würde man einer Zürcherin (Anna) erklären, warum Deutschland für immer, wirklich immer — sagen wir, 155 Jahre nach Reichsgründung, gut 35 Jahre nach der Wiedervereinigung und 31 Jahre nach Christian Krachts Faserland — das hassenswerteste Höllenspießerland auf Gottes weiter Erde bleiben wird? Das überlegte ich, während ich mit den AfD-Schinken in der Bio-Sauna schwitzte. In etwa so:

Sie haben gutes Geld, aber Sparen ist trotzdem ihr absolutes Lieblingsthema.
Sie geben sich Tipps, wo sie für einen Euro einen Schlitten leihen können und wo es noch größere Portionen für noch weniger Euros gibt („Da kannste nicht meckern“).
Sie sprechen die ganze Zeit nur von ihren unbegabten Kindern.
Sie sagen „Kids“.
Sie wollen Chicken Wings und Pommes, für sich und ihre Kinder.
Sie wollen Bio (ja, auch Bio Chicken Wings).
Sie trinken noch nicht mal mehr Bier (und wenn doch, dann alkoholfreies Weizen).
Sie tragen ekelhafte Funktionskleidung.
Sie tragen ihre ekelhaften Fitness-Puschen beim Frühstück, draußen im Schnee vor der Hoteltür, wo sie eine rauchen gehen, sogar abends im Hotelrestaurant.
Sie haben schinkengroße Tatoos auf der Brust.
Sie sind gepierct.
Sie sprechen schnelles, hektisches, hanovranisch klingendes Hochdeutsch, damit man nicht hört, dass sie aus den noch immer neuen Bundesländern kommen.
Sie zahlen bar.
Sie wählen AfD.
Sie rechnen mit.
Sie sind für die Kultur.
Sie lesen schon lange keine Zeitung mehr.
Sie wollen ihre Schamhaare immer ganz sauber wegrasiert haben (igitt).
Sie wollen keinen Geruch.
Sie wollen keinen Sex.
Sie wollen den Wunder-Baum „Tannenduft“ fürs Auto.
Sie wollen sich ihre hässliche Meinung nicht verbieten lassen.
Sie wollen sich überhaupt nichts mehr verbieten lassen.
Sie gehen in Swingerclubs.

Haha.

Meine Freundin Anna weiß das ja alles sowieso.

Ihr Lieben.
Süßen.
Meine Freunde.
MEINE Meinung.
Meine NSDAP.
Meine garantiert nicht mehr gesichert rechtsradikale Jugendorganisation der AfD.
Meine Heidi Reichinnek (derzeit in der Kritik wegen eines Audi A8).
Meine Bio Iced Caramel Macchiato Frappuccino (fuck off).

Habe ich — ganz persönlich: ich — verstanden, dass sich Deutschland, wie immer wieder gesagt wird, „in einer Art Kriegszustand“ befindet, oder „noch nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden“, wie die Politiker in fast schon verzweifelter Deutlichkeit immer wieder beteuern, weil die Russen seit Jahren — was in uns begriffsstutzige Deutsche auch immer wieder und oft wohl ergebnislos gesagt wird — einen hybriden Krieg gegen uns führen?

Echt: noch nicht.
Also: nein. Noch nicht verstanden.

MadW fordert eine Generalmobilmachung des Geistes. Und, daraus folgend, wie heißt das: des Bewusstseins.

(Und ey, natürlich liebe ich Deutschland.) 😘😘

18. Februar 2026, Mittwoch

Das depperte Skifahren, ich bin zu sensibel dafür — kein besonders originelles Charakter-Merkmal, finde auch. Ich kann mir eigentlich keinen mit vollen Sinnen ausgestatteten Denker, Schreiber, feinen Freund des Hauses vorstellen, der das gerne tut, dieses Sich-in-diese-Plastik-Schuhe-Hineinzwängen (Skischuhe), sich da anstellen (Parkticket kaufen, Skipass kaufen, dann immer wieder im Schieben, Schubsen und Mit-Skistöcken-Stechen am großen Sechser-Lift anstehen), zur Mittagspause beim Germknödel und Pfannakuacha-Suppn bestellen in der Skialp den Prollo-Gabba-Après-Ski-Techno von den Atzen in die Ohren geballert bekommen (Was geht ab/ Wir feiern die ganze Nacht). Andererseits, was soll das sensible Rumgetue: We’re kind of really enjoying it here, folks.

Das wunderbar abgemeldete Bayrischzell (natürlich drängt auch hier schon viel Wellness-Fitness-Salat-Deutschland in den Ort, aber noch geht es): Das einst berühmte Dorf liegt hinter dem im Sommer von scheußlichen Angeber-Cabrios aus München belagerten Schliersee, eben ein paar entscheidende Kurven weiter, aus irgend einem Grund gelten hier andere Gesetze. Man fühlt an vielen Ecken, welchen hübsch bescheidenen Glamour das hier in den Fünfziger- und Sechzigerjahren gehabt haben muss — den von viel Nachkriegs-Erschöpfung, lecker Obstkuchen mit Sahne, Schlager von Roy Black und Peter Alexander und der Kaminbar mit Hammond-Orgel: das schöne Hotel Klosterhof zur Post, Foto-Huber (Fotos und Andenken), Sparkasse, Fünfzigerjahre-Rathaus, das heartbreaking „Haus der Geschenke“. Der in Bayrischzell servierte Schweinsbraten ist angenehmerweise auch nicht besonders gut, eher so eine sympathische 4+. Kommt an meine Herz, deutsche Fünzigerjahre.

Über die Söder-Tochter Gloria-Sophie Burkandt muss ich noch mal diszipliniert nachsitzen, also nachlesen (Süddeutsche, Bild-Zeitung etc.): Wer ist das noch mal? Warum sollen wir uns für sie jetzt noch mal interessieren? „Schon länger gibt es Gerüchte …“, ah ja (die Söder-Töchter, 27, und der neunzigjährige — oder ist er erst siebzig? — Google-Milliardär namens Eric Schmidt). Ein Satz aus der menschenfeindlichen Klatsch-Logik, so in der Süddeutschen: „Weil sich die beiden selbst nicht äußern, bleibt viel Raum für Deutungen.“

Vorschlag aus der hier zum Skifahren angereisten Familie: Heute mal keinen Kaiserschmarren. Wie heute mal keinen Kaiserschmarren, was ist denn das bitte für ein vollkommen in falsche Richtung gehender Vorschlag? 😘😘

Abfahrt von Martin Purwin nach 14974 Ludwigsfelde/ Brandenburg nach zwei Tagen Besuch in Bayrischzell. Jetzt kann er, der liebe Freund, auch noch richtig altmodisch gut und elegant Ski fahren, war ja klar (Parallelschwung, Baby, nichts da Carving), es ist die in Düsseldorf ausgebildete Disco-Schule der späten 1980er-Jahre, die kann alles.

Meldungen aus dem Wald, Telefonat mit dem Herrn Betriebsleiter: Der Harvester ist vom Pfarrhausweg an die Alte Rehauer Straße umgezogen. Die Böden sind wieder hartgefroren — das finden wir natürlich gut, weil der Rückezug so weniger Zerstörung in die Gassen anrichtet.

Jetzt verpasse ich, das kann mir als alter Heimat-Freak auch nicht recht sein, den Lars-Klingbeil-Auftritt am Ascherdonnerstag in 95709 Tröstau, am Freitag dann noch den vom SPD-Ortsverein ausgerichteten Preisschafkopf im Vereinsheim des 1. FC Schönwald 1916 e. V.. Erster Preis: eine 3-Tagesfahrt nach Berlin für zwei. Schenga Gruaß. Haut rein.

14. Februar 2026, it’s Saturday

Anderer Gedanke: Ich würde AUCH gerne mal wieder etwas anderes tragen als meine alte, grüne Trachten-Strickjacke mit Hirschhorn-Knöpfen. Aber ey, mir passt nichts mehr anderes. 😘😘👋 (Verlotterung, aber, sorry, in gut).

Frankenpost: Bitte ganz schnell Karten für die Podiumsdiskussion in der Stadthalle Marktleuthen zur Landratswahl in Wunsiedel buchen, sonst sind die alle ausverkauft. Mit den Kandidaten von CSU und SPD und dem nach magenkrankem Handyverkäufer aussehenden Kandidaten der AfD (fuck off).

Ich glaube leider nicht an den eitlen Bock Gavin Newsom in Kalifornien, leider, leider. Er hat eine Obsession mit der Dummheit und Brutalität des regierenden Präsidenten, nachvollziehbar, wir alle haben die. Aber das reicht nicht, um der nächste Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Kann bitte einer den kalifornischen Gouverneur bei der Münchner Sicherheitskonferenz, wo er gerade krawattenlos Wasser ohne Sprudel trinkt, zur Seite nehmen und ihm sagen, dass er anfangen soll, über ein Land ohne Donald Trump zu reden?

Demokraten: Bitte einen neuen Kandidaten aufbauen — jetzt, JETZT, noch vor den Zwischenwahlen! Danke.

Fernbeziehungen, liebe Freunde, das ist etwas für echte Könner und für sehr erwachsen Leute. Auch immer gut: Wenn man sich echt gut findet, also sehr, sehr sicher ist miteinander. Sorry, sorry.

Do I believe in my Fernbeziehung? Yes, I do.

„Mild und nussig“, das ist so genial getextet (das Käse-Duo von Grünländer, in extra viel Plastik eingeschweißt, zwei mal sieben Scheiben). So vieles im Leben sollte mild und nussig sein.

Margaret Qualley in Vanity Fair und bei Mel Ottenberg, dem Kreativdirektor und Chefredakteur von Interview — das ist die, die in Once Upon a Time in Hollywood am Straßenrand den Daumen rausstreckt und Brad Pitt in zwei Sekunden fertigmacht. Du hast ja vollkommen recht, liebe Margaret Qualley, nutz deine Chance, go, go, go, auch wir hier in Oberfranken schauen da mit Interesse und mit Wohlwollen zu.

 

13. Februar 2026, Freitag

Ich habe keine Lust, über die scheußliche Epstein-Files zu lesen und nachzudenken, aber ja, ich verstehe schon: Man muss irgendwie.

Worin liegt die so brüllend laute Überforderung/ das genuin Böse der sogenannten Epstein-Files?

Natürlich im Systemischen, im offenbar so genau Durchorganisierten der Sexualdelikte. Dieser eben auf interessante Art ein wenig grob und brutal aussehende, so weltläufig und charmant auftretende Gentleman spann über Jahrzehnte ein Netzwerk der Abhängigkeiten, der Gefallen und Gefälligkeiten, offenbar aber auch einfach des „Schön, dass wir uns mal kennenlernen“, des beruhigenden Gefühls, dass man unter sich bleibt und mit anderen lässigen, nicht protzenden, angenehm dezent auftretenden, graue T-Shirts tragenden Milliardären verbunden ist. Zuletzt aber zeigte sich die Unfassbarkeit der Epstein-Verbrechen und des absolut Bösen in der Veröffentlichung einer praktisch von niemandem mehr zu bewältigenden Menge an Material:

Dass da nicht viel oder nur sehr viel veröffentlicht wurde, sondern eine wahre Flut von bisher 3,8 Millionen Seiten (es sollen, wenn alles draußen ist, dann sechs Millionen Seiten sein) von Unterlagen und Dokumenten, von Emails, Fotos, Gesprächsmitschriften, Videoschnipseln — es setzt nicht nur Ermittler, Journalisten, Staatsanwälte und Beamte faktisch außer Gefecht und stellt eben wegen der schieren Masse des Materials eine Implosion des Bösen/ einen Tilt jeder moralischen Kategorie dar; es lag in dieser so gewaltigen Veröffentlichungs-Aktion natürlich auch ein großer TRAUM DER KUNST (man wird zwangsläufig an Karlheinz Stockhausen erinnert und sein Bildnis des Anschlags auf die World Trade Center als „das größte Kunstwerk, das es je gegeben hat“, eine Sicht, die damals so nachvollziehbar und irgendwie sympathisch impulsiv wie komplett durchgeknallt und abgehoben wirkte und für die er, der weltbekannte Komponist und Radikalavangardist, zurecht große Empörung und großen Widerstand auf sich zog).

Alles, alles liegt plötzlich offen da (stimmt das überhaupt? Ist das nicht das besonders Eklige an den Epstein-Files, dass immer noch so viel geschwärzt und im Verborgenen bleibt?), ist für jeden einsehbar, verfügbar, erhältlich, der ganze Schmutz, die ganz Wahrheit, the whole tableau of scum, alle banalen Zwischentöne, alle Gleichwertigkeit und Gleichzeitigkeit von Schönheit und Hässlichkeit, eine Abschrift aller Radikal-Menschlichkeit auf Erden — es sind ja nicht viele Bösewichte beteiligt, sondern praktisch alle Bösewichte auf Erden und der Gegenwart und der letzten dreißig Jahre, nicht fast jeder Politiker und Unternehmer-Tycoon, sondern wirklich jeder zehnte Politiker und Tech-Bro der westlichen Hemisphere (die immer schon ekligen genau so wie die sympathischen, die sehr bekannten genau so wie die weniger bekannten), nicht viele Abgründe, sondern jeder denkbare menschliche Abgrund. Und der Gipfel des Bösen, die Verschwörung aller bösen Mächte dieser Welt ist dann wirklich das — es klingt so, als träfen sich drei verblödete AfD-Onkel auf einem Kaiser-Parkplatz in Brandenburg und tauschten Verschwörungstheorien aus: Kinder-Ficken gehen auf einer privaten Luxusinsel in der Karibik. Oder wie es in einem heute sachlich opportunen Deutsch heißen muss: sexualisierte Gewalt an Minderjährigen in einem unvorstellbaren Ausmaß.

Ich sage nur: Aber Radwege in Peru bauen, das könnt ihr!

Mein Besuch Paul filmte nun den weiten Weg durchs Haus, von seinem „Theaterzimmer“ genannten Zimmer der Gästewohnung bis in mein Wohnzimmer — Gang rein, Gang raus, Treppe runter, Treppe rauf, Tür auf, Tür wieder zu — und schickte das Video an einen Kumpel in Zehdenick. Der Kumpel: Wo wohnt der da? Ist das ein Lost Place? Hahaha!

Noch mal kurz zu den sprichwörtlichen Radwegen in Peru: Um 2020 war das Verkehrsprojekt „Radwege in Peru“ (angeblich zwanzig Millionen Euro deutsche Steuergelder) bekannt und dann sehr schnell zu DEM Symbol für eine irre und fehlgeleitete grünen Verkehrspolitik geworden, eine Kurzformel für Weltfremdheit und Sinnlosigkeit deutscher Entwicklungspolitik, überhaupt Fragwürdigkeit europäischer Klimapolitik etc. pp.. Wurde seither an deutschen Stammtischen, in Zehdenick oder in Oberfranken, ein Missstand in unserer deutschen Heimat erörtert, so endete das Gespräch recht zuverlässig mit dem Ausruf: „Aber Randwege in Peru …“. Ja.

Wir schauten dann in unserer sehr schönen Besetzung — Andi Bernard und Paulchen Seehausen — das Pokalspiel des RasenBallsport Leipzig gegen den FC Bayern München. Und kamen, ganz normal, wieder in das komplett asoziale, dabei sehr vergnügliche Über-David-Raum-Schimpfen hinein — den mit hässlichen Tatoos übersäten und nach Pornodarsteller aus der mittelfränkischen Provinz aussehenden Links-Außenverteidiger des RB Leipzig und der Nationalmannschaft:

Raum, du scheußlicher Tatoo-Freak!

Paul erzählte jetzt, sehr lustig, dass er es mit seinen 1,92 Meter Körpergröße — abgesehen von der offenkundigen Tatsache, dass Frauen die großen Männer halt einfach die besseren finden — stets vergleichsweise leicht gehabt habe im Leben: „Die Leute sagen, der Lange da, der ist kompetent, der soll ditt mal machen.“

Mitten im Gespräch erklärte Paul dann auch noch, dass die Diskriminierung sexueller und ethnischer Minderheiten ab sofort vorbei sei — das sei nicht mehr cool beziehungsweise noch nie cool und immer schon ganz falsch gewesen, aber: „Ab sofort bin ich für Alters-Diskrimierungen, also das Ausgrenzen von über sechzigjährigen Mitmenschen — das ist jetzt mein On.“

Und noch mal zurück zum tätowierten, so sehr nach böser Provinz und dummen Deutschland aussehenden RB-Leipzig-Spieler: Paul behauptete jetzt, wieder superlustig, David Raum sei die allerneueste Entdeckung in den 3,8 Millionen Seiten der Epstein-Files — soeben, also praktisch vor fünf Minuten, auf Social Media und bei Bild Online gemeldet. Nein! NEIN, das konnte doch nicht wahr sein! Und noch ehe ich verstand, dass das natürlich Quatsch war und der arme Außenverteidiger in jeder und auch dieser Hinsicht jeder Schuld unverdächtig, hatte es vor dem Fernseher, in dem der FC Bayern mit 2:0 führte, schon wieder einen Lachanfall gegeben.

„Sie können täglich eine halbe Stunde Sport treiben“, so mein Arzt im Ärztehaus in 95173 Schönwald (berät mich, wenn meine Berliner Ärzte gefühlt einfach zu weit weg sind), „also eine halbe Stunde auf dem Kettler-Rad fahren, oder Sie gehen — in Gottes Namen — zur Christl und trinke dort zwei große Bier.“ Ach ja? Ist das echt wahr? „So ist das, es läuft in etwa aufs Selbe hinaus.“ Ach ja, es ist natürlich nicht wahr, kein Arzt hat je so etwas Schönes zu mir gesagt — natürlich nicht. Aber ja, man wünscht es sich natürlich.

Noch gestern hatte Christl kurz am Telefon durchgegeben: Nach einer Beerdigungsrunde mit knapp 35 Leuten müsste sie heute Abend noch zwei Teller selbstgemachte Fischsuppe übrighaben. Wir sollten halt mal bei ihr vorbeischauen, dann so gegen sieben.

10. Februar 2026, Dienstag

Die ganz eigene Sorte Gespräche, die man mit Dr. Jacklestone — the man on the Harvester — führt. Sein Prinzip: Er lacht, sucht immer einen Grund, sich zu freuen, er hat aus tiefstem Grunde gute Laune. Wenn er von Festmetern erzählt, von Sturmschäden, Kronenbrüchen, Faulstellen, von astfreiem Langholz für die Sägewerke Weiser, Künzel und Kaiser, von den Sortimenten à vier Metern, 5,10 Meter und 2,50 Meter, it always happens with a big smile on his face.

Soeben meldet sich ein Martin bei ihm, das ist der John-Deere-Händler, der ihm im Herbst das letzte Wald-Fahrzeug verkauft hat. Die Software spinnt, muss neu geladen werden.

Weißt du, wo ich bin, fragt Jacklestone seinen Martin.
Sicher weiß er das, so Martin, er trackt doch alle John-Deere-Harvester, die er im letzten Jahr verkauft hat, über GPS auf seinem iPad, er kann also immer einfach nachschauen, wo Jacklestone sich mit seinem Neufahrzeug gerade hinbewegt.

„Den Kaffee für dich mit Milch, Thomas?“
„Komm halt einfach her, Martin.“
„Geht klar.“

Währenddessen: Mr. Randolph macht bittere Witze über unsere Regierung und den Zustand unseres Landes. Hintergrund: Sein Auto ist kaputt, schon wieder, und auf der Autowerkstatt geht nichts voran. Bei mobil.de mal geguckt, da verlangen sie für Schrottautos 7.000 Euro, da wärst du doch einfach blöd. In Randolphs Logik — vielleicht hat er einen Punkt, ich kann das schwer beurteilen: „Die Ukraine kriegt von uns, was sie gerade braucht, aber im eigenen Land kommen wir mit den Ersatzteilen nicht hinterher. Das ist doch eine Scheiße.“ Scheiße! Scheiße!

Fürst Harald Schmidt meldet sich noch mal aus dem Off (keine Ahnung, wo er mittlerweile arbeitet — hat er noch irgendeine Bühne, jenseits dieses Komödien-Stadls in Nürtingen, wo er noch ab und zu auftritt?). Er spricht für alle, die in den letzten zwanzig Jahren im Zug versucht haben, eine Zeitung zu lesen:

„Wer beruflich im Zug telefoniert, macht was falsch, finde ich. Kannst‘ gleich ein Schild drum machen: Bin ein Loser.“

Soll gegen 15 Uhr eintreffen und wird schon freudig erwartet: Paul Seehausen, Held aus Deutschboden I und II in 16792 Hardrockhausen/ Zehdenick.

Was möchte uns der nasse Schnee im Wald sagen, der schwer und fest und grau die Waldböden verschließt und nicht schmilzen möchte?

Vielleicht das: Versteh, Mensch, dass das graue kalte Nass die Schwachen vollends erschlaffen und aufgeben lässt — die Starken aber, zu denen du gehörst, erschaffen Großes! Wirf deine Fantasie an, deine besten Launen, deine Einbildungskraft, deine schwersten und am dunkelsten brodelnden Motoren, ERSCHAFFE WELTEN, du müder, alter Mann, motherfucker, komm, komm, trotz der Wintermüdigkeit!

Okay.
Okayy.

8. Februar 2026, Sonntag

UNRUHE.

Mein Freund Adalbert Stifter, ein Kenner der Bäume und der Charakterologie der Bäume, schreibt über die Espe: Als Gott der Herr noch höchstpersönlich über die Erde wandelte, beugten alle Bäume ihre Häupter zu ihm herunter, nur die Espe nicht, „darum wurde sie gestraft mit ewiger Unruhe, dass sie bei jedem Windhauche erschrickt und zittert, (…), so dass die Enkel und Urenkel jenes übermütigen Baumes in alle Welt gestreut sind, ein zaghaftes Geschlecht, ewig bebend und flüsternd in der übrigen Ruhe und Einsamkeit der Wälder“ (Stifter, Der Hochwald).

Stimme aus Schönwald, wohlmeinend, trotzdem aufgebracht: „Wart ab, es dauert bei dir fei auch nicht mehr lang, da sitzt du selbst in Windeln da“ (zu meinem voll lustigen, aber auch bissl verächtlichen Eintrag über Leonard Cohen gestern). Da habt ihr recht. Ich hätte jetzt fast „Demut“ gesagt, aber Demut ist doch so eine hart abgenutzte, verlogene Insta-Vokabel.

Alice Schwarzer hat es satt, über Gefühle zu reden. Große Alice. Und gleichzeitig hat sich natürlich das Problem von vielen Alten, die einst Bahnbrechendes geleistet haben. Sie hört nicht mehr, was die Leude um sie herum sagen. Sie hört sich selbst nicht mehr. Gehör weg. Taub.

Obwohl, ich nehme das sofort wieder zurück — ist das wirklich eine störrische, eine nicht mehr erreichbare Alice Schwarzer, die da in den Interviews des Wochenendes spricht?

Sie möchte nicht ernüchtert sein (gut!). Sie möchte gut aushalten, weniger in Talkshows eingeladen zu sein (auch das ist stark). Sie möchte „ambivalenzfähig“ sein (oh Gott, kann man diesen Begriff wegen Scheußlichkeit nicht auch gleich noch mal zurückziehen? Wenn Simone Beauvoir gewusst hätte, dass auch sie ambivalenzfähig war!).

Das liest sich gut, wie Alice Schwarzer dem tighten Fragen-Skakkato in Zeit und Süddeutsche mit ihrem Temperament (!!) begegnet. Ja, mit ihrem Genervtsein über das ständige Verletztsein ihrer Kritikerinnen hat sie einen guten Punkt — nicht, weil Verletztsein nicht erlaubt wäre oder manchmal auch etwas sehr Schönes sein könnte, sondern weil es in den letzten Jahren die inflationär eingesetzte und daher etwas stumpf gewordene Waffe in den Geländekämpfen der Identitätspolitik war. La Grande Dame Alice Schwarzer: „Das verletzt mich nicht, es empört mich.“ Und das noch: „Ich habe ein unerhört sinnvolles, erfülltes Leben geführt und führe es noch.“ BIG.

Heute schreibe ich mal nur ein Zehntel dessen, was mir durch den Kopf geht, man muss haushalten, ist besser für dieses Internet-Tagebuch hier.

I am in love with my girl.

Ja, das ist die Frage bei Kindergeburtstagen: Wie wird man die Eltern wieder los, die unten im Flur stehen und einen doof angucken. Möchtest du noch auf ein Glas reinkommen? SCHEISSE.

„We don‘t listen and we do judge“ (Alicia Florentina Pawelczak).

7. Februar 2026, Samstag

Es gibt nur ganz, ganz wenig Popmusik, die ich nicht kenne, eben mit einigen wenigen Ausnahmen, sagen wir: Von geschätzt Tausend Bruce-Springsteen-Songs habe ich etwa 950 noch nie gehört, aber ich wusste natürlich immer, wie gut er ist, klar, klar), ich würde schon auch sagen, dass ich im amerikanischen P-Funk um 1970 (George Clinton) große Lücken habe, weil mir diese Musik einfach total fremd ist und ich sie scheußlich finde. Richtig, im Jazz kenne ich mich null aus, peinlich (ja wirklich, den ganzen Jazz, vom Swing der 30er- und 40er-Jahre bis zum Bebop, Cool Jazz und heutigen Spielarten, keine Ahnung, harte Lücke, ich weiß — im frühen Blues dagegen, Muddy Waters, Howlin’ Wolf, John Lee Hooker, bin ich wieder sehr gut). Ansonsten kenne ich wirklich alles. Und ich meine es genau so: Ich kenne alles, ich liebe viel davon.

Letzte Woche traf hier von einer guten Freundin — ich habe sie sehr gerne, weil sie intelligent und auch sehr unterhaltsam ist, sie weiß das, wir beide wissen das — ein Pappkarton mit einer Langspielplatte per Post ein (man sieht ja schon am Karton, dass das nur ein Schallplatte sein kann, große Freude), ein verspätetes Weihnachtsgeschenk, wie nett ist das bitte, ich freute mich wirklich sehr und schrieb ihr auch gleich eine SMS: Freude!

Es war You Want It Darker, das letzte, im Jahr seines Todes veröffentlichte Studioalbum von Leonard Cohen (2016).

Wer war war jetzt noch mal Cohen? Weshalb kannte ich den jetzt praktisch auch nicht, wo ich mir doch immer eingebildet hatte, vor allem mit den Croonern des amerikanischen Pop (Crosby, Sinatra, Bennet, Lee Hazlewood, sogar Perry Como, natürlich Dean Martin, Nat King Cole, der riesige Sammy Davis, Jr.) ganze Jahre verbracht zu haben? Was hatte es zu bedeuten, dass ich ausgerechnet immer an ihm, beautiful Leonard, vorbeigehört hatte?

Suzanne, natürlich. Im Kopf hat man außerdem die wunderschöne blonde Frau, die auf der Rückseite eines Albumcovers an einer Schreibmaschine sitzt, schwarz-weiß, late-Sixties-artig verschwommen, umwerfend schöne Frau, kurzes weißes Kleid (oder ein nur schnell übergeworfenes Handtuch?), so etwas vergisst man nicht. Sie war seine Muse (wie muffig und alt der Begriff „Muse“ heute klingt, interessant). Und natürlich sein berühmter Satz mit dem Riss, durch den das Licht schimmert („There is a crack in everything/ That‘s how the light gets in.“).

Auf die Nüsse gegangen war mir bei ihm, dem schönen Leonard, schon immer, dass man nur ganz schwer sagen konnte, ob er nicht immer mehr Lyriker und Romancier war als Songschreiber (entscheid dich, Mann, beides geht nicht, dasselbe gilt übrigens für Maxim Biller, haha). Ansonsten war das für mich immer der Mann, der gerne sehr viele lange Interviews gab, offenbar vor allem dem deutschen Magazin-Journalismus (gefühlt jedes Jahr seit 1990 ein langes Spiegel-Gespräch). Und von dem man lernen konnte, dass man als Mann über sechzig — Legende hin, Legende her — höllisch aufpassen musste, dass einem nicht irgend ein provinzieller Stylist ein zu kleines, schwarzes Pepita-Hütchen auf den Kopf setzte („Das bist du, Leo, do it, do it“) und man auf die letzten Meter seines Lebens noch mal wie ein Leonard-Cohen-Darsteller aussieht oder einfach wie ein Idiot. Brutal, finde ich auch. Aber so war es.

You Want It Darker lag nun auf meinem Plattenspieler. Auf dem Cover: genau, der arme, natürlich sehr späte Leonard Cohen, brutal gut aussehend, keine Überraschung (er sah ja stets brudal gut aus, ein Weiberbeld, berühmt), wie immer schwarz-weiß fotografiert, aber eben leider — haha — mit dem komplett lächerlichen Pepita-Hut.

Chöre. Huhu. Huhuuuuu. Gezupfter Bass. Hammond-Orgel. Slow Tempi. Leider gleich keine angenehmen Assoziationen, es klingt so dumm raunchy, wie in einem Bräunungsstudio oder in einem Erotikclub in irgend einer westdeutschen Kleinstadt.

Cohen spricht, oh Gott — er singt nicht, er raunt mit dieser uralten, sich selber für weise, sexy, broke, gut heruntergekommen, hundertfach gebrochen und total unwiderstehlich haltenden Flüstern-Raune-Stimme (Leonard-Cohen-Fans kennen das natürlich, aber ich, Entschuldigung, höre das zum ersten Mal):

If you are the dealer/
I‘m out of the game/
If you are the healer/
I‘m broke and lame.

HAHAHA!

Was ist das bitte für ein müder, alter Post-Sex-Post-Oralverkehr-Post-Fortpflanzungsfähigkeit-Eierschaukel-Altersheim-Erotik-Sound? Für mich klang das einfach nach alter Mann in Windeln. Erotisch raunen beyond der 75 — Vorsicht: schlechte, ganz schlechte Idee!

Jetzt lese ich gerade, wie man das mittlerweile so macht, auf ChatGPT nach, von was der Leonard-Cohen-Song You Want It Darker offenbar handelt, und fühle mich natürlich gleich ganz schlecht: naher Tod, Abschied, Spiritualität, Reflexion des Prozess des Sterbens, solche Sachen. Um Himmelswillen. Okay!

Er muss doch über seinen nahen Tod einen Song machen dürfen, wenn er sein Leben lang — mit der Bewunderung und dem Applaus der Welt — über die Dinge gesungen hat, die ihnen bewegen.

Aber warum, verdammt, kommt das beim bösen Mann aus dem Wald so überhaupt nicht an? Warum berührt es mich nicht? Ich habe doch sonst für so viel schlechte Kunst — RTL, Werbung, deutsches Kino, Elton John, Mascagnis Cavalleria Rusticana, das britische One-Hit-Wonder Cutting Crew, den späten und natürlich den frühen Rod Stewart — ein riesengroßes Herz.

Das könnte die Erklärung sein: Leonard Cohen, vor allem der späte Cohen, ist zu gut gemachte Kunst für uns manchmal lowe, etwas begriffsstutzige und immer gut zugenietete Eulen im Wald. So wird es sein. Jedenfalls freue ich mich, mit der sehr guten Freundin — Anfang März möchte sie hier vorbeikommen und ein paar Bier trinken mit mir im Wald — das späte Leonard-Cohen-Album noch einmal aufzulegen. Und mit offenen Ohren einfach hinzuhören. Auf eine Art, liebe Freundin, das merkst du, ist das Geschenk ja jetzt schon ein voller Erfolg, weil es den MadW-Autor — trotz massiver Einsamkeit, trotz leichtem grippalem Infekt, trotz Edeka-E-Center-Depression und Samstagnachmittag-Melancholie — so in die Gänge gebracht hat. Thank you!

Mein Tipp: Der zweite Song auf der zweiten Langspielplatten-Seite ist nicht so dumm.

Am selben Abend, gegen 19:15 Uhr: Der Schwarze Peter schickt ein Foto. Aus einem Fenster seines Cafés, dem alten Bahnhof in Selb, hängt ein Bettlaken mit der Aufschrift „Nie wieder Faschismus“. Im Saigon, dem vietnamesischen Restaurant gegenüber, soll, so weit nicht bestätigte Gerüchte, am heutigen Abend, also gerade jetzt, eine AfD-Versammlung stattfinden. Fuck off.

 

6. Februar 2026, Friday

Schon gestern Abend auf die Idee gekommen, mit Blick auf diesen wieder sehr langen, schwer verhangenen und februarig milchig weißen Tag den in der Zeitungskritik auf mich ganz sympathisch wirkenden Film Extrawurst im Kino anschauen zu gehen — den deutschen Hitfilm der Saison, eventuell auch die deutsche Gesellschaftssatire dieser Tage: oh je.

Kino? Genau, das ist das in deutschen Fußgängerzonen, wo man eine Tüte Popcorn kauft und dann auf sehr bequemen Sesseln mit anderen Menschen, die man noch nie gesehen hat und wahrscheinlich nie mehr wieder sieht, vor einer leider oft dann doch zu kleinen Leinwand sitzt. War, so etwa von 1930 bis 1998, neben der Popmusik die populäre Kultur weltweit. Im Prinzip: ganz okay.

Also Anfahrt Central-Kino in der Fußgängerzone, Altstadt 8, 85028 Hof. Die schönste Kinozeit, nämlich 14 Uhr am Freitagnachmittag — die Vorstellung für Arbeitslose und Schülergruppen.

Man dachte: Ein Film mit Harpe Kerpeling kann ganz scheiße nie sein, und tatsächlich: Zumindest er — dieser große Gentleman, unser Ersatz-Bundespräsident (bitte, wie toll war neulich seine Rede auf Norbert Lammert!) und Botschafter des deutschen Gemüts — zumindest er kriegt es hin, während der ersten Stunde des Films nicht einen schlecht sitzenden, die Zuschauer verratenden Satz zu sagen (nach etwa einer Stunde entschied der Kritiker sich trotzdem, den Saal zu verlassen, es ging nicht mehr weiter). Neben ihm, Hape: das im Prinzip ganz okaye Zusammenspiel ganz okayer, eher schon wirklich guter, ganz klar sympathischer deutscher Filmleute (Christoph Maria Herbst, Friedrich Mücke, der Jerks-Typ Fahri Yardim, eine Anja Knauer). Man sieht ihn, diesen Cast, in den Drehpausen zueinander sagen: Komm, das kann jetzt endlich mal wieder ein Film werden, für den wir uns nicht schämen müssen — gleichzeitig intelligent und trotzdem unterhaltsam, komm, komm.

Keine Ahnung, was hier schon wieder das Problem war oder warum der Zuschauer nach etw. zwanzig Minuten denkt: Kommt, lasst gut sein (Regie: Marcus H. Rosenmüller, komödienerprobt). Auf ungute Art merkt man dem Film an, dass er die Verfilmung einer auf dem flachen Land sehr erfolgreichen Boulevard-Theater-Komödie ist — Pointen, Pointen, Pointen und die furchtbare sehr gute Beobachtungsgabe der Drehbuchautoren. Türken, Nazis, Wokeness, das deutsche-Tschibo-Karohemd, der deutsche Multifunktions-Grill, ein alter Benz, Bundesrepublik-Nostalgie, der in den 1980er-Jahre noch moderne Tennisclub (Signalfarbe Orange), alles muss vorkommen.

Die armen Schauspieler — wie oft dachte man im deutschen Kino schon: Ihr aaaaarmen Schauspieler! — sie stehen da in einer Kleinstadt-Tennishalle und sagen tapfer den sehr gut geschriebenen Wortwitz/ die deutsche Gesellschafts-Satire auf: Der Vereinspräsident (Kerpeling) heißt Heribert, der Hausmeister (Milan Peschel) Hans-Günther, alles klar (sorry, sorry, aber hat Milan Peschel jetzt nicht mal genug Unterhalt für seine 15 Kinder verdient? In welchem deutschen Film spielt der bitte nicht mit?). Es ist doch sehr interessant zu sehen, wie schwer es offenbar ist, einen gelungenen Kinofilm herzustellen — viel schwerer als ein gutes abstraktes Gedicht zu schreiben oder ein gelungenes, nicht hässliches Aquarell zu malen!

Was ist noch mühsamer als eine zum Erfolg verdammte deutsche Kino-Komödie? Genau, eine Komödie, die uns total verunsicherten, längst nicht mehr an das Gute glaubenden Deutschen den scheißdreck Spiegel vorhalten möchte. This Season‘s German Hitkomödie: doch wieder nur Höho-Kino, eine gut gemeinte Pointen-Rappelkiste. Und mein Gott Hape, Entschuldigung: Du weißt es auch.

Beim Rausgehen schon das Plakat für den nächsten Hape-Kerkeling-Film gesehen: Vorfreude auf Horst Schlämmer sucht das Glück (demnächst in Ihrem Central-Kino) — wir erbarmungslosen Kritiker von MadW werden natürlich wieder da sein.

The falling Dunkelheit gegen 17:22 Uhr. Starke Einsamkeits-Gefühle hier heute in meinem großen Arbeitszimmer. Und ja, auch DAS ist sehr reales Thema hier, draußen im Königreich der Oberfranken, ich kann das zugeben: die Angst zu verdummen.

So grüße ich, ich tapferer Abgeschnittener, euch, liebe Freunde, da draußen in den Städten:

Wie geht es dir, Philipp Oehmke?
Wie geht es dir, Helge Malchow?
Wie geht es dir, Martinowitsch?
Wie geht es dir, Annabelle Hirsch?
Wie geht es dir, Julia Voss?
Wie geht es euch, Anna und Jakob?

Die Hühnersuppe von gestern noch mal aufwärmen (the art of Aufwärming).

Mit jener fiebrigen Aufmerksamkeit, die exklusiv für das Betrachten des Literarischen Quartetts reserviert ist, die neueste Folge des Literarischen Quartetts angeschaut (viele sagen, man braucht es nicht mehr gucken, klar, ich sage, ich schaue es trotzdem lieber als viel anderen Scheiß im Fernsehen, vielleicht auch aus einer Art Wetten, dass ..?-Nostalgie). Auftritt des Stars des Spiegel-Kulturteils (Xaver von Cranach), man muss sich sofort in ihn verlieben, und des Stars des Zeit-Feuilletons (Marlene Knobloch), auch in sie muss man sich sofort verlieben, tolle Folge.  

Dann, heute, Freitagabend, ab 20 Uhr im „Kulturhammer“, der Gasthaus-Bühne in 95199 Thierstein-Kaiserhammer: Elektronischer Tanzabend mit DJ Diskopeter (Eigenwerbung: „unterwegs in ganz Bayern und darüber und daneben und auch mal in Berlin“) und DJ Karamelli.

Ich halte mich bereit. Als einer der Allerersten möchte ich da sein.

 

5. Februar 2026, Donnerstag

Ist es möglich, über das Symposium „Windenergie im Wald“, veranstaltet vom Bayerischen Waldbesitzerverband e. V., vom Bayerischen Bauernverband und Verband Familienbetriebe Land und Forst Bayern, etwas Interessantes zu erzählen?

Das ist ganz sicher möglich, mir ist es nur gerade nicht gegeben (habe es nicht mal versucht, sorry, sorry). Ich kann erzählen, dass ich den Ausflug zum Veranstaltungsort Haus der Bayerischen Landwirtschaft in Herrsching am Ammersee — Dienstag hin, am gestrigen Mittwoch zurück — mit Freund Michael Rehwagen unternommen habe. Mit Rehwagen wäre es auch möglich, auf einen dreitägigen Kongress über Ameisenärsche zu fahren, es wäre immer noch cool, die Gespräche wären immer inspiriert, gleichzeitig ernsthaft und stets über den unmittelbaren Gegenstand hinauszeigend. Beim Mittagessen am Veranstaltungsort — Tafelspitz mit Meerrettichsoße, Kaiserschmarren mit Pflaumenkompott — lernten wir natürlich gleich jede Menge interessante Gestalten kennen. Meinungen, Biografien, auch die für Symposien typischen, etwas wirren „Ich weiß etwas, was Sie nicht wissen“-Theorien entsponnen sich. Wow.

Im Text+Kritik-Band No. 250 über Moritz von Uslar gelesen. Der für Januar angekündigte Band ist noch nicht erhältlich (meine Amazon-Seite meldet: Wird Ende März geliefert), aber man kann ja das sogenannte E-Book von Kindle kaufen. Über sich selbst zu lesen, das weiß man, ist giftig — man merkt es sofort, es entsteht so eine fiebrige-wirre Hektik im Kopf. Deshalb nach zirka dreißig Minuten aufgehört (und natürlich trotzdem schlecht geschlafen).

Lustig, wie sich die ihrem Sujet mindestens freundlich zugeneigten Professorinnen und Professoren vor allem in den ersten Texten des Bands schon ziemlich einen abbrechen müssen. Die Texte, um die es da geht — die frühen Tempo-Texte aus den Jahren 1989 bis 1991, die Theaterstücke, der Roman mit dem anstrengenden Titel Waldstein oder der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005 — waren halt einfach nicht so gut. Da wird es schwer.

Zur Poetologie Uslar, wie sie hier in den Meldungen erscheint, nur ein paar Sätze — Achtung, ich zitiere jetzt nicht aus dem tollen Text+Kritik-Band, die Exegese kommt von mir selbst, was ja tendenziell total daneben und verboten ist, ich mach das hier aber trotzdem mal:

Die Haltung ist immer: Alles ist interessant, sobald es durch die Uslar-Formuliermaschine gegangen ist und hier, in der Ein-Mann-Zeitung MadW, erscheint. Das sage ich ganz uneitel, eben — weil es, meiner Ansicht nach, so funktioniert.

Und komisch, Faszinosum Text: Dann wird es interessant. Mein Denken ist interessant — wie schön, das immer wieder zu erfahren. Nicht, weil die Themen, die hier verhandelt werden — das Wetter im Wald, die Speisekarte des Gasthofs zur Sonne, Wehwehchen beim Älterwerden, der ewige Stadt-Land-Vergleich, die neueste Trump-Scheiße —, per se alle interessant wären (sind sie ja nicht, da wird ja unentwegt in sehr viel Egales hineingeplaudert). Sondern weil die Schreibmethode Uslar etwas herstellt, das sich von mir, noch während ich es hintippe, entfernt — als Sound, dem ich dann selbst, während ich ihn herstelle, mit sich selbst verstärkend guter und immer besserer Laune zuhöre. So denke ich oft beim Mich-selbst-Lesen: Guck mal, das ist aber schön. Und interessant. Oder, Mensch, das ist ja lustig. Sehr schön, Moritz! Und: bitte weitermachen, Moritz von Uslar!

Eine voll öde Erkältung.

Wie meine Freundin Anna immer sagt (Hallo, meine Liebe Anna): Wer erkältet ist oder eine Grippe hat, der will seinen Mitmenschen ja immer etwas sagen. Was willst du uns also sagen, Erkälteter?

Ich weiß es nicht. Ich verstehe diese Theorie, die mich sofort unter Druck setzt, ehrlich gesagt auch nicht. Wenn ich etwas sagen möchte, sage ich es, glaube ich, einfach und lass das nicht die doofen Viren machen. Aber ich finde die attitude, um der es Anna natürlich auch geht, natürlich genau richtig und unterstütze sie:

Lass dich nicht hängen, öder alter Mann. Werde gesund!

„New START“, das letzte direkte Abkommen zur Begrenzung atomarer Sprengköpfe, läuft heute aus.

Christine Madeleine Odette Lagarde, meine Heldin (EZB).

Frankenpost, Titelseite: Der Freistaat Bayern will bis 2030 zum Mond fliegen (genauer: vom noch zu bauenden Kontrollzentrum Oberpfaffenhofen) und gibt dafür 58 Millionen Euro aus. Supercool. Ministerpräsident Markus Söder: Der Mond sei letztlich auch eine Zwischenstation zum Mars. Logisch, logisch.

3. Februar 2026, Dienstag

Währenddessen, im Gastraum des schönen Gasthauses zur Goldenen Sonne am gestrigen Montagabend gegen 18 Uhr:

Auf der Speisekarte stehen, neben den üblichen Christl-Klassikern (Krenfleisch, gepökelte Rinderzunge, Schnitzel, Cordon Bleu, Pfannensülze, gebackener Camembert, Hausmacherpreßsack) gleich zwei „Aktionen“, also:

Aktion Leberklößsuppe 3 Euro.
Aktion Rinderrouloude mit Klöß‘ und Salat 16,80 Euro.

Wir werden von der Chefin erst gar nicht gefragt, was wir bestellen möchten, sondern sind ganz automatisch für beide Aktionsgerichte eingeplant, wobei die erste Aktion — die Suppe — gleich auf dem Tisch steht.

„Moritzla, ein Bier vom Fass dazu?“
Sehr gerne, Christl.

Im Folgenden Gespräche über die drei Brenner des Fichtelgebirges:

Kriminalität (Was geschieht oben am Pilgramsreuther Sportplatz? Wird da wirklich mit Drogen gedealt? Das kann ja wohl nicht wahr sein).
Windenergie. Wie geht das jetzt weiter mit den durch die Regionalplanung ausgewiesenen Rädern in Martinlamitz? Steigt die Firma Sandler ein oder nicht?
Der seit Jahren geplante, in irgend welchen Gerichten festhängende Bike-Park am Kornberg. Sind wir dafür? Schon auch. Sind wir dagegen? Schon eher noch mehr.

Man versteht, dass so ein Bike-Park die Invasion der Mountain- und Querfeldein-Biker auf ein vorher abgestecktes Areal bindet. Andererseits: Hat man sie einmal im Wald, suchen sie sich natürlich ihre Wege auch außerhalb des Bike-Areals. Schwierig, schwierig. Weiterer Diskussionsbedarf.

Und im Weiteren geraten my man Peter Pretsch from 95100 Selb und die anderen Gäste am Tisch (unter anderem my man Rehwagen, Michael) in Gespräche und ERINNERUNGEN, zwischenzeitlich dann in eine regelrechte Erinnerungs-Ekstase, was in den Jahren 1982 bis 1992 (so etwa) in der Region los war und welche Lokale es in Hof gebracht haben.

Die Christl steht vom Tisch auf und schaut von hintern Tresen zu, während das Aufnahmegerät läuft, mit dokumentierten Gesprächen möchte sie nichts zu tun haben (nachvollziehbar), sie mag das nicht.

Gesprächsausschnitte:

La Schokolada, ehemals Movie in der Altstadt (bitte fränkisch aussprechen: das Schogolada, das k wie ein g, das d wird zum ganz weichem d).
Galeriehaus.
Rotes Ross.
Das Collage.
Das Hemingway.
Kronenbar.
Tante Fredda.
Das Jean-Paul-Café, da konntest du noch ein Kännchen bestellen, das war schön, das haben sie abgerissen.

Die Lisa mit dem Kronenkeller in der Ludwigstraße.
Der Alte Bahnhof.
Das Rockofant.
Das Anadom, weil: am Dom.
Café Marie.
Das Roxy. „Da hat mal einer meine Collegejacke geklaut, während ich geflippert habe. Da bin ich hinterher, und er musste einsehen, dass das meine Collegejacke ist. Danach wurde weitergeflippert.“
Das Finale, unverändert seit Jahrzehnten.
Die Kaminbar, im Keller, gegenüber vom Schokolada, in einer Passage.
Und, oh Gott, ganz wichtig: das Café Atemnot. Da hat die Anke bedient, rothaarig, eigentlich supersüß. „Immer, wenn sie gekocht hat, in den Achtzigern, irgend einen frühveganen Wahnsinn, habe ich das Schinken-Käse-Baguette genommen. Dann hat sie sich neben mich gesetzt, und ich musste das erklären.“ (Pretsch)

Das Schnürsenkel, Gay Bar, Fabrikzeile, Richtung Media-Markt, Eisteich.
Sir Otto. Wie heißt der Besitzer? Der Rau-Rudi. Der hatte seine Frisur mit Klebeband an der Stirn festgepappt, Megastyle.
Er hat sich in einen Porsche 911er einen scheiß Käfer-Motor eingebaut, weil der weniger Sprit braucht. Fasst man das? Wo ist der bitte gelandet?
Micky. Zirka 1,55 Meter groß. Der hatte das Schokolada. Später wohnhaft in Spanien. Halb Hof ist damals, in den Achtzigerjahren, nach Spanien ausgewandert, weil es da so schön warm war. Der hatte sich seine Kniescheiben orthopädisch in Stand setzen lassen — die mussten wieder rausgenommen werden, das hat irgend was nicht geklappt.
Edgar Klinger, das war der mit dem goldenen Mercedes mit den roten Ledersitzen. Die Klinger Brothers, die waren bekannt in Hof, man hielt besser Abstand.

Zum Schwan.
Die Quelle, der Rundbau in der Pfarr.
Hinten am Moritzpark … war nichts eigentlich.
Gott, die Fischküchen! „Wunderbarer Laden, ein herrliches Lokal.“ Da war die Marga drin, als Bedienung, das hatte bis um vier Uhr früh offen, locker. Da ist jetzt ein Döner drin, wie heute überall in Hof.
Das Hotel Enden, die hatten immer nur zu den Filmtagen offen. Fürs Separée hat der Chef immer Personal aus dem Gefängnis geholt.
Waaßt des nimmer?

Man muss sehr gerne haben an der Christl (neben den anderen Dingen, die man an ihr ganz automatisch gern hat), dass sie den Bierkonsum ihrer Gäste auf ganz unaufdringliche Art und Weise mit im Blick hat und lenkt. Nach zwei Bier heißt es zuverlässig: „Du nimmst ein Alkoholfreies, Moritz? Bring ich dir.“

Vom Pretsch-Peter macht jetzt ein Foto von 1984 die Runde — es zeigt ihn als very good looking young man mit James-Dean-Haaren und grün-weißer Collegejacke, zu einer Nachtstunde in Hof.

Und my man Peter Liebscher vom Schwarzen Peter in Selb schickt, während das Gespräch bei Christl läuft, ein Handyvideo vom Bauerndom, gleich gegenüber vom Gasthaus gelegen, soeben bei einer Zigarettenpause aufgenommen. Die alte Friedhofsmauer (Feldsteine). Schnee auf Dächern, auf dem großen Holzstadel, auf der Gasthofterrasse. Die Turmuhr schlägt neun.

Fast schon irreale brillante, kleine Überraschung — zum Abschluss dieses so gleichermaßen ganz durchschnittlichen und denkwürdigen Abends: Wir standen schon zwischen den Tischen, die Mäntel und Schals in den Händen, als Christl ein Gästebuch auf den Tisch legte: grüner Ledereinband, goldene Schrift. Und das Buch nach einigem Herumblättern geöffnet liegen ließ. Sie zeigte auf die linke Buchseite, kein Wort, nur Christls Finger auf dem schweren, gelben Papier.

Vier Zeilen, mit Kugelschreiber geschrieben, darunter ein mit Tesafilm eingeklebter Ausriss einer Leute von heute-Meldung aus Bunte. Der handschriftliche Eintrag in der so vertrauten, sehr gut leserlichen Schrift:

5. März 1995
Ein leckeres Wochenende in der Goldenen Sonne
Danke für alles, liebe Familie Luding.
Euer Christian Kracht & Stefanie

Das Bunte-Foto zeigte Krachti in sehr klassischer, der fast schon sprichwörtlichen Neunzigerjahre-Faserland-Montur (hellblaues Brooks-Brothers-Hemd, heller Trenchcoat) mit einem herrlich überdrehten, natürlich auch prophetischen Bunte-Hysterie-Text — es war wohl der erste Text, der je über den späteren Welt-Schriftsteller Krach publiziert wurde: „(…) Ein Hauch von Genialität weht durch ihn (…).“

Staunen.
Ein Lichtpfeil und Schlagschatten trafen mich mitten ins Herz, direkt von 1995, einem Sternstunden-Jahr der deutschen Literatur, kommend. Und sogleich natürlich extreme Rührung — über alles, was ganz früher einmal war.

Big time, Christl.

Heute Morgen, zur besten Guten-Morgen-Zeit um kurz vor neun, entschied ich dann, heute mal nicht raus in den Wald und zu den Profis Mr. Randolph und Dr. Jacklestone zu fahren. Man ist ja frei. Stattdessen: Schreibtisch. Studium der Zeitschrift AFZ Der Wald/ Die Zeitschrift für Forstpraxis/ Forschen. Wissen. Verstehen. In der Halle unten läuft heute der große Putztag.

Spaziergang, einmal die Allee rauf und wieder runter, es ist noch nicht einmal elf Uhr. Man kann ja hier im Wald — das fällt mir nach knapp zwei Jahren immer noch wie eine Überraschung ein — einfach vor die Tür gehen und atmen.

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